Was ich gerade lese: "Die Alles ist möglich-Lüge"

Elina - Freitag, 8. April 2016

Ich habe einer Bekannten letztens ein Buch empfohlen. „Die Alles ist möglich-Lüge“ von Susanne Garsoffky und Britta Sembach. Warum würde ich so ein Unding wagen? Warum würde ich einer kinderlosen Frau ein Buch mit so einem Titel empfehlen? 

Letztens sagt sie zu mir, seitdem sie mit ihrem Freund zusammengezogen ist, würde sie die ganze Zeit gefragt werden, ob sie Kinder haben möchte. Sie hätte es verstanden, wenn nach Hochzeit gefragt werden würde, aber gleich Kinder? Sie ist doch erst Anfang 30, die beiden erst ein Jahr zusammen? Kinder wären so fernab ihrer Lebensrealität, da könnte sie noch gar nicht richtig drüber nachdenken. Sie würde wollen, ja, irgendwann, so in 1-2 Jahren aber doch noch nicht bald und schon gar nicht sofort.

Weil man so oder so nicht wissen kann, worauf man sich einlässt. Aber neben komischen Babyratgebern ist es vielleicht hilfreich auch mal ein Buch zu lesen, das über die gefühlte Wahrheit zweier arbeitenden Mütter berichtet. (Und mit zahlreichen Statistiken und Beispielen auch belegt.)

Und weil ich fast ein Jahr gebraucht habe, um es durchzulesen. Weil ich die Thematik und die Problematik kenne. Weil ich den Autorinnen zustimme. Weil ich immer unfreundlich zu meinem Mann war, wenn ich mal wieder ein Kapitel geschafft habe. Weil man, selbst wenn man noch freiberuflich arbeitet, der Mann mithilft, und das Kind noch klein ist, aggressiv und traurig wird, wenn man das alles liest. Ja, aber warum dann empfehlen?

An sich bin ich eine große Verfechterin davon, einfach zu machen, und Kinder einfach zu kriegen, wenn man Kinder haben möchte. Aber ich bin auch kein Fan davon, dass die meisten Scheidungen im ersten Lebensjahr des ersten Kindes eingereicht werden, oder dass Frauen in der Hausfrauen-, Teilzeit- oder Altersarmutsfalle landen. Und sich selbst vielleicht erklären können, wie sie da gelandet sind, aber es trotzdem überraschend kam und natürlich frustrierend ist.

Deshalb finde ich, dass man das Buch unbedingt gelesen haben muss, wenn man sich selbst noch nicht ganz bewusst ist, wie das so wird. Nicht als Abschreckung, sondern als Informationsquelle. Oder wenn man eine Zeitlang versucht, die Vereinbarkeit von ALLEM zu leben, und scheitert. Wenn man sich vorkommt wie ein Loser, und sich fragt, warum andere das und das hinkriegen und man selbst an diesem und jenem scheitert. Es ist wie ein Ikea Regal, man soll scheitern. Oder ein MacBook, das man nicht alleine reparieren kann.

Ein wenig Organisation und alles kein Problem

Wir kennen sie alle und wir waren sie alle: Die klugen Kinderlosen, die alles anders machen werden, die alles hinkriegen werden, die immer und immer wieder behaupten, „alles Organisation“. Dann bekommt man ein Kind, und das Kind schläft nicht durch, auch nicht nach einem Jahr, und das Kind kriegt Zähne, und wird krank, und der Mann wird krank, und man wird selbst krank, und aus Magen-Darm wird Bronchitis, und aus ungewaschener Wäsche wird eine nicht ausgeräumte Spülmaschine und auf einmal sind alle gesund und das Kind geht im Faschingskostüm in die Kita und du machst zum Frühstück Zwieback mit Schokosirup. Kein Mensch kann sich vorstellen, wie es ist wenn alle krank sind und keiner schläft und man sich selbst fragt, warum tun wir uns das an.

Organisation klappt, solange niemand am System rüttelt. Das System ist heilig. Es darf niemand krank werden, das Auto darf nicht kaputt gehen, man darf keine Rechnungen vergessen, es darf sich niemand betrinken, und dann verkatert sein, und eigentlich darf auch niemand in den Urlaub fahren, denn dann ist auch wieder Pustekuchen mit Routine und guten Schlafenszeiten. Aber das ist doch auch langweilig. Es macht doch viel mehr Spaß, mit dem Kleinkind Champions League zu gucken und TOOOR zu schreien. Es macht doch viel mehr Spaß Sushi zu bestellen wenn der Kühlschrank leer ist. Aber natürlich ist das Leben kein sich von alleine befüllendes Sushibuffet.

Kinderlose mögen für immer schweigen

Wenn man selbst noch keine Kinder hat, dann sollte man wahrscheinlich in Gegenwart von Eltern einfach mal die Klappe halten. Wenn ihr euch vorher eine Reinigungskraft leisten konntet, fällt eine große Belastung natürlich weg. Wenn ihr eine stark involvierte Familie habt oder ein tolles Netzwerk von Freunden, dann schätzt euch glücklich. Wenn ihr vorher ein perfektes 50-50 Paar gewesen seid, dann werdet ihr wahrscheinlich weiterhin versuchen daran zu arbeiten. Aber. Wenn ihr in der Großstadt lebt, kein Geld für eine Haushaltshilfe habt, euch andauernd zofft wegen des Haushalts, dann wird das mit dem Kind nicht besser. Wenn einer von euch beiden ein schluderiger, vercheckter, unordentlicher Arsch ist, dann wird dieser Mensch entweder über sich hinauswachsen, oder es wird noch schlimmer.

Allen Stereotypen gerecht lasst uns einfach mal davon ausgehen, dass ihr als Frauen den größeren Teil des Haushalts übernehmt. Und lasst uns mal davon ausgehen, dass eure Männer so Sätze sagen wie „stört mich nicht“ oder „es muss nicht immer perfekt sein.“ Er sagt diese Sätze nachdem ihr Wäsche in den obskursten Plätzen gefunden habt, das Geschirr in der Spülmaschine Schimmel angesetzt hat (das ist möglich) und der Müllbeutel nicht in den Mülleimer gehangen wurde und ihr tagelang Müll direkt in die Mülleimer geworfen habt.

Der Mann hat in so fern Recht, dass natürlich nicht immer alles perfekt sein muss. Und viele Frauen müssen das gerade lernen, wenn ein Kind dazukommt. Denn die Kontrolle, die man so liebgewonnen hat, die einem das Gefühl von Sicherheit gegeben hat, die ist weg, glaubt mir. Es wird jeden Tag improvisiert und umgeplant und neu geordnet und auf einmal findet ihr eine Tüte mit Klamotten, die dem Kind geschenkt wurde, ihr sie aber vergessen habt, und jetzt sind sie zu klein. Ist ok. Passiert.

Kommunikation, Kommunikation, Kommunikation. Bis man es nicht mehr hören kann.

Aber. Was ich sagen wollte: Redet. Redet vorher. Redet während der Schwangerschaft. Lest dieses Buch und stellt einander konkrete Fragen. Wie stellst du dir unser Familienleben vor? Möchtest du Elternzeit machen? Kannst du dir vorstellen, nachts aufzustehen und dich auch um das Kind zu kümmern? Kannst du dir vorstellen, in den ersten Wochen den Haushalt zu schmeißen? Wie stehst du zu Elternabenden? Wo siehst du den ersten Schultag des Kindes?

Ihr wärt überrascht, was da plötzlich für Antworten kommen. Der coolste Hipster sagt plötzlich, dass er sich in dem Start-Up keine Elternzeit leisten kann. Der gestressteste Manager erklärt, dass es für ihn selbstverständlich ist, dass er ein involvierter Vater sein möchte. Und euer Berlin-liebender Freund? Der seit 15 Jahren hier lebt? Verspürt urplötzlich den Wunsch, dass sein Kind natürlich in Franken zur Schule gehen sollte, wenn nicht schon in den Kindergarten. Oder er teilt euch von heute auf morgen mit, dass er das Kind nicht „fremdbetreut“ haben möchte in den ersten drei Jahren. Seine Mutter war ja schließlich auch zu Hause. Oder IHR habt plötzlich das Gefühl, dass ihr in den nächsten Jahren nicht arbeiten möchtet, oder ganz schnell zurück ins Büro möchtet. Aber REDET miteinander.

Vereinbarkeit geht auch anders:

Wenn euch das Buch zeitweise zu viel und zu niederschmetternd wird: Lest abwechselnd Lean In von Sheryl Sandberg, da sollte man so oder so mal reingeguckt haben. Das Buch hat mir sehr geholfen, auch daran zu glauben, dass es vielleicht doch ein bisschen was möglich ist.

Hier die besten Zitate von Sheryl Sandberg:

„Springt eine Frau unterstützend ein, ist das Gefühl der Verpflichtung schwächer. Sie ist ja am Gemeinwohl interessiert, nicht wahr? Sie will anderen helfen.“

„Wir glauben nicht nur, dass Frauen fürsorglich sind, sondern vor allem, dass sie es sein sollten. Wenn eine Frau Dinge tut, die signalisieren, dass sie vielleicht nicht nett und zuvorkommend ist, hat das einen negativen Eindruck zur Folge, und das behagt uns nicht.“

„Effektive Kommunikation beginnt mit der Einsicht, dass es meine Sichtweise (meine Wahrheit) und die Sichtweise des anderen (seine Wahrheit) gibt. Nur selten gibt es eine absolute Wahrheit. Wenn Menschen also meinen, die Wahrheit zu sagen, bringen sie die anderen zum Verstummen.“

„Es ist also kein Wunder, dass die Harvard Business School Professorin Rosabeth Moss Kanter auf einer Konferenz auf die Frage, was Männer tun sollten, damit mehr Frauen Führungsrollen übernehmen, antwortete: ‚die Wäsche’.“

Schlagwörter: Beruf, Familie, vereinbarkeit, Working Mom
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