Lena Gorelik: Vereinbarkeit, Kinder und das Schreiben.

Elina - Freitag, 1. April 2016

Lena Gorelik hat viele schöne Bücher geschrieben. Für das letzte Buch hat sie den Buchpreis der Stiftung Ravensburger Verlag erhalten. Die Süddeutsche nannte sie einmal 'brillant'. In den nächsten Monaten ist sie immer noch auf Lese-Reise durch Deutschland für ihr aktuelles Buch "Null bis Unendlich". Geht hin!

Ich bewundere Lena seit Jahren, und durfte sie im Sommer 2014 treffen! Für das Gespräch traf ich die Münchnerin in Berlin. Da kamen große Glücksgefühle auf!  Und was besprechen zwei Frauen, beide Mütter, die in der Sowjetunion geboren sind, wenn sie sich treffen? 

E Wie sieht dein Tagesablauf aus? Gibt es eine Routine?

L Nö, null Routine. Ich bin viel unterwegs, das heißt ich bin eigentlich jede Woche zwei bis drei, auch mal vier Tage irgendwo und dadurch kommt schon mal keine Routine auf. Aber dann bin ich vielleicht auch wieder zehn Tage in München.

Das einzige Gefühl von Routine, das ich kenne, ist, dass alles durchgeplant und durchgetaktet ist. Als ich noch keine Kinder hatte, war’s ein wahnsinnig tolles Leben, weil ich viel unterwegs war und mich sozusagen hab treiben lassen. Ich konnte alles machen was ich will und konnte überall schreiben. Wenn ich dann eine Lesung in Berlin oder woanders hatte, hätte ich einfach drei Tage dran gehängt und hätte mir alle Ausstellungen angesehen, die es so gab.

Und jetzt? Gestern hatte ich einen Workshop, hab dann die Kiddies abgeholt, hab was mit denen gemacht, hab sie der Nachbarin übergeben, bin zum Flughafen gerast, mein Mann ist nach der Arbeit zur Nachbarin, hat die Kinder abgeholt, jetzt mache ich heute die Veranstaltung, morgen früh habe ich noch einen Termin, der liegt dann leider so, dass ich die Kinder nicht mehr nachmittags abholen kann, also gehen sie dann zu einem Kumpel mit und ich fahr dann direkt vom Flughafen zu dem Kumpel, um die dann dort abzuholen.

Es ist ein sehr festes, durchgeplantes System und es darf keine Fehler haben. Wenn dann einer krank wird, oder das Auto kaputt geht, dann bricht einfach ein komplettes System zusammen. Da denkt man nicht: „Oh das nervt aber“, sondern dann ist wirklich das ganze System flachgelegt.

"Schreiben ist meiner Meinung nach stark von Zweifeln geprägt, und wenn dann abends nach neun auf dem Land die Lichter ausgehen, dann werde ich tatsächlich depressiv."

E Und beim Schreiben?

Da hab ich eher noch Regeln. Ich kann eigentlich nicht in München schreiben, weil ich schlecht unter Zeitdruck schreiben kann. Artikel und Essays kann ich von überall aus schreiben, aber wenn ich einen Roman schreibe, dann kann ich das nicht wissen, dass ich um 14:30 Uhr die Kinder abholen muss und die Spülmaschine läuft.

Das heißt wenn ich unterwegs bin arbeite ich viel an Büchern. Nicht in Berlin, aber wenn ich irgendwo bin, wo ich niemanden treffen will, oder auch niemanden kenne, den ich treffen könnte, und es jetzt auch nicht tausend Ausstellungen gibt, die ich noch sehen möchte, dann schreib ich einfach in Hotels. Ich nehme mir auch Schreibauszeiten, je nachdem in welcher Schreibphase ich bin, aber als ich an diesem Roman gearbeitet hab, hab ich geguckt, dass ich alle zwei bis drei Wochen rauskam und irgendwohin fahre und da schreibe. Manchmal ist das auch eine ganze Woche, immer mal wieder krieg ich auch einen Koller, wenn ich das Gefühl hab, ich muss jetzt schreiben. Das ist dann auch für alle sehr förderlich, um ehrlich zu sein.

E Wo fährst du dann hin?

L Da gibt es keinen speziellen Ort. Eigentlich ist es mir völlig egal. Es kommt auf das Werk an, ich war letztes Jahr für dieses Buch in Istanbul. Ich hatte das Gefühl, dass ich Lautstärke brauche und dass etwas um mich herum geschehen sollte. Auf dem Land in Gasthöfen werde ich depressiv. Ich brauche tatsächlich eher Großstädte. Oder ich bin mit jemandem zusammen unterwegs, oder fahre zu Freunden, die ein Haus haben, und dann fahr ich da mal raus. Die wissen dann auch, ich schreib den ganzen Tag, aber abends können wir etwas kochen.

Schreiben ist meiner Meinung nach stark von Zweifeln geprägt, und wenn dann abends nach neun auf dem Land die Lichter ausgehen, dann werde ich tatsächlich depressiv.

"Es tut mir leid, aber es funktioniert. Wenn man diese ganzen moralischen Bedenken weglässt, dann geht es."

E Um nochmal auf das System zurück zu kommen. Hast du denn eigentlich Zeit, dich mit der Vereinbarkeitsdebatte auseinanderzusetzen? Oder findest du das relevant?

L Ich find’s blöd. Das ist ein Thema, was mich regelmäßig wahnsinnig aufregt, weil es so moralisch aufgeladen ist und so deutsch und so veraltet. Ich soll seit drei Wochen einen Text zu diesem Thema schreiben und es regt mich so wahnsinnig auf, dass ich mich vor lauter Aufregung nicht hinsetzen kann, um zu schreiben. Ein Teil von mir sagt schon, während ihr darüber nachdenkt, wie das geht, bin ich am vereinbaren.

Es tut mir leid, aber es funktioniert. Wenn man diese ganzen moralischen Bedenken weglässt, dann geht es. Ich weiß natürlich nicht, wie das ist, wenn man für ein großes Wirtschaftsunternehmen arbeitet. Ich kriege das zwar bei Freunden mit, auch die Patentante meines einen Kindes arbeitet in einer hohen Position bei einer Versicherung, und sie kriegt es auch hin. Ja, es ist natürlich sehr durchgetaktet, aber ich finde das auch nicht schlimm, es stört mich nicht und ich kriege das problemlos hin.

Als ich gestern zu meinen Kindern meinte, ich muss nach Berlin, winkten sie nicht einmal mehr. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich arme, vernachlässigte Kinder habe, sondern, dass ich sehr offene Kinder habe, die mit jedem quatschen. Der Große war zwei Wochen alt, da kam er mit ins Literaturhaus und auf jede Lesereise. Der war einfach immer mit dabei. Und beim Kleinen dann weniger, weil der Große schon in die Kita ging. Wir haben viele Reisen mit allen zusammen gemacht. Denen ist es egal, ob sie jetzt bei Mama, Papa, Oma, Opa, Babysitter sind, die sind happy, die sind selbstbewusst, die reisen gern.

Es gibt Eigenschaften, die einem an Menschen gefallen. Ich mag per se offene Menschen, die viel machen, viel reisen und die Welt kennenlernen wollen. So sind meine Kinder. Sie verstehen nicht, nicht einmal mein Dreijähriger, warum man im Urlaub immer am gleichen Ort bleibt. Das checken die nicht. Wenn wir an einem Hotel ankommen fragen sie, „wann fahren wir weiter“, „ich will noch mehr sehen“ und „da waren wir doch schon gestern“. Das find ich total sympathisch. Ich habe nicht das Gefühl, dass sie den Wurzeln entrissen sind oder Mama vermissen, weil sie das ja auch gar nicht anders kennen.

Ich hab das Gefühl ich setze unsere Kinder vielen Einflüssen aus und das ist auch etwas, was ich denen wünschen würde für ihr Leben. Und wenn andere meinen, zu Hause zu bleiben, bis das Kind sechs ist, dann ist das jedem seine Sache. Ich will nur nicht für das was ich mache, beurteilt werden, genauso wenig wie ich beurteile was andere tun. Ich finde dieser Diskurs hat etwas abwertendes, und das ist das, was mich stört, weil ich ja auch nicht abwerte.

"Ich will nur nicht für das was ich mache, beurteilt werden, genauso wenig wie ich beurteile was andere tun."

Ich hätte Schwierigkeiten damit, lange Zeit nur mit einem Kind zu kommunizieren, weil es mich einfach langweilen würde. Es tut mir leid, dass ich das so sage, aber ich finde weder Rasseln noch Legosteine noch Ritterburgen wahnsinnig spannend und wenn das aber jemand machen will, dann ist das für mich in Ordnung. Da würde ich nicht sagen, wieso macht die das und wie kann die noch einen Dreijährigen stillen, denn das ist deren Sache. Ich möchte einfach nur nicht, dass ich abgewertet werde, oder meine Kinder.

Ich hab zum Beispiel noch nie in meinem Leben gebacken und ich habe keine Lust das zu tun und ich habe kein Interesse, das zu lernen. Die Vorstellung, Mehl mit Milch zu mischen ist einfach nichts, was mich interessiert. Irgendwann kam mein Sohn an und sagte, er will einen Kuchen backen und ich hab ihm gesagt, er soll zu Papa gehen oder zu seiner Patentante. Die backt ihm dann Kuchen in Autoform und mit Schiebetüren. Und dann sagt er zu mir: „Die im Kindergarten haben gesagt, die Mama soll mit uns backen.“

E Neeeeeeeeeiiiiiiiiiin.

L Doch. Und das ist das, was ich mit abwertend meine. Jeden Elternbrief, den wir vom Kindergarten bekommen, den krieg ich in die Hand gedrückt. Jetzt haben wir letztens so eine Steuerbescheinigung bekommen über die Gebühren, die wir zahlen sollen, und den haben sie dann meinem Mann in die Hand gedrückt. Und das ist bei einer Familie, und ich meine, das sehen die ja, wir bringen die Kinder wirklich 50-50 in die Kita und holen sie ab. Es ist echt nicht so, als wenn sie meinen Mann da nie sehen und wenn man es wirklich ausrechnen würde, dann ist er vielleicht wirklich noch öfter im Kindergarten. Die Kuchen bringt immer er mit! Es ist nicht so, als wenn die denken, ich bin eine Hausfrau, und er arbeitet und trotzdem krieg ich die Elternbriefe und er die Steuerbescheide mit.

E Es sind manchmal aber auch natürlich Luxusprobleme. Mir hat mal eine Hebamme, die in verschiedenen Bezirken Berlins arbeitet, erzählt, man solle wirklich mal aufhören, sich über die Mitte-Mütter lustig zu machen, denn wenn sie die Zeit für Chinesischstunden und Yogaunterricht für Kleinkinder haben, dann ist das doch schön, dann sollen sie doch. Diese Hebamme hat ganz andere Probleme. Zum Beispiel muss sie mitunter wirklich auch Schwangeren erklären, warum diese nicht mehr rauchen sollten oder warum man einem einjährigen Kind keine Cola geben sollte!

L Genau!

E Es gibt diese Familien wirklich und das sind diejenigen, die Betreuung brauchen und die Kinder vernachlässigt sind. Genau was du eben meintest, die Frauen, die jeden Tag acht Stunden arbeiten gehen, und am besten noch morgens um sechs im Büro sitzen, um das Kind um 15 Uhr abzuholen und ihren Kindern nur gutes Bio-Essen selbst kochen, das sind nicht die, die ihre Kinder vernachlässigen.

L Das finde ich auch. Wir nehmen uns die Zeit, darüber zu diskutieren, ob das Kind vor dem Chinesischunterricht noch ins Yoga muss, und es gibt tatsächlich ganz viele Kinder, die ganz andere Probleme haben. Dieses moralisch aufgewertete, diese Ratschläge, du wirst es kennen, die man von Fremden kriegt, so nach dem Motto, die Kinder sind alle unseres. Nein! Das sind meine Kinder und das ist dein Kind, Schluss aus.

"In dem Moment, in dem man Mutter oder Vater wird, wird man zu einer öffentlichen Person und das finde ich total problematisch. Es widerspricht jedem Freiheitsgedanken, jedem Privatgedanken, auch jedem Gedanken der Vielfalt. "

Einmal stand ich in der Bahn, und mein Kleiner, so ein Jahr alt, machte Anstalten, raus aus dem Kinderwagen zu wollen. Da sagt eine Frau zu mir, „der will raus.“ Danke für die Information. Woraufhin ich gesagt habe, das würde ich jetzt nicht mehr so nett sagen, dass ich gleich aussteigen müsse. Da sagt sie zu mir, „Das Kind braucht aber Liebe.“ Und ich dann so: „Wir haben überlegt ihm Liebe zu geben, aber uns dann letzten Endes dagegen entscheiden.“ Das ist das was ich meine, dass andere es sich rausnehmen, darüber zu urteilen.

In dem Moment, in dem man Mutter oder Vater wird, wird man zu einer öffentlichen Person und das finde ich total problematisch. Es widerspricht jedem Freiheitsgedanken, jedem Privatgedanken, auch jedem Gedanken der Vielfalt. Für mich gehören Chinesischkurse genauso zur Vielfalt, nur dass ich es nicht mache. Ich war auch nicht beim Babyschwimmen und meine Kinder können trotzdem schwimmen. Die Welt geht nicht unter, und sie haben sich bisher noch nicht beklagt.

E Ich finde, dass man sich gerade in der Großstadt immer mehr alleine fühlt, die Mütter werden älter, es gibt kaum Familie im näheren Umfeld und per se auch keine Unterstützung. Mit anderen Müttern trifft man sich ja immer nur zum Kaffeetrinken oder für dämliche Kurse. Aber man trifft sich immer mit der anderen Person so dass immer eine Mutter-Kind Einheit auf eine andere trifft.

Es steckt eine ganze Industrie dahinter, die auf diese Verunsicherung spekuliert. Wir probieren viel aus, wir füttern mal Brei, mal kriegt er Steak, wir tragen im Tuch und wir schieben im Kinderwagen, aber unser Motto ist meistens wir gucken mal. Bei mir ist es natürlich auch der Fall, dass schlichtweg keine Zeit habe, 10h am Tag Babyratgeber und Blogs zu lesen, weil ich meine Masterarbeit schreibe und auf Jobsuche bin, und auch einfach weil ich ein Leben nebenher habe.

L Diese permanente Beschäftigung mit den Kindern ist ja auch etwas, was denen nicht gut tut. In der Zeit, in der sich Mütter Gedanken machen, ob das Kind gestern schon hätte krabbeln sollen, in der Zeit fängt das Kind an zu stehen. Ich kann mir doch nicht wegen jedem Kindergartenstreit Gedanken machen. Ich kenne das ja auch so, meine Eltern haben immer gearbeitet, ich hab mich nie vernachlässigt gefühlt, also wenn dann hab ich zu viel Liebe als zu wenig bekommen.

Ich glaube es tut den Kindern nicht gut, ich glaube es tut den Erwachsenen nicht gut und es ist für beide Seiten eine Art von Narzissmus. Dieses Drehen um sich selbst und dieses Beschäftigen mit sich selbst und seinem Weltbild und seinem Kind...entschuldige, aber ich glaube, dass das niemandem gut tut. Dann gibt es diese ganzen Bildungsserien, z.B. in der Zeit, darüber, wie narzisstisch die heutigen 12-jährigen sind. Wenn wir nicht wollen, dass die heute Zweijährigen Narzissten sind, dann wäre es wahrscheinlich gut, wenn wir nicht 10h am Tag darüber nachdenken würden, ob das Kind jetzt den Bio-Möhrenbrei oder den Bio-Kartoffelbrei bekommt und ob der von Babylove genauso gut ist wie der von Hipp.

Schlagwörter: Baby, Erziehung, lena gorelik, vereinbarkeit
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