Lena Gorelik: Pegida, Selbstzweifel und Ehrlichkeit.

Elina - Dienstag, 19. Januar 2016

Lena Gorelik hat viele schöne Bücher geschrieben. Für das letzte Buch hat sie den Buchpreis der Stiftung Ravensburger Verlag erhalten. Die Süddeutsche nannte sie einmal 'brillant'. In den nächsten Monaten ist sie immer noch auf Lese-Reise durch Deutschland für ihr aktuelles Buch "Null bis Unendlich". Geht hin!

Ich bewundere Lena seit Jahren, und durfte sie im Sommer 2014 treffen! Für das Gespräch traf ich die Münchnerin in Berlin. Da kamen große Glücksgefühle auf!  Und was besprechen zwei Frauen, beide Mütter, die in der Sowjetunion geboren sind, wenn sie sich treffen? 

E Was führt dich nach Berlin?

L Heute Abend bin ich in der Landesvertretung Bremen, und dort [in Bremerhaven] gibt es das Deutsche Auswandererhaus, und die feiern ein Jubiläum und machen eine Podiumsdiskussion, auch mit der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung und da bin ich sozusagen mit auf dem Podium. Ich bin wahnsinnig gern in Berlin und nutz dann die Zeit um auch andere Termin abzuklappern.

E Sind das quasi die Standard-Veranstaltungen, zu denen man dann eingeladen wird, sobald irgendwie was mit Integration stattfindet?

L Also schon. Ich mach natürlich auch viele Lesungen aus den Romanen, das ist dann ein anderer Raum, aber schon viele Podiumsdiskussionen und politische Sachen. Sowas wie heute freut mich sehr, weil ich sonst bei diesen Veranstaltungen sehr oft das Gefühl hab es bringt eigentlich nichts, weil sozusagen die, die sich auf den Podien treffen, schon einer Meinung sind. Es ist ja jetzt nicht so, als wenn die noch einen Neonazi aus Sachen dazu holen würden. Also es ist so, man unterhält sich unter Gleichsinnigen auf einem Niveau, das glaub ich nicht dem Niveau der Mehrheitsgesellschaft entspricht. Wenn da irgendwie drei Wissenschaftler sitzen, die mit Begriffen um sich schmeißen, dann ist das glaub ich jetzt nicht so als dass es jeden interessiert, Im Publikum sitzen dann ja auch meist menschen die...wenn ich mich per se dazu entscheide an meinem freien Abend zu so einer Podiumsdiskussion zu gehen, dann hab ich ja schon eine sehr politische und eine sehr starke Meinung, sonst würde ich das nicht tun. Das heißt man bewegt sich unter seinesgleichen und das ist so ein bisschen so eine wiederkehrende Selbstbestätigung und deswegen freut es mich, wenn es in einem politisch, oder politisiertem Raum stattfindet. Wie zum Beispiel heute Abend,wo ich das Gefühl hab, wenn ich irgendwas sage, und dann sitzen da vielleicht drei, vier Politiker oder Museumskuratoren oder Menschen von Organisationen, die in dem Themenbereich arbeiten, die dann tatsächlich etwas umsetzen können, dann hab ich zumindest das Gefühl, dass das was bringt. Und nicht: Wir sitzen da und beklatschen uns gegenseitig dafür, was für offene Menschen wir sind.

E Sind das dann meistens ältere Altersgruppen? Ich war vor zwei Jahren eine Zeit lang sehr intensiv mit dem Bundestag zusammen in der Integrationsarbeit tätig und hatte eigene Projekte. Vor allen Dingen bei russlanddeutschen Events waren es eigentlich immer Menschen ab Mitte 50, weisste es war jedesmal die gleiche Gruppe...oder sind bei dir auch mal Jüngere dabei?

L Ja, es sind auch schon mal Jüngere dabei, aber es ist schon so ein bestimmtes Bildungsbürgertum, viele Frauen, eigentlich meistens Frauen, und schon viele älter. Es gibt so die obligatorischen jungen Leute. Es ist aber schon ein bestimmtes Publikum, also man ändert letztendlich nichts an der Masse und an den Ängsten die in der Masse herrschen. Das kann so eine Podiumsdiskussion oder so eine Art von Veranstaltung auch gar nicht. Das können aber natürlich Leute, die wie zum Beispiel heute Abend in den richtigen Gremien oder Organisationen sitzen. Die können durchaus Dinge anders machen... also hoffe ich.

E Aber es sind meistens eher solche persönlichen Veranstaltungen, bei denen du wirklich vor Ort bist und dich dem Publikum direkt stellst. Hast du Fernsehen auch schon mal gemacht und wie war die Erfahrung? Ich guck mir manchmal diese Talkshows an und letztens habe ich etwas zur sogenannten Vereinbarkeitsdebatte geguckt, und hab mir wie fast jedes Mal gedacht, wie kann man nur jedes Mal solche Idioten einladen? Es ist ganz selten, dass ich wirklich interessante Leute sehe.

L Es ist halt auch eine ständige Wiederholung. Also es passiert nichts, hab ich das Gefühl. Also wenn ich mir etwas angucke, wo ich vor acht Jahren in der Sendung saß, und das vergleiche mit dem was heute Abend sein wird, dann kann ich dir sagen, dass sicher einige Sätze fallen werden, die auch schon vor acht Jahren gefallen sind. Also ich finde wir sind ganz oft in so einem Diskurs gefangen, der nichts mit der Realität zu tun hat, also sowohl in den Adressaten, als auch im Publikum, wir diskutieren das auf einer Ebene die nichts mit dem zu tun hat, was da draußen vor sich geht. Ich habe jetzt auch kein pauschales Rezept, wie man das ändern könnte. Manchmal hab ich das Gefühl, wir sind wie Affen, oder wie Zirkustiere, und dann haben wir das gemacht, weißt du, bei 'Hart aber Fair', oder Jauch hat zu dem Thema eingeladen und dann gibt’s eine Debatte und dann ist gut. So. Und darüber hinaus geht’s nicht. Und das ist problematisch.

Ich hab mich dann gefragt, ob es nicht konsequent wäre zu sagen ‚ich mach das nicht’ - aber dann würde ich ja gar nichts tun. Weißte ich war einmal in München bei so einer anti-Pegida Bewegung und die war tausendmal größer als Pegida an sich. Als ich da war hab ich geschätzt 50 Leute getroffen, die ich kannte und alle haben sich wahnsinnig gut gefühlt, weil sie da sind. Und dann hab ich gedacht, man ist dann da und man trifft letztendlich Freunde oder Bekannte und macht noch ein Foto fürs Facebook, geht nach Hause und denkt, ich hab echt was bewegt in diesem Land. Nur dass das für die, die da in Freital irgendwelche Flüchtlingswohnheime angreifen nichts ändert, oder an den Zahlen für Pegida nichts ändert, weiß ich nicht ob man sich dessen bewusst ist. Ich weiß nicht, ob dann die Entscheidung, ich zieh mich raus und gehe nicht zu den Gegendemonstrationen, ob das auch richtig ist. Ich habe nur manchmal das Gefühl, man bewegt nichts. Ich weiss nicht immer wie ich damit umgehen kann oder soll.

E Ich verstehe das Gefühl. Wir sind vor zwei, drei Wochen auf dieser großen anti-Bärgida gewesen. Wir wohnen ganz in der nähe vom Hauptbahnhof und die Bärgida ist dann wirklich zwei Wochen lang montags an unserem Haus vorbeigezogen. Dann denkt man sich, hey, das kann doch nicht sein, die können doch nicht durch Moabit gehen. Also Regierungsviertel ist eine Sache, wenn sie das anmelden, aber sie können doch nicht quer durch Moabit gehen. Und dann sind wir auch mitgelaufen. Es war tatsächlich ein komisches Gefühl. Es war ganz viel Partystimmung, das Wetter war toll, die Leute haben getrunken, und es waren unglaublich viele vom gleichen Schlag: die alternativen, linksorientierten Studenten, und ich meinte zu meinem Mann, wo sind die Anzugsträger? Und ich guck ihn und sage, oh 16:30 Uhr, weisste was die sitzen im Büro. Wo sind die Leute, die ein bisschen mehr davon hätten? Und dann kann ich auch verstehen, wenn die Anwohner rausgeguckt haben, und was haben die gesehen? Irgendwie zwei, drei tausend, mein Vater würde sagen, Hippies. Es sind ganz große Emotionen und man fühlt sich total toll dabei!

L GENAU! Das ist so ein Selbstbestätigungsding, und es hat natürlich zwei Seiten, weil die Leute schon politisch sind, und es ist immer noch besser als zu Hause zu sitzen, und sich das aus dem Fenster aus anzugucken. Es ist trotzdem...also die Frage ist, was für eine Wirkung hat es, ja? Irgendjemand, der da in Leipzig oder in Dresden dasitzt und seinem Freund erzählt, die Muslime wollen uns alle köpfen, dem ist es doch egal, ob in Berlin, oder von mir aus auch in Dresden, die anti-Pegida Bewegung so riesengroß ist. Der wird nicht sagen, ach ja, stimmt, wenn da jetzt 20.000 Leute gegen Pegida demonstrieren gehen, dann sind die Muslime gar nicht so schlimm, wie wir denken, weißt du?

E Du ich weiß genau was du meinst. Du hast ja auch in der Zeit darüber geschrieben, über dieses Phänomen. Liest du dann auch die Kommentare?

L Mhhjooaah, einen Tag lang lese ich sie und wenn es dann...Also es setzt mir nicht zu. Wenn ich dann das Gefühl habe, jetzt wird es absurd, oder es wiederholt sich ja auch vieles.dann hab ich auch nicht, dann bin ich irgendwann auch raus.

E Antwortest du dann auch mal?

L Nee. Das ist etwas...also da hab ich auch tatsächlich einfach nicht die Zeit. Wenn jemand persönlich auf mich zukommt, dann würd ich dem antworten, meistens, denke ich, aber jetzt so eine Internetdiskussion mit Leuten... Ich mein, wer schreibt solche Kommentare, Leute die viel Zeit haben, und die auch sehr überzeugt sind. Also bis ich einen Kommentar schreibe, das heißt, ich muss mich da anmelden, etc., also dann muss ich mich schon sehr empören. Entweder positiv oder negativ. Mit denen zu diskutieren, das bringt nichts. Um einfach nur zu wiederholen, was ich sage, ist für mich zu viel Zeitaufwand, und für die hat das glaube ich keinen Effekt.

E Diese Leute haben dann auch wirklich das Gefühl, dass sie zu dem Thema etwas sagen müssen. Das lässt sie nicht los, sie haben etwas gelesen, und das finden sie nicht in Ordnung, was da steht, und dann muss dieser Kommentar raus. Ich finde es ja sehr, sehr schwer, die Kommentare einfach zu ignorieren.

L Ach, ich bin da mittlerweile total entspannt. Manchmal vergesse ich auch da hinzugucken.

E Diese Kommentare sind auf der anderen Seite natürlich eine Möglichkeit, eine Reaktion der Außenwelt wahrzunehmen. Ich versuche immer mal wieder, mir diese Dinge abstrakt vorzustellen. Man schreibt ein Buch, mit Botschaft, und das kauft dann jemand, und diese Person liest das. Realisiert man das wirklich, dass jemand anderes da mit dem eigenen Buch sitzt und es liest? Zum Beispiel als ich mit Anfang 20 dein Buch „Sie können aber gut Deutsch“ gelesen habe, das hat mein Leben verändert. Ich bin dadurch unglaublich gewachsen, als Person, zu der Zeit. Durch dein Buch.

L In dem Moment, in dem man schreibt, ist es nichts worüber man nachdenkt. A, ist das Schreiben ein Prozess voller Zweifel, denn es ist jetzt nicht, dass ich beim Schreiben denke, hey, ich bin so toll, und das werden Leute lesen und dann werden sie ihre Meinung ändern, oder ich werd irgendwas bewegen. 99% der Zeit denk ich, wer soll denn den Quatsch lesen, und damit bin ich dann so beschäftigt, dass ich mir tatsächlich wenig Gedanken über Außenwahrnehmung mache. Eher erst danach.

Zum Beispiel gibt es so eine Zeit, so wie jetzt, ich habe gerade einen Roman fertig geschrieben, der erscheint Ende August, und den gibt es aber schon als Leseexemplar für Journalisten. Es wird aber nichts erscheinen, bis das Buch auf dem Markt ist, und das finde ich schwierig. Weißt du, so eine Zeit wo ich das Gefühl hab, das Buch ist irgendwo, und ich kann auch nichts mehr ändern oder verbessern, und gleichzeitig haben Leute es schon in der Hand und machen was damit, und finden es entweder doof oder gut, und das finde ich schwierig.

Die Zeit, in der die Rezensionen erscheinen, die ist nicht einfach. Das was ich bei den Kommentaren machen kann, zu sagen, ich lese das nicht, so gelassen bin ich natürlich bei Rezensionen nicht. Da denke ich über diese Außenwirkung nach. Oder wenn Leute anfangen, mich zu interpretieren. Artikel über mich selbst berühren mich natürlich, egal ob negativ oder positiv. Aber beim Schreiben selbst...A ich kann nur so schreiben wie ich das kann, selbst wenn ich denken würde etwas anderes würde besser wirken, oder besser ankommen, ich kann es halt nicht anders. Und B ist es natürlich ein sehr von Zweifeln begleiteter Prozess.

E Hast du dann schon einmal zurückgeschreckt, etwas zu schreiben?

L Nee. Ich überleg grad, aber ich glaube nicht. Ich bin mir schon dessen bewusst, dass ich oft Dinge sage, die anecken, und ich mach das nicht um der Provokation willen. Ich hab auch vielleicht durch dieses in Russland aufgewachsene, ach ich weiß nicht warum, aber ich habe diesen ganz starken Drang nach Meinungsfreiheit. Ich habe auch mit Freunden ein extremes Ehrlichkeitskonzept, wo sie mir auch gerne mal sagen, Lena, sag das doch einfach mal nicht. Man muss auch nicht jedes Ding ausdiskutieren, aber ich habe nun mal einfach immer das Gefühl, ich muss Dinge ansprechen.

E Ich kenn das.

L Ich habe keine Berührungsängste und ich bin auch nicht gefeit vor Reaktionen. Das ist mir nicht egal, wenn ich merke, dass ich anecke, und ich find es auch nicht cool, und ich denke dann auch nicht, oh ich bin aber eine Provokateurin, sondern es geht mir tatsächlich nur darum, die Dinge gesagt zu haben.

E Ich krieg auch gerne zu hören, kannst du nicht netter sein? Oder kannst du das nicht anders sagen? Kannst du das nicht umschreiben, oder solche Sachen.

L Das kenne ich auch. Oder ‚kann man nicht einfach darüber hinweggehen’? und ich kann es halt nicht, sonst würde ich es ja machen. Ich hab es schwer, mich in irgendwas pressen zu lassen, ich tue mich auch sehr schwer mit Regeln.

Im nächsten Teil wird es um Vereinbarkeit, Disziplin und Arbeit gehen. Bis dahin, danke, Lena!

Fotos: Kai Senf

Schlagwörter: Integration, lena gorelik, Migrationshintergrund, Pegida
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