Warum Arbeiterkind.de wichtig ist!

Elina - Donnerstag, 5. Mai 2016

Oh, das könnte ein richtiger Wutrant werden, wie man sie von mir kennt,  aber ich versuche mich zu beherrschen. Und auch Fakten mit einfließen lassen. Ich habe vor Kurzem für Studis Online die großartige Gründerin von Arbeiterkind.de interviewen dürfen: Katja Urbatsch. Ihres Zeichens sympathische Ostwestfälin, die einfach so, quasi über Nacht eine der wichtigsten Internetseiten für Studenten entwickelt hat. Sie und ihr Team, versteht sich, aber dennoch, sie hatte die Idee, sie hat sich reingehängt, ihr gebührt an dieser Stelle auch Lob, Dank und auch ein Happy Relaunch! Die neue Internetseite kann sich sehen lassen!

Nun erwähnte ich dieses Interview und die Organisation vor Kurzem in einer legeren Runde und wurde plötzlich von einer Dame unterbrochen (das tat diese Dame im Laufe des Wochenendes noch öfter).

„Wie Arbeiterkind? Was soll das denn überhaupt bedeuten? Wie definierst du denn Arbeiterkind?“

Die junge Frau neben mir antwortete für mich. „An sich wären das einfach alle, bei denen die Eltern nicht studiert haben. Also quasi junge Leute aus nicht akademischen Haushalten.“

So weit, so einfach verständlich. Doch die Dame mir gegenüber fand das überhaupt nicht verständlich und zeterte weiter. Oder wie sacht man bei uns, die hat den letzten Schuss nicht gehört, völlig Banane im Kopp. Ihre Argumente, warum Arbeiterkind.de Blödsinn ist, waren wie folgt:

"Zunächst einmal ist das doch richtig diskriminierend, was soll das denn bedeuten, Fabrikarbeiter? Wo gibt es denn heutzutage in Deutschland noch Fabrikarbeiter? Und nur weil die Eltern nicht studiert haben, muss das ja nichts heißen. Meine Eltern sind auch sehr wohlhabend gewesen und haben mir überhaupt kein Geld gegeben, ich musste immer arbeiten, und mir alles selbst verdienen! Das kann man ja mit anderen Ländern überhaupt nicht vergleichen, woanders kostet Studieren ja noch richtig Geld, hier in Deutschland ist das ja quasi kostenlos! Sollen die sich doch einfach einen Job suchen!"

Oh Leute, mein Temperament und meine Hutschnur und mein Kragen, alles wollte gleichzeitig platzen. Aus allen Nähten. Doch in solchen Momenten lohnt es sich, ruhig zu bleiben und so richtig dumme Menschen einfach nur anzugucken. Ich beschloss nichts zu sagen, und ihre Dummheit und Ignoranz auf alle anderen anwesenden Gäste wirken zu lassen. Bei manchen war die Kinnlade runtergeklappt. Richtig wie im Film.

Ich schlug ihr vor, das Gespräch weiterzuführen, wenn sie sich mal mit der Materie und der Homepage auseinandergesetzt hatte. Zu dem Zeitpunkt wäre das nur ausgeartet. In eine Ohrfeige, für sie, mit dem Stuhl, auf dem sie saß.

Puh. Also was macht Arbeiterkind.de denn nun?

Wir ermutigen Schülerinnen und Schüler aus Familien ohne Hochschulerfahrung dazu, als erste in ihrer Familie zu studieren. 6.000 Ehrenamtliche engagierten sich bundesweit in 75 lokalen ArbeiterKind.de-Gruppen, um Schülerinnen und Schüler über die Möglichkeit eines Studiums zu informieren und sie auf ihrem Weg vom Studieneinstieg bis zum erfolgreichen Studienabschluss und Berufseinstieg zu unterstützen. Unsere Ehrenamtlichen sind größtenteils selbst Studierende oder AkademikerInnen der ersten Generation und berichten aus eigener Erfahrung über ihren Bildungsaufstieg und ermutigen als persönliches Vorbild.

Welcher halbwegs normal denkende Mensch hätte daran auch nur im Ansatz etwas zu kritisieren? Ich sag euch wer: Menschen, die es ein bisschen zu gut hatten im Leben und ernsthaft keine Empathie zeigen können, oder sich in andere Menschen hineinversetzen können zu dem Punkt, dass sie, weil es in Deutschland "quasi kostenlos" ist, zu studieren, glauben, dass jeder einfach studieren kann. Die Studiengebühren sind manchmal das kleinste Problem. Gerade Eltern machen sich Gedanken, wie das Kind die Wohnung, das Wohnheim oder Essen finanzieren soll. Eventuelle Fahrten nach Hause. Ein Auslandssemester? Ein Praktikum? Die natürlich alle beschissen oder gar nicht bezahlt sind! Auch hier steht Arbeiterkind.de Eltern zur Seite und beantwortet Fragen und hilft bei Problemen.

Wenn man nun also, wie besagte Dame es selbst zugegeben hat, aus wohlhabendem Hause stammt, dann ist es selbstverständlich gewesen, dass das Kind mal studieren wird. Das Kind wird darauf vorbereitet, es wird ihm erzählt, wie viel Spaß man an der Uni hat, dass man die besten Freunde kennenlernen kann, so viel Zeit hat, um sich auch auf sich selbst zu konzentrieren, seinen Weg zu finden, man hilft bei der Bewerbung, bei der Einschreibung, bei den Abiturprüfungen und NATÜRLICH, da fängt dieser vorgeschriebene Weg ja schon an, geht das Kind auf das Gymnasium! Was denn sonst? Auf die Haupt- oder Realschule zu den Asozialen und Migranten? Die alle keine Zukunft und zu Hause keinen Duden oder Brockhaus stehen haben und keinen Tatort gucken?

In was für einer geilen kleinen Welt du leben musst, dass du ernsthaft glaubst, alles was man in dieser Welt braucht, ist ein kleiner Nebenjob und SCHWUPS studiert man einfach so Medizin und wird reich und hat ein grandioses Leben? Ich beneide die gute Frau ja ein bisschen. In der Amerikanistik wird das Phänomen "White Privilege" viel besprochen. (Hab ich im Studium gelernt, cool oder?) Dazu gehört auch die Ignoranz, sich seines eigenen Privilegs nicht bewusst zu sein. Zu sagen, dass man aus einer wohlhabenden Familie stammt, und sich dann über (mein Ausdruck, kein Zitat) "das arme Pack" zu echauffieren (guck mal, die Migrantin kennt ein Fremdwort, hat sie auf dem Gymnasium gelernt) ist ja wohl Marie Antoinette hoch tausend Millionen.

Ich kann meinen Migrationshintergrund und mein bescheidenes Elternhaus so schnell als Karte spielen, dass du dich in Grund und Boden schämen wirst! Dass du merkst, wie ignorant deine Aussage war. Es ist bekannt, dass das deutsche Schulsystem soziale Gerechtigkeit nicht nur behindert, sondern auch fördert, und im weltweiten Vergleich ziemlich hinterher hinkt. Ich war eines dieser wenigen Migrantenkinder, die mit ganz vielen echten deutschen Kindern aus echt gutem Hause auf der Schule war und die DANKBAR gewesen wäre, wenn jemand in die Schule gekommen wäre, und gesagt hätte, das kriegst du alles hin! Oder mir bei der Bewerbung geholfen hätte. Oder vor Ort im Studium manchmal für mich da gewesen wäre. Es geht nicht nur ums Geld. Es geht auch ums Geld, aber das ist nicht ausschlaggebend. Zu denken, wenn man ein bisschen Geld nebenher verdienen würde, oder Bafög bekommen würde, dass dann alle Probleme von armen oder benachteiligten Menschen einfach so verschwinden würden.

Wir leben in einer sehr viel komplexeren Welt, als du glaubst. Ich lese viel. Das mache ich trotz meines bildungsfernen nichtakademischen Hintergrundes. Ich bin froh, wenn ich Bücher von Menschen finde, die auch eine differenziertere Sicht auf unsere Welt haben, die mehr erlebt haben als Sesamstraße, Janosch und Haribo als Kind. Rasha Khayat ist so eine. Mit ihrem Blog Westöstliche Diva und ihrem Buch "Weil wir längst woanders sind" setzt sie Maßstäbe für das heutige Deutschland. Raúl Krauthausen, Suse Bauer und Carina Kühne setzen sich für ein #kunterbunteskinderbuch ein, damit auch mein Kind nicht nur weißgewaschene, nichtbehinderte, wohlhabende Kinder in seinen Büchern sieht, auch wenn er all diese Kriterien zum Beispiel erfüllt, möchte ich meinem Kind mit auf den Weg geben, dass das eine sehr priviligierte Art und Weise ist zu leben. Und wenn es das letzte ist, was ich tue. (Tyron Lannister Test wird hier erklärt.)

Unter anderem lese ich gerade "Made in Germany. Was ist deutsch in Deutschland?" von Jagoda Marinic. Sehr aktuell, sehr informativ, sehr wichtig, sehr witzig. Sie schreibt:

Ich hatte den Integrationsschlüssel ausgehändigt bekommen (erarbeitet?). Er heißt Bildung. Wer gebildet ist und das zur Schau stellen kann, hat es trotz der Schafhirteneltern ohne Alphabetisierungshintergrund zu etwas gebracht, kann das zumindest, wenn er es will, so spricht der gegenwärtige Integrationsdiskurs. Bildung sei der Schlüssel zum Erfolg, wer sich bilden lässt (humanistisch?), der kann es auch in Deutschland zu etwas bringen. Was schon für die Durchlässigkeit zwischen sozialen Milieus Deutschgeborener in Deutschland nicht stimmt, und weltweit genau so wenig, soll plötzlich in der Integrationsfrage Gültigkeit erlangen, ja zur heiligen Kuh und Wahrheit werden. Bildung soll schaffen, was selbst Gott nicht schaffte, die Gleichheit aller Menschen. Zumindest vor dem schnöden Herrn Mammon, der ja als Garant für gesellschaftliche Teilhabe gesehen wird. Zugang zur Gesellschaft, zum sozialen Status durch Bildung. Ganztagsschulen, die normalerweise bildungspädagogisch betrachtet werden, bekommen in der Integrationsdebatte eine messianische Funktion: Die Kinder werden mehr Stunden am Tag vor den bildungsfernen Eltern bewahrt und können sich so mit pädagogisch wertvollen Inhalten befassen und nicht mit dem, was ihnen zu Hause vorgelebt wird.

Mike Drop. Snap. Boom. In your face. Besser kann man es nicht auf den Punkt bringen. Wenn ein Nebenjob während des Studiums das einzige Problem wäre, oh in was für einer glorreichen Welt würden wir leben. Horizont erweitern, über den eigenen Tellerrand blicken, dankbar sein, dass es einem selbst gut geht.

Arbeiterkind.de sagt "Lass dich nicht aufhalten", doch vor allen Dingen bitte nicht von Leuten, die glauben, dass man Arbeiterkind.de nicht braucht.

Schlagwörter: Arbeiterkind, Bildung, Jagoda Marinic, Migrationshintergrund, Rasha Khayat
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