Was ich gerade lese: "Als Hemingway mich liebte" von Naomi Wood

Elina - Donnerstag, 2. Juni 2016

Ich bin ja der absolute Liebesroman-Snob. Und als Amerikanistin hab ich meinen Bedarf an Hemingway und anderen großen weißen männlichen Autoren bis an mein Lebensende gedeckt. „Als Hemingway mich liebte“ von Naomi Wood wollte ich deswegen eigentlich nur anlesen, ausprobieren, mal gucken. Bis ich plötzlich auf Seite 178 war und wissen musste, wie es denn nun den anderen Frauen ergeht, die seinem angeblich unwiderstehlichem Charme erlagen. 

Ich bin mir nicht sicher, ob dieses Buch den Bechdel-Test bestehen würde, die dort portraitierten Ehefrauen und Geliebte reden hauptsächlich über ihren großen „Nesto“. Eigentlich fast ausschließlich. Man will die Frauen wachrütteln, zu einem gehörigen Mädelsabend ausführen und ihnen klarmachen, dass sie keinen Mann brauchen, um ihr Leben zu vervollständigen. Aber es geht ihnen ja nicht um irgendeinen Mann, es geht um ERNEST HEMINGWAY!

Welche Anziehungskraft von ihm ausgeht! Was für ein Kraftfeld er ist! Seinetwegen stürzen sich Frauen vom Balkon oder folgen ihm in den Krieg. Und stellen sich blind gegenüber seinen Affären, weil eine Ehe zu dritt besser ist, als eine einsame Frau zu sein.

Doch man wird erinnert, dass man sich in einer anderen Zeit befand, auch in einer anderen gesellschaftlichen Schicht, und vor allen Dingen: bei etwas wahnsinnigen Künstlern. Wir lesen uns durch das Paris der 20er Jahre, verweilen in einem Moment, in dem der Zweite Weltkrieg noch ein Gerücht ist und überleben auch diesen, mit neuen Narben. In dieser Zeit wird Hemingway gleichzeitig zum guten Bekannten und zum literarischen, von Depressionen, Angstzuständen und Alkoholismus getriebenen Gott gemacht.

Eigentlich sollte sie nichts von alldem überraschen. Wo auch immer Ernest ist, liebt er es, im Rampenlicht zu stehen. Ob als Boxer, Stierkämpfer, Fischer, Soldat oder Jäger: Dauernd muss er den Helden spielen. Im Lauf dieser Jahre hat sie sich oft nach dem schlichten Freund zurückgesehnt, den sie in Spanien gefunden hatte.

Ehefrau. Geliebte. Ex-Frau. Freundin.

Die Frauen, die er liebte, die er glaubte, haben zu müssen, und die er einen Tag wie Dreck und dann wieder wie Göttinnen behandelte, natürlich im Namen der Liebe, um die sollte es eigentlich gehen. Diese Frauen finden ihn, sie finden die große Liebe, manchmal danken sie ihm für die paar Jahre, dann wieder wollen sie ihn umbringen, ihn zerstören, für den Herzschmerz, für die Qualen. Sie sind selber alle ein bisschen abgefuckt, so wie ich es liebe, sie sind dramatisch, und sie sind manchmal erschreckend leise in ihrem Masochismus, doch dann wieder laut und fordernd und entschuldigen sich für nichts.

Denn heute sind sie endgültig miteinander fertig, und sie wird den Namen Mrs. Hemingway ebenso genussvoll wegwerfen, wie seine Exfrauen danach gegriffen haben.

Hinterher ist man immer schlauer. (Wie uns auch der großartige Post "Die andere Frau" von Lina Mallon gezeigt hat.) Wir sind fast 100 Jahre später schlauer, wir kennen Hemingway ein bisschen, der Lebemann, der Frauenheld, Casanova, Don Juan, whatever. Oder wir lesen den Klappentext dieses Buches, und wissen, es geht um vier Frauen, vier Ehefrauen, drei Geliebte, vier Verlassene. Doch die Frauen wussten es nicht. Die letzten drei hätten es ahnen können. Doch sie stürzten sich hinein, in einen Wahn, ihn für sich haben zu wollen, Muse sein zu wollen, auserkoren sein zu wollen. Sie wollten ihn, und sie wollten diesen Titel, die nächste Mrs. Hemingway.

Welches im Übrigen der Originaltitel ist: Mrs. Hemingway. Gefällt mir übrigens um Längen besser, ansonsten hab ich als Originalversionensnob nicht viel zu meckern. Kann man auch auf Deutsch lesen. Problemlos.

Hitze. Alkohol. Sex. Literatur. In dieser Reihenfolge.

Wer schon einmal Hemingway gelesen hat, sich wundert, was denn immer alle so toll an dem fanden, oder wer keine Ahnung hat und mal wieder Lust auf ein Buch, eine Geschichte hat, die einen packt, und die man in einem Zug, oder in einem Urlaub zu Ende lesen muss, dann bitteschön, kann ich dieses Buch uneingeschränkt empfehlen.

Unter Umständen wird man etwas paranoid, und fragt seinen Mann oder Freund, ob er die nette Bedienung nicht auch gleich heiraten möchte, nur weil sie ihn eine Sekunde zu lang angelächelt hat, aber das ist dann der Mrs. Hemingway Effekt. Nun, solltet ihr euren Mann nicht unbedingt als Affäre kennengelernt haben, ist euer Karma wahrscheinlich im Reinen. Und wenn doch. Mei, ihr habt ja nicht Ernest Hemingway geheiratet. Seid froh.

Schon bald, bei Einbruch der Dämmerung, waren alle betrunken, und Martha fand es großartig, dass sie alle hier mit so einem großen Genie zusammensitzen konnten. Fiesta, In einem anderen Land, Tod am Nachmittag – dazu all die Kurzgeschichten, die von Schriftstellern analysiert wurden, weil sie hinter seine Tricks kommen wollten. Aber da waren keine Tricks, nur schlichte Wörter in einer Form, als hätten sie schon immer existiert, wie Kiesel in einem kühlen Fluss.

„Warum ging es auseinander?“

„Er wollte mich heiraten.“

„Und das wollten Sie nicht?“

„Nein. Seine Ehefrau wollte nicht, dass er mich heiratet.“

„Tja“, meinte er. „Ehefrauen neigen dazu, so zu empfinden.“ Er leerte sein Glas. Das wievielte war es wohl bei ihm? Dieser Mann konnte saufen wie ein Loch.

Apropos saufen. Als Trinkspiel würde sich dieses Buch grandios eignen. Nach fünf Seiten wäre man allerdings erledigt. Aber wenn man im Urlaub ist? Ich hab ja gelernt, dass zwei Uhr Cocktailzeit ist und Europa alle Amerikaner zu Narren macht, also Cheers!

(Man könnte ja darüber nachdenken, das Buch als Set mit einem guten Rum anzubieten.)

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Schlagwörter: Ehe, Literatur, Urlaub
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