Teenagertraum come true: Sarah Kuttner in echt erleben!

Elina - Freitag, 13. Mai 2016

Warum muss man sich immer gleich betrinken, wenn man auf die besten Freundinnen aus der Schulzeit trifft, beide kinderlos und die außer einer Zahnreinigung und Jobs am nächsten Morgen auch an einem Donnerstagabend keine Verpflichtungen haben? Warum bleibt es dann nicht wie bei normalen Menschen bei zwei Weinschorlen, sondern artet in mehrere Weißbier, einem Longdrink und einer Flasche Wein auf dem Sofa aus? Sollte nicht die erste Reaktion einer kinderfreien Mutter sein, sich früh schlafen zu legen und erholt am nächsten Morgen aufzustehen? Haha. Ne. Hardcore Saufing und über die guten alten Zeiten und die bevorstehenden, noch besseren zu schwadronieren war das Motto, letztens in Bielefeld.

Dementsprechend ging es mir dann auch am nächsten Morgen. 6:34 Bielefeld Hauptbahnhof. Fuck. Nur weil das Ticket so wahnsinnig günstig war. Dort steht eine Frauenreisegruppe mittleren Alters. Sie trinken Sekt aus grünen Plastikkelchen. Wahrscheinlich sind die meisten von ihnen Mamas, und jetzt gehen sie auf einen Mädelstrip. Es sei ihnen gegönnt. Ich will ihnen zurufen „Seid ihr wahnsinnig, es ist 7 Uhr morgens!“ doch dann erinnere ich mich an meine Fahne und mein Unwohlsein und halte die Klappe. Ist wahrscheinlich besser so. Ich bin verkatert, von Kopf bis Fuß in schwarz gekleidet und freue mich darauf, während der Fahrt den Rest von Sarah Kuttners schönen depri Roman 180° Meer zu lesen.

Am Abend zuvor hatten wir ihre Lesung besucht, das war dann auch der Grund für das Besaufing (danach). Ich hatte mit meinem Idol in einem Raum gesessen (letzte Reihe), und sie danach stammelnd und schüchtern nach einer Signatur für mein Buch gebeten, wie so 300 andere Mädels, alle deutlich jünger als wir, es auch getan hatten. Wir fragten uns, was für eine Verbindung diese jungen Dinger mit Sarah Kuttner hatten? Die haben definitiv nicht 2006 Abi gemacht und nachts "Aufstehn, aufeinander zugehen" gegrölt. (Sven Schuhmacher hat übrigens geheiratet, im gleichen Jahr wie ich. Nur nicht mich. Irgendwas läuft falsch.)

Nun gut. Ich habe hier also klargemacht, dass ich Kuttner-Fan erster Stunde bin. Was mich nicht davon abgehalten hat, komplett zu ignorieren, dass die gute Frau nun also Bücher schreibt. Bis ich ihr auf Twitter folgte. Und erfuhr, dass sie wohl ziemlich steil geht auf ihren Lesungen. Das war meine Gelegenheit. Tickets gebucht, Buch bestellt, keine Zeit gehabt es zu lesen, egal, ab nach Bielefeld. The place to be wenn man in OWL lebt. Meine Freundinnen hatten es auch nicht gelesen, ich kam auf der Zugfahrt von Berlin dahin wenigstens bis zur Hälfte.

Doch Obacht! Sarah erklärt: "Hat irgendwer hier das Buch gelesen? Keine Sorge, das ist so bei Lesungen, keiner hat das Buch gelesen." Warum geht man denn dann bitte auf Lesungen? Sarah legte los. Mit geistreichen, witzigen, unterhaltsamen Erzählungen zu ihrem neugefundenen Dasein als Autorin, zu ihrem Hund, den Städten, in denen sie für die Lesung verweilen muss, und warum sie diesen Städten neue Namen gibt. War schon lustig. Aber ich hatte sie lustiger in Erinnerung, aber vielleicht war ich auch müde, oder einfach nicht mehr 18.

Sie muss ja auch nicht lustig sein, das schuldet sie niemandem. Fast 20€ hatten wir dafür bezahlt, dass sie aus ihrem schönen Roman vorliest. Das tat sie dann auch. Und das hat mir dann auch bei der zweiten Hälfte des Buches sehr geholfen, Jule besser zu verstehen. Denn eigentlich denkt sich jeder kleine Hobby-Psychologe, der das liest, dass man Jule sofort versteht. Abgefuckte Mutter, abwesender Papa, Identitätskrise, verwöhnte Göre, gelangweilt, soll mal was mit ihrem Leben anfangen, dann wird das schon. Schöne Sätze schreibt die Kuttner da.

Ich bin das kleinste Püppchen einer Matroschka, umschlossen, von drei kleinen Höhlen, und hier drinnen bin ich etwas, das Zufriedenheit sein könnte.

Och Mensch. Sari, Juli, Püppi. Da wird einem ja ganz anders. Da will man die Jule umarmen, und helfen, aber Jule will gar nicht umarmt und geholfen werden.

Ich suche nichts, ich suche nie etwas auf Flohmärkten, aber dieses wuselige Durcheinander gefällt mir und beruhigt mich. ein großes, nicht zu lösendes Chaos, das zur Abwechslung mal nicht meins ist und in dem man ein bisschen verbummelt gehen kann.

Ich mag ja wie die Kuttner spricht, ich mag das schnodderige, die Wortkonstruktionen, das mitunter Einge-Englischte, und auch das Holperige.

Das ist keine verdammte Wildcard für Liebe!

Und wenn man denkt, okay, das kleine schodderige Persönchen hat man erfasst, und sie schreibt hier ein nettes kleines trauriges Romanchen (Romänchen?), dann packt sie das Drama aus. Und sie macht das gut. Ich glaube ihr diese Unterhaltungen. Ich kaufe ihr Jules Schmerz ab. Ich mag den Schmerz, den echten, mit Substanz, mit dem man sich hilflos fühlt und erschlagen. Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass man nicht gut erzählen kann, wenn man den Schmerz nicht kennt. Alles, was ich bei Ronja von Rönnes Buch vermisst habe, wurde mir hier verpasst, und am Ende auch noch überrascht. Mensch.

Vielleicht ist sie einfach nur unfassbar mit dem Leben allgemein und sich selbst im Reinen, ein Zustand, den ich abgrundtief verabscheue.

Ich möchte keinen Frieden machen. Ich brauche diese Wut. Sie hält mich am Leben, ohne sie wäre alles umsonst gewesen.

Du nimmst so irre viel von dem, was dir passiert, persönlich. Du suchst dauernd einen Schuldigen. Die Welt im Allgemeinen, die Dummheit anderer, irgendwas. Das muss dich doch auffressen!

Nur dieses ewige Ding mit den Achselhöhlen, das hättense lassen können, Frau Kuttner.

Ich erfahre am Gleis bei irgendeiner Umsteigeaktion, dass die nächste Verbindung "überbesetzt" ist. Haha, dass so etwas möglich ist, war mir nicht bewusst. Mir werden 25€ geboten, wenn ich 2h auf den nächsten Zug fahre. Jaja, erst Scheiße bauen, dann mich bezahlen wollen, um eure Fehler auszubügeln. Ihr spinnt wohl, ich bin zu verkatert um hier noch 2h an diesem kalten Bahnhof zu chillen. Außerdem hat der kleine McDonalds kein Frühstück.

So voll ist der Zug gar nicht, und ohne Kind muss man einfach nur einen dieser Anzugträger fragen, ob der Platz noch frei ist und er räumt seinen ganzen Kram weg und schon hat man einen 1a Sitzplatz. Mein Herz tut weh, aber in a good way und dann schlaf ich ein.

Wen das Buch jetzt richtig interessiert, der kann hier eins gewinnen. Nicht meins, da steht die schönste Widmung der Welt drinnen. Aber eins hab ich für euch noch! Sagt uns einfach, was Sarah Kuttner euch bedeutet.

Ach und im Herbst kommt sie wieder auf Lesung in die next available mittelgroße Universitätsstadt in eurer Nähe.

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