Was ich gerade lese: "Der gute Deutsche" von Christian Bommarius

Elina - Samstag, 23. Juli 2016

Ich versuche mich während der Lektüre dieses Buches krampfhaft daran zu erinnern, wann oder ob wir deutsche Kolonialgeschichte in der Schule durchgenommen haben. Doch alles, woran ich mich erinnern kann, hat mit dem Nationalsozialismus oder der Kaiserkrönung zu tun. Die von 800. Über die letzte Kaiserzeit haben wir im Deutsch Grundkurs gesprochen, als wir den Untertan durchgenommen haben. (Für mich nach wie vor ein hochaktuelles Buch. Genauso Karl Jacob Hirschs "Kaiserwetter".)
Als Amerikanistin kann ich mir Begriffe wie Race, racism, white privilege und whiteness nicht mehr aus meinem Alltag wegdenken. Ich versuche meinem Umfeld ihre Privilegien vor Augen zu führen, nicht immer ernte ich dafür Dank. Doch der deutsche Sprachgebrauch hinkt hinterher. Immer wieder so zu tun und sich so auszudrücken, als sei Deutsch mit Weiß gleichzusetzen ist schlichtweg falsch. Was wir sehr beeindruckend bei der großen Kinderschokoladendiskussion im Rahmen der EM verfolgen konnten. Eine andere Hautfarbe bedeutet nicht eine andere Nationalität. Schwarz ist auch deutsch. Oder wie es Oliver Fritsch bei der Zeit so fein ausgedrückt hat:

Es mag einigen missfallen, aber in Deutschland werden nichtweiße deutsche Kinder geboren, wie Jérôme.

Ich bin fest davon überzeugt, dass dieses Denken auch damit zu tun hat, dass nie eine tatsächliche Auseinandersetzung mit der eigenen Kolonialvergangenheit stattgefunden hat. Womit wir wieder bei meinem Schulunterricht wären (puh, Kurve gekriegt). Ein Buch wie "Der gute Deutsche. Die Ermordung Manga Bells in Kamerun 1914" von Christian Bommarius könnte da einen Unterschied machen. Oder zumindest Auszüge davon. Denn "die Greuel der Deutschen in Kamerun und den Widerstand der dort beheimateten Ethnien, vor allem der Duala und Akwa" sollten genauso bekannt sein wie die Verbrechen des Zweiten Weltkriegs. Überraschend war für mich, dass es erst zum Ende hin wirklich um diesen Mord geht. Bis dahin klärt Bommarius vor allen Dingen auf: "Eine Fallstudie über Rassismus, Gier und abgrundtiefe politische Dummheit."

Über ein Kapitel deutscher Geschichte über das selten berichtet wird. Die Tatsache, dass auch Deutschland, oder das Deutsche Reich, oder die kaiserliche Regierung, oder wie auch immer, eine Kolonialmacht war, die grausam, brutal, ohne Gnade und blutrünstig andere Völker überfallen, missbraucht, ermordet und betrogen hat, wird sehr gerne unter den Teppich gekehrt. Es gibt, however, eine Comicanthologie namens "Raus Rein"  ( Leseprobe hier), die "ein folgenschweres Kapitel der deutschen Geschichte vergegenwärtigt". Rezensiert bei Missy Magazine.

Blutgeld. Plantagenbesitzer. In Deutschland wird eine Straße nach ihm benannt.

Hier ein anschauliches Beispiel: Im Buch wird Hugo Soltau Graf von Douglas als "Unternehmer, Gründer des deutschen Kali-Syndikats, Plantagenbesitzer in Kamerun und Togo, Freund Kaiser Wilhelms II. und Mitglied des Kolonialrats, eines Beratungsgremiums aus Beamten, Vertretern der Wirtschaft, der Missionsgesellschaften und der Koloniallobby, das mit dem Ziel gegründet wurde, in der Kolonialpolitik den Reichstag auszuschalten." beschrieben In seinem nicht kurzen Wikipedia Artikel steht davon...NICHTS. Was allerdings Erwähnung findet:

Nach seinem Tode verkauften die vielen teilhabenden Verwandten das gemeinsame Montan- und Industriebesitztum und teilten den Ertrag anteilig unter sich auf. Die Universität Halle verlieh ihm die Ehrendoktorwürde, er wurde Ritter mehrerer Orden und Ehrenbürger der Stadt Aschersleben. Außerdem wurde nach ihm in Aschersleben die Douglasstraße benannt, in der die Verwaltung und der Kindergarten ansässig waren.

Erst letztes Jahr wurde das Herero-Massaker, über das auch in diesem Buch berichtet wird, vom Auswärtigen Amt erstmals als Völkermord bezeichnet. Abschlachtung wäre noch treffender. Bommarius' Sprache ist nüchtern. Mit wenigen, gezielt gesetzten Kinnhaken Richtung Moralzentrum. Ansonsten lässt er die Fakten und die Originalzitate für sich sprechen.

Und es begannen - wie in allen Kolonien aller Kolonialreiche - die Eroberungen, die Feldzüge ins Landesinnere, die Unterwerfung der Bevölkerung, kurz, all das, was die Zeitgenossen als Zivilisierung bezeichneten.

Die deutsche (beziehungsweise europäische) Kultur empfiehlt sich den Afrikanern als Vorbild, dessen Nachahmung sie strikt unterbindet.

Für alle, die schnell, "nicht alle Deutschen" schreien wollen: Ja, die Sozialdemokraten waren prinzipiell gegen die Kolonialisierung.

"Im Grunde genommen ist das Wesen aller Kolonialpolitik die Ausbeutung einer fremden Bevölkerung in der höchsten Potenz." (Bebel im Januar 1889)

Doch auch wenn manche Politiker glaubten, sie hätten nur das Wohl der Menschen im Sinn, kommt dann so etwas dabei heraus:

Kern des Reformprogramms, ist die Erkenntnis, dass der Rücken eines afrikanischen Trägers oder Plantagearbeiters ohne die blutigen Striemen der Nilpferdpeitsche belastbarer ist. Er setzt auf eine "rationale" Kolonialpolitik, die statt wie bisher mit "Zerstörungsmitteln" mit "Erhaltungsmitteln" arbeiten soll.

In mir machte sich Ekel breit, gegenüber weißen Männern (in dem Buch finden Frauen tatsächlich fast ausschließlich als Mätressen oder Vergewaltigungsopfer Erwähnung) und ihrer Interpretation von Machtausübung.

White Privilige ist nicht nur amerikanisch

Vor hundert Jahren tobte vor allen Dingen in Europa der Erste Weltkrieg. Vor zwei Jahren jährte sich der Mord an Manga Bells. Vor wenigen Wochen wurden ermordete schwarze Männer in den Vereinigten Staaten wieder zu Hashtags und in den Nachrichten wurde wieder einmal die "Rassunruhen" in den USA berichtet. Am Rande. Missy Magazin erklärt warum uns in Deutschland dieses Problem genauso angeht und dass rassistische Polizeigewalt auch ein deutsches Problem ist. Wir können nicht einmal ein schwarzes Kind auf eine Schokoladenpackung packen, ohne dass es Parteien in diesem Land gibt, die dagegen protestieren. Wer hat also das Race Problem?

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Weitere Stimmen zum Buch: 

»Dem Publizisten Christian Bommarius ist ein kleines Meisterstück gelungen. […] Seine konzise und gut recherchierte Fallstudie […] hätte es verdient, Schullektüre zu sein.«

DARMSTÄDTER JURY, BUCH DES MONATS APRIL 2015

»Eine gespenstische Lektüre ist Bommarius’ wichtiges, hochinteressantes Buch.«

JULIA KOSPACH, FALTER

»Bommarius [...] bringt das Kunststück fertig, den unbefangenen Leser mit knapp 150 Seiten zum deutschen Kolonialexperten zu machen.«

SVEN BRÖMSEL, DER TAGESSPIEGEL

»Christian Bommarius entwirft ein bedrückendes Panorama aus systematischem Landraub, ungezügelten Machtneurosen und bestialischer Willkürherrschaft. [E]ine Fallstudie […], der viele Leser zu wünschen sind.«

BEATE ZIEGS, DEUTSCHLANDRADIO KULTUR

»Eine großartige Geschichte, die großartig recherchiert ist. Christian Bommarius lässt, mit Lakonie, die Fakten sprechen. Sie können das.«

CAROLINE FETSCHER, DER TAGESSPIEGEL

»Eine Geschichte, die man eigentlich kennen sollte bei uns.«

WDR3

Über den Berenberg Verlag:

Getreu dem Motto des amerikanischen Historikers Robert Darnton: »In jedem dicken Buch steckt ein dünnes, das schreit: Ich will raus!« überschreitet der Umfang unserer Bücher selten die 200 Seiten. In diesem Format erscheint bei uns erstklassige Literatur. Vergeblich wird man dickleibige Biografien suchen. Finden wird man hingegen rhetorisch funkelnde und dezidiert subjektiv gehal­te­ne biografische und autobiografische Literatur und Essays, Bücher zur Zeitgeschichte, seit 2010 hier und da auch hervor­ra­gende Belletristik, zwei Jahre später erschienen die ersten Bände einer kleinen Lyrikreihe.

Eine Überlebensstrategie eines kleinen Verlags wie des Berenberg Verlags besteht in der wertvollen Präsentation seiner wertvollen Inhalte: All unsere Bücher sind fadengeheftet und in Halbleinen mit schönen Vorsatzblättern gebunden. Papier und Typografie sind von ausgesuchter Qualität. Dafür sorgen Antje Haack und Beate Mössner, in deren Händen die Gestaltung und Herstellung liegen.

Schlagwörter: Black lives matter, Deutsche Geschichte, Kolonialgeschichte, Migrationshintergrund, Rassismus
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