Was ich gerade lese: Zoe Hagen und Ronja von Rönne.

Elina - Dienstag, 15. März 2016

Vor ein paar Wochen habe ich das Bücherregal nach der Kondo Methode aufgeräumt und siehe da: Ordnung! Platz! Leere! Her mit neuen Büchern!

Richtig neu wäre zum Beispiel "Tage mit Leuchtkäfern" von Zoe Hagen oder  "Wir kommen" von Ronja von Rönne.

Ich hab probiert beide an einem freien Samstagnachmittag durchzulesen, kriegt man hin. Auch wenn man ein kleines Kind hat (ja, könnt ihr es noch hören? Ich bin Mutter! Ich hab nicht viel Zeit für mich!). Wenn ich mal so einen freien Samstagnachmittag hab, dann überleg ich mir vorher ganz genau, was ich mit meiner Zeit anfangen werde, um sie sinnvoll genutzt zu haben. Manchmal ist es aber auch schön, nichts Sinnvolles zu machen. Scheiß auf die Wäsche, wir haben doch eh alle viel zu viele Klamotten, die wir nicht oft genug tragen. Einfach mal wieder aufs Sofa legen und ein Buch lesen, oder zwei.

Soll ich ehrlich sein? Vor zehn Jahren hätte ich Zoe Hagens Buch verschlungen und mich selbst auch erst wie ein trauriger, lustloser und dann lebensbejahender Teenie gefühlt. Vor fünf Jahren hätte ich Ronja von Rönnes Buch gelesen, nebenher eine Flasche Wein alleine getrunken und immer mal wieder nachgedacht, und im Buch gemalt und angestrichen. Doch der Reihe nach.

Zoe Hagen: Tage mit Leuchtkäfern

Zoe Hagen ist ein Poetry Slam Ausnahmetalent, und Berlinerin. Als Zugezogene freut man sich ja immer, wenn man einen dieser Spezies 'echte Berliner' im wahren Leben antrifft, ist ja leider auch nicht immer selbstverständlich. Ich mag ja Berliner, sehr sogar, aber das tut hier nichts zur Sache.

Die Zoe Hagen ist ein unglaublich sympathischer Mensch, und so jung, und hat die unglaublichste Stimme. Eigentlich sollte man sich "Tage mit Leuchtkäfern" als Hörbuch holen. Und vielleicht würde es die Geschichte etwas einfacher zu lesen machen, manchmal, denn dieses melodische, dieses gut ausgedrückte, das geschrieben manchmal zu geschrieben wirkt, das kommt gesprochen besser.

Ich spielte Topfschlagen oder wahlweise auch Nachbarskinderschlagen, so dass meine Mutter mir Pflaster mit kleinen Teddys drauf auf die Wunden klebte, die ich stolz als Zeichen meiner Gangsterness zur Schau trug.

Das Buch hat sie mit 17 geschrieben, die Hauptfigur ist 15. Ich bin jetzt 29 und frage mich, warum ich ein Buch lesen sollte, das meiner Lebensrealität gefühlt 100 Jahre entfernt liegt. Naja, aus dem gleichen Grund, warum man Bücher über adelige Romanzen, Sternenkämpfer und Biographien von großartigen Menschen liest: um rauszukommen.

Ich finde, Die Wanderhure ist ein angemessener Grund, eine Bibliothek anzuzünden.

Aber Teenager leben so hart in ihrer eigenen Welt, dass es tatsächlich dauern kann, bis man drin ist, in der Geschichte, und sich in diesen Kopf reingelesen hat. Im besten Fall kommt man rein, in meinem Fall hat es sich etwas geschleppt und langgezogen. Ich wollte prinzipiell schon wissen, was passiert, wenn so viele junge Menschen aufeinander treffen, die schon mal aufgegeben haben, in ihrem Leben, und versucht haben, sich umzubringen. In dem Buch geht es auch um Hoffnung, und wenn ihr gerade eine beschissene Zeit durchmacht, dann holt es euch, lest an einem Abend (kriegt man hin) und danach denkt man, ach, es wird auch wieder besser werden.

Eigentlich ist das Buch so wie dieses Zitat aus dem vorvorletzten Kapitel:

Es ist jetzt nicht so irre tiefsinnig oder unter die Haut gehend, aber es gefällt mir trotzdem, es bringt mich zum Lächeln.

Und deswegen könnt ihr eine Ausgabe von "Tage mit Leuchtkäfern" gewinnen! Ich glaube schon, dass es andere Menschen sehr glücklich machen könnte, dieses Buch. Kommentiert diesen Post mit der Antwort auf die Frage: Was war euer größter Traum mit 15?

Ronja von Rönne: Wir kommen.

Wenn mir die Welt der Protagonisten in Zoe Hagens Buch fremd war, dann war das, was Ronja von Rönne da beschreibt mir in etwa so bekannt wie Designer Kleider einfach so, nicht on Sale, im Laden zu kaufen. Ich fand keinen Zugang und ich fühlte mich regelrecht abgestoßen von den Problemen der Hauptfiguren. Aber gut zu wissen, dass es Frau von Rönne nicht anders geht. (So oder so ein sehr lesenswertes Interview mit ihr auf Edition F.)

Da gehen wir manchmal hin, weil dort außer uns nur kaputte Gestalten und Alkoholiker herumhängen und weil wir durch sie daran erinnert werden, wie jung und privilegiert wir sind.

Ich war ziemlich schnell ziemlich genervt und denke nun darüber nach, ob das vielleicht Absicht war. Funktioniert hat es ja. Ein richtiger Anti-Mensch, eine nervige Trulla, die sich ihrer besten Freundin gegenüber nicht behaupten kann, mit der Mutter (wie schon bei Zoe Hagens Buch) ist alles ein wenig verkorkst und dann noch ein bisschen Depression und Psychiatrie (wie schon bei Zoe Hagens Buch). "Ich wollte kein Buch schreiben, das über Provokation funktioniert, sondern habe mir das schwierige Thema Langweile ausgesucht." Naja, langweilig ist es ja. Es ist eigentlich so langweilig wie damals "The Hills" auf MTV. #teamlauren #LC

Denn eigentlich gehören nur Tage aufgeschrieben, an denen man vor lauter Erlebnissen keine Zeit hat, sie aufzuschreiben.

Richtig, und wenn man ein Tagebuch liest, von Nora, in deren Leben nichts passiert, dann langweilt man sich, oder macht sich auch einen Sekt auf. Überhaupt eignet sich "Wir kommen" prima als Trinkspiel.

Ich war heiß auf dieses Buch, ich freute mich auf die Action und las es und dachte mir, und jetzt, what the fuck, Mädel, werd erwachsen, mach dir n Kaffee, von mir aus mit einem guten Schuss Doppelkorn, kündige deinen Job, scheiß auf diese Leute. Aber, und ich erinnerte mich, das hier ist eine noch krassere Welt als die der 15-Jährigen, die hier sind Anfang Mitte 20 und haben genauso wenig Plan vom Leben, und dazu: keine Träume. Auch schade.

Ich hatte nicht die Orientierung verloren, ich wusste einfach nicht, wohin mit mir.

Ich dachte mal wieder, lütt Deern, biste nicht intellektuell genug, für so ein Geschwafel. Teile des Geschwafels waren nun aber wunderschön! Und auch unterhaltsam. Trotzdem: bei allen guten Stellen, die eben nur diesen Highlight Charakter hatten, kam ich nicht rein, "in den Stoff", und ich habe es probiert.Und das macht es schon auch lesenswert. Die Süddeutsche meinte, eine Null-Bock-Einstellung der Autorin selber zu erkennen. Ich glaube nicht, dass es ihr egal war, was sie da geschrieben hat. Das ist wie mit dem Nude Make-Up und Contouring. Man arbeitet ganz viel und intensiv daran, dass man am Ende flawless und völlig natürlich aussieht.

Ich denke, dass sie sich ihren Arsch abgearbeitet hat, für dieses Buch, und ich glaube, dass es sehr sehr vielen Menschen (sprich die in Kreuzhain-Friedrichsberg und Mitte um die 20, bzw. 30, wir sind ja in Berlin, leben und Teenies aus der niedersächsischen Provinz, die raus wollen) sehr sehr gefallen wird, was sie da geschrieben hat. Und allen anderen Menschen geht es halt wie jedem pampigen Kreisliga-Fußballer: Cristiano Ronaldo hassen ist so einfach, dass es alle machen. Dass Ronaldo aber immer der erste und letzte am Platz ist und hart arbeitet für sein Geld und einfach mal einer der talentiertesten Fußballer ever ist, das wäre ja zu schnöde.

Ronja von Rönne ist nicht der Cristiano Ronaldo deutscher Gegenwartsliteratur, um Himmels Willen. Auch wenn sie, wie schon so oft erwähnt, ja doch auch sehr schön ist. Allein weil Kritik wohl doch noch nicht an ihr runterperlt, auch wenn sie sagt, dass "Kritik von Menschen, mit denen man nicht seinen Geburtstag feiert, sollte einem egal sein." Da hat sie Recht. Sehe ich ähnlich, und dass es schwer ist, finde ich auch. Cristiano Ronaldo wahrscheinlich nicht. Dem glaub ich, dass er weiß, wie schön, reich und begabt er ist.

Bevor hier nur gemeckert wird. Eine junge Dame, die diesen Junge Frauen, bisschen Selbstmitleid, bisschen Probleme, bisschen Liebe finden Roman perfektioniert hat: Olga Grjasnowa. "Der Russe ist einer, der Birken liebt" ist nichts anderes als ein perfektes, wunderschönes Buch, das einen packt, ab der ersten, zweiten und dritten Seite und einen nicht mehr loslässt. Das Buch bleibt mein Standard. Und wenn ich nicht ab den ersten paar Seiten so abgeholt werde, dann lohnt es sich eigentlich nicht, weiterzulesen. Schade. Ich hatte mir mehr erhofft.

Übrigens, am 6. März 2016 erschien dieser Blogpost von Frau Ruth und man könnte meinen, sie macht sich ein bisschen lustig über diese depressive Grundstimmung beider Bücher.

Dieser Blogpost über Ronja von Rönne hat es erfolgreich und bewusst vermieden, das Wort anekeln oder Feminismus zu benutzen.

Foto: Laura Droße

Schlagwörter: Literatur, Ronja von Rönne, Zoe Hagen
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