Erklär mir mein Deutschland: Janosch

Elina - Donnerstag, 24. März 2016

Ich hab noch nie ein Buch von Janosch gelesen. Als ich als Au Pair nach Amerika ging, hab ich eine Tigerente für die Kleine mitgebracht. Und ich erinnere mich dunkel an den Tigerenten Club im Fernsehen, der den Disney Club, den ich Sonntags immer geguckt habe irgendwann abgelöst hat. Ansonsten war Janosch und die Tigerente und die Geschichten über Panama meinen deutsch-deutschen Schulfreundinnen vorbehalten. Während der Schwangerschaft las ich mal einen Artikel darüber, dass Janosch voll frauenfeindlich sei und beschloss, die Tigerente zu boykottieren, und mich auf Winnie Pooh und Barbapapa zu konzentrieren. Überraschung, dem Baby war es egal.

Doch jetzt kam mir diese Biographie ins Haus geflattert und ich musste herausfinden, was es mit diesem Janosch nun so auf sich hat. Ich hob mir "Wer fast nichts braucht, hat alles" für den Urlaub auf, und dachte mir, wenn man mit den Großeltern als potentielle Babysitter in den Urlaub fährt, wird sich Zeit zum Lesen finden. Das Problem mit guten Büchern ist, dass man sie so schnell durchliest. Dann weiß man, dass es gut ist, wenn man nicht aufhören möchte, oder kann. So kam es dann auch. Zwischendurch blickte ich hoch und sagte zu allen „Boah, was für ein gutes Buch. Und wie schön. Und, uhm, inspirierend.“ Klischee Wörter, die passen.

Überall Tigerenten und Bären und Kastenfrösche

Die Erinnerung, die ich an die Übersättigung von Janosch Produkten hatte, beschreibt Angela Bajorek auch in ihrem Buch. Wie die Marke Janosch und das Bild der Tigerente und des Bären und des Frosches auf allen möglichen Alltagsgegenständen klebte und dass Janosch das überhaupt nicht geil fand. Tigerente überall. Ohne Entkommen. Es sei denn man war Migrantenkind in den Neunzigern. Dann kannte man die Tigerente höchstens noch aus dem Fernsehen, so wie ich.

Wie so oft hatte ich das Gefühl, während andere Kinder Astrid Lindgren und Janosch kennenlernten, hatten wir andere Sorgen. Woher sollen Eltern mit Migrationshintergrund über deutsche Kinderbücher Bescheid wissen? In Berlin haben wir viele tolle Kinder- und Jugendbibliotheken, die an der Lesestart Aktion des Bundesministeriums für Bildung und Forschung teilnehmen Wir haben nach unserem ersten Besuch mehrere Broschüren über die Wichtigkeit des Lesens in allen möglichen Sprachen mitbekommen und ein Buch, dessen Einleitungstext auch auf Russisch, Türkisch und Polnisch geschrieben war. Und eine hübsche gelbe Tasche. Hier könnt ihr nachgucken, ob Bibliotheken in eurer Gegend an der Aktion teilnehmen. Ich sag mal so. Anfang der 90er gab es so etwas nicht. Vielleicht hätte ich dann etwas von Janosch mitbekommen, fernab der Federmäppchen meiner Schulkameraden.

"Die achtziger und neunziger Jahre waren die Phase des größten Erfolgs des Künstlers: Jedes deutsche Kind kannte Janosch, Bär und Tiger prangten auf Tausenden von Kleidungsstücken, Spielzeugen und Haushaltsartikeln."

Janosch: In der Heimat der Sprache beheimatet

An der Biographie mag ich die Ehrlichkeit, die direkte Sprache und dieses Herzliche. Janoschs Ehrlichkeit, es ist nichts beschönigt und umständlich beschrieben. Ich mag, dass er sagt, dass Dalí vielleicht einfach nur blöde ist.

Das Besondere an Janoschs Geschichte war für mich seine Beziehung zur Sprache, zum Wasserpolnisch, zum Schlesischen, zum Grenzleben, zum Leben mit drei Identitäten, zum nicht sicher sein, und dann doch wieder sicher sein, was man eigentlich ist. Dieser Blick aufs Deutsche als Deutscher in einer deutschgemischten mit noch was Gegend.

„Ich bin weder Deutscher noch Pole. Ich habe kein Staatsgefühl. Ich finde es blöd, wenn einer stolz ist wegen seines Geburtsortes.“

„Ich fühle mich wie ein Schlesier, das ist meine Religion. Heimat ist für mich ein Zustand in der Seele, den ich nie verlor und den ich nie verließ.“

Ich bin auch mit einer Sprache groß geworden, für die es kein Land gibt, und da es die Sowjetunion nicht mehr gibt, und mich die Deutschen immer seltsam angucken, wenn ich sage, Ostwestfalen ist meine Heimat, hab ich nur diese Sprache, das Plautdietsche, als Heimat.

„Die Bedürfnisse von Janoschs Helden sind auf ein Minimum eingestellt, oft reduziert auf rein biologische Funktionen. Diese Menschen sind beschränkt, gierig, vulgär, ohne Kultur. Die zahlreichen Feiern bilden den Rhythmus eines Lebens.“

Mein Mann fragte mich mal, warum wir zu meiner Tante fahren, um ihren Hochzeitstag zu feiern. Es war weder Silber- noch Goldene Hochzeit. Dann hat man einen Grund, sagte ich. Einen Grund, sich zu sehen, zu erzählen, zu lästern und auch um zu trinken. Manchmal denke ich, Janosch redet über meine Familie.

Janosch berichtet über seinen quasi Landsmann Horst Bienek: „[Er] kam aus einem kultivierten Haus, gute Möbel in der Familie, und er hatte studiert, er war mehr ein Deutscher.“

Deutsch oder deutsch?

Bei uns war es genau andersrum. In der Sowjetunion, im Südural, an der eurasischen Grenze, da zählte das Deutschsein nichts. Außer einem Freischein ins Gefängnis, Lager und Diskriminierung. In den großen Städten in Kasachstan und Sibirien waren die Kolonisten klüger, sie hörten auf, Deutsch zu sprechen, und heirateten Russen. Dies ermöglichte ihnen Karrieren in öffentlichen Ämtern und Prestige trächtige Studiengänge. Meine Familie blieb dumme Bauern. Das war ok so für sie, und die Kolonisten hatten was zum Lachen. Sobald die Sowjetunion zusammenbrach und alle in die BRD umsiedeln wollten, waren sie auch alle plötzlich wieder deutsch.

„Jeder glaubte von seiner Sorte, sie sei besser. Unter besser versteht man: höher gestellt, mit Kultur versehen.“

So ist das. Wird man schon nicht genug angepöbelt, weil man einen Akzent hat, nicht die richtigen Klamotten oder komisches Essen als Snack mitgegeben bekommt, dann macht man sich untereinander aufgrund von irgendwelchen kulturellen Hierarchien fertig. Da scheinen die Schlesier den Russlanddeutschen in nichts nach zu stehen. Janosch lässt seinen Stanik Cholonek sagen:

„Jeder tritt uns in den Arsch, aber wir sind doch hier geboren. Wir sind weder Polen noch Deutsche.“

Ich frage mich, wie Deutsche diese Biographie lesen. Die voll ist von Identitätskrisen oder auch nicht, Klugheit, Schmerz, Prügel, Geschrei, Krieg, echten Problemen, Flucht und Vertreibung. Wenn ihr größter Held, der ihnen eine idyllische Kindheit von Harmonie und Hippiesken Lebensweisheiten geschenkt hat, auch einfach ein Flüchtling war, gefangen zwischen den Identitäten. Ich hatte keine Ahnung. Aber es ist ja auch einfacher Tigerenten auf T-Shirts zu drucken, als sich mit der Bedeutung des Tieres und der Geschichte des Autors zu befassen.

"Die Tigerente steht für das Wesen des Menschen: Der Mensch ist eine Mischung aus Tiger und Ente, manchmal überwiegt eines von beiden. Nach außen ist er ein Tiger und innen eine Ente. Manche sind eine Bestie und sehen aus wie eine Ente. Er selbst ist nicht handlungsfähig, handelt nur, wenn etwas anderes ihn bewegt."

Und für all meine Homegirls: Glaubt nicht alles, was irgendwelche Blogs schreiben. Janosch ist ein ausgewiefter Journalistenhasser und -verarscher. Die angebliche Frauenfeindlichkeit wird auch angesprochen und erklärt. Doch das müsst ihr schon selber nachlesen. Es lohnt sich!

Schlagwörter: Janosch, Migrationshintergrund, Tigerente, Wir lesen
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