Erklär mir mein Deutschland: Tatort

Elina - Dienstag, 16. Februar 2016

In dieser Serie werden wir und unsere GastautorInnen deutsche Phänomene mit unserer migrationshintergründlichen Sichtweise ausleuchten. Mal verwundert, mal erstaunt, vielleicht auch mal angeekelt oder begeistert. So frei nach dem Motto, we all have a little Migrationshintergrund. Heute der Klassiker: Tatort.

Ich habe mich das erste Mal in meinem Leben mit Tatort beschäftigt, als ich mit 25 Jahren an einer amerikanischen Universität (WAHOOWA!) fünf Jahre jüngeren Studenten deutsche Kultur näher bringen sollte und das Textbook ernsthaft  Tatort wichtig genug für ein ganzes Kapitel befunden hatte. Puh. Mein Migrationshintergrund schlug aus, und zwar fast bis an die eurasische Grenze, an der ich geboren war. Fucking Tatort. Noch nie vorher gesehen.

Die coolen unter euch, die Sonntagabends alleine in eine Kneipe gehen, um ihre neue Nerdbrille auszuführen und irgendein ominöses Craftbeer zu trinken, während sie ihre Sicht auf den wöchentlichen Tatort live tweeten, was soll ich sagen, ich bin nicht so cool wie ihr! (Und das ist kein Klischee, ich habe euch alle vorgestern gesehen.)

Ich musste lernen, dass Tatort keine Serie ist, wie ich sie von HBO oder Netflix kenne (und liebe). Andauernd irgendwie verschiedene Städte, Kommissare, mit so drolligen Angewohnheiten, alles immer ganz ganz ernst und am besten mindestens drei gesellschaftliche Probleme in eine Folge packen. So wie letzten Sonntag (Ludwigshafen? Schwarze Ballerina, peinlicher Rapper?) die Handysucht der Jugend, interracial Dating (wird ja jetzt wieder mehr mit den ganzen Flüchtlingen, ne?) und ach ja, Anabolika!

"Sonntagabends Tatort Rudelwatching"

Warum ich jetzt gerade diesen Tatort gesehen habe? Vorsätzlich? Hahahahaha, nein. (Den einzig anderen, den ich je gesehen hatte, war der erste Tschiller/Hamburg Tatort, meinem deutsch-deutschen jetzt Ehemann zuliebe.)

Eigentlich hatte ich vorgestern ein geschäftliches Treffen mit meiner Ride-or-Die Bitch geplant, auf einmal gingen die Lichter in dem Lokal aus und so eine komische Melodie an. What? Und wir saßen da, mit Zetteln und Smartphones und Laptops. Meine Freundin (obwohl DDR Migrationshintergrund), fing SOFORT mit dem Philosophieren an. "Ach, ist das jetzt der aus...aha, also so ähnlich wie, ah!"

Wie ihr seht, bin ich auch auf Twitter ganz groß.

Also guckte ich nebenher Tatort und fand es wirklich, wirklich ganz bescheuert. Ihr müsst bedenken, wenn man in Deutschland aufwächst, und einfach nie wirklich deutsche Serien guckt (außer natürlich GZSZ, shout out), und natürlich auch nur das eigene Familienleben kennt, dann kommen einem solche Serien sehr konstruiert vor. Auch dieses Fernsehdeutsch, irgendwie unrealistisch. Redet ihr so, liebe Deutschen? Mit so vielen Floskeln, und Sprichwörtern und so umständlich? Soweit ich mich erinnern kann, haben meine deutschen Freundinnen und ich uns eher über so eine Art und Weise zu reden, lustig gemacht. Und die kamen alle aus gutem Hause.

Ich finde ja auch viele deutsche Dialekte anstrengend (und ich hab in der Oberpfalz studiert, whaddup, Regensburg?) und wo ist eigentlich Ludwigshafen? Kommt die Katzenberger da nicht wech? Ich hab's gegoogelt. Ludwigshafen liegt schonmal weder an der Ost- noch an der Nordsee, was jemandem mit Migrationshintergrund zunächst einmal einfach nur verwirrt.

Warum ist denn jetzt der Tatort so wichtig, dass ihn Millionen jeden Sonntag gucken? Und, noch viel schlimmer, in Social Media Kanälen rauf und runter analysieren? Sich die Mühe machen, diese vertrauten Kommissare wie alte Freunde zu behandeln und neue Kollegen erst einmal kritisch zu betrachten?

Warum sind solche einenden Dinge wie Fußball und Grand Prix und Krimiserien in diversen deutschen Städten so wichtig? Habt ihr das Gefühl, sonst eine so gespaltene Nation zu sein? Zu verschieden? Ist das euer verbindendes Flaggenschwenken, das Tatortgucken? Ist das dann "deutsch"? Jeden Sonntag schlechtes Fernsehen und jeden Samstag schlechte Unterhaltung?

Ich werde diesen Fragen mal nachgehen, und gucke vielleicht noch einen dritten Tatort. Ihr könnt mich auch gerne einladen, und mir mein Deutschland erklären. Aber bitte ohne Salzstangen und Erdnüsse, das sind die Traube-Nuss-Schokoladen des Knabbergebäcks.

Picture by Davide Ragusa

Schlagwörter: deutsches Fernsehen, Deutschland, Migrationshintergrund, Tatort
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