Immer online, immer rastlos.

Elina - Freitag, 15. Juli 2016

Ich bin müde, vom Internet. Kann man das so sagen? Ist das schlimmstes Denglisch? Am I tired of the internt? Aber es stimmt. Ich habe meinen Twitter Account deaktiviert, wir haben unseren Instagram Account gelöscht. Seit Wochen (Monaten?) gibt es keinen spontanen Post mehr von mir. Weder hier noch auf Hauptstadtmutti.

Ich habe allerdings viele Unterhaltungen in den letzten Wochen geführt, auf den verschiedensten Veranstaltungen. Und festgestellt, dass es anderen ähnlich geht.

Digitales Burnout.

Emails checken um 22 Uhr. Meinen CR7 beim ersten EM-Sieg in der Geschichte Portugals jubeln sehen, und die Twitter Timeline nach #PORFRA durchsuchen. An einer witzig aussehenden Badewanne am Straßenrand vorbeigehen (Berlin...), und überlegen, welcher Filter da wohl am besten aussehen würde. Schluss damit.

Und so waren wir gestern auf einer Veranstaltung von Edition F, auf der 25 Frauen geehrt wurden, die unsere Welt besser machen. Unter anderem die von uns sehr geschätzte Katja Urbatsch von der Organisation Arbeiterkind.de. Manche dieser Frauen nutzen Social Media, um ihre Botschaft, sei es Zero Waste, gegen Hass im Netz oder schlichtweg Liebe, zu verbreiten. So sollte es sein.

Social Media ist wichtig. Ohne Social Media wären #blacklivesmatter und die jüngsten Morde an Alton Sterling und Philando Castile vielleicht nicht so an die Öffentlichkeit gedrungen. Genau dafür sollten die sozialen Netzwerke genutzt werden. Um die Welt zu einem besseren Ort zu machen, um Menschen zu zeigen, dass es auch andere gibt, die ähnlich denken oder um Hilfe zu bekommen, sei es für postpartale Depressionen. Nicht für Thigh Gap Challenges und #ootd Posts.

Trotzdem war es befreiend, gestern das Handy in der Tasche gelassen zu haben. Keine Instagram Bilder von uns. Kein Tweet von mir. Wir haben uns unterhalten, wurden inspiriert und haben uns gefreut. Ich frage mich, ob es noch mehr Gäste gestern gab, die nach Hause gegangen sind, und das Gefühl hatten, kündigen zu wollen, was anderes machen zu wollen, neu anfangen.

Kommt die analoge Revolution?

Ich habe ja die Theorie, dass es in den nächsten Jahren so etwas wie eine analoge Revolution geben wird. Ich bin die Erste, wenn es darum geht, sich über Hipster und Pseudo Influencer lustig zu machen, aber die Tatsache, dass Menschen wieder mit Kameras rumlaufen, setzt für mich ein Zeichen. Es soll ja auch Menschen geben, die wieder aufs unkluge Telefon zurückgreifen, manchmal notgedrungen, weil das Smartphone in Reparatur ist. Was sie dann erleben, ist eine Pause, quasi einen digitalen Detox. Von allem. Und das tut gut.

Menschen machen sich Gedanken. Über Elternzeitregelungen, ihre Arbeit, ob sie glücklich sind und was sie für einen Eindruck hier in dieser Welt hinterlassen. Wir leben all diese utopischen Ideen aus, hier in unserer kleinen Berlin Blase, und hoffen, dass in ein paar Jahren auch im Rest Deutschlands Männer wie selbstverständlich in Elternzeit gehen, und nicht nur für zwei Monate.

Wir arbeiten in Traumjobs mit großartigen Menschen und wir reisen für diese Traumjobs. Wir kreieren Hashtags, leiten Fotoshootings, bekommen schöne Sachen geschenkt. Wir merken nicht, dass der ständige Griff zum Telefon, gefühlt immer, auch Schäden verursachen könnte. Das alles macht Spaß, Social Media kann und sollte auch Spaß machen, aber wenn morgens der erste Griff zum Smartphone ist...um was zu tun? Facebook zu checken? Instagram? Twitter? Kann unser Gehirn noch abschalten? Das sind alles Fragen, die ich mir in letzter Zeit stelle.

Ich bin unfassbar dankbar, dass ich dank all dieser neuen Technologie das Leben meines Kindes dokumentieren kann. Ich hoffe, es wird mir einmal dankbar sein, dass ich so gut wie nichts davon online stelle.

Nun also eine Pause. Urlaub. Ohne Smartphone. Ohne Internet. Jedenfalls nicht 24/7.

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Schlagwörter: Burnout, Detox
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