Was ich gerade lese: Sturmwarnung von Stefan Kruecken

Elina - Mittwoch, 27. Juli 2016

Wenn wir könnten, würden wir noch heute unsere Sachen packen und nach Hamburg ziehen. Berlin und ich, das ist so eine Hassliebe, mit ziemlich genau 70% Hass. Aber Hamburg! Oder überhaupt am Wasser fühlen wir uns immer pudelwohl.

Deshalb ging es dieses Jahr auch wieder in eine kleine Hafenstadt im Süden Norwegens. Schiffe, Brise, Fisch und entspannte, maritime Mode. Was eignet sich da besser als Urlaubslektüre als „Sturmwarnung. Das aufregende Leben von Kapitän Schwandt“ von Stefan Kruecken? Vielleicht Moby Dick. Damn it, das steht auch immer noch auf der Liste. Nennt mich Prokrastelina.

Nun denne. Sturmwarnung erscheint im Ankerherz Verlag. Einem feinen kleinen Verlag, gegründet 2006 von Stefan und Julia Kruecken.

„Was wir anpacken, hat ein Ankerherz. Wir glauben an die Kraft einer guten Geschichte. Wir erzählen von den Helden des Alltags, von Kapitänen im Sturm, von Fischern auf der Beringsee, von Männern vor Kap Hoorn. Wir geben alten Ordensschwestern, die ihr Leben anderen widmen, ein Gehör. In unserer Reihe »Legenden« zeigen wir Ikonen wie Steve McQueen von einer persönlichen Seite, die noch keiner kennt. Unsere Kinderbücher sollen Spaß machen – und auch lehrreich sein. Unsere Hörbücher lesen Deutschlands beliebteste Schauspieler: Axel Prahl, Otto Sander, Uwe Friedrichsen oder Henning Baum. Für uns arbeiten die besten Autoren, Fotografen, Illustratoren, das ist unser Anspruch.“

Hört, hört! Und Sturmwarnung?

Ein tatsächlich schönes Buch! Schöne Illustrationen und schöne Fotos, alles wirklich sauber und anschaulich zusammengestellt. Go ahead, judge a book by ist cover, and illustrations!

Und der Inhalt? Es geht um das Leben des Herrn Schwandts, der inzwischen ein kleiner Facebook Celebrity geworden ist und dort sehr aktiv gegen Pegida, AfD und „braune Geister“ kämpft, sich positioniert und Stellung bezieht. Alles mit diesem Hamburger Charme und dieser ehrlichen Seemannshaut!

"Es gibt in Hamburg hoch angesehene Reederdynastien, die gerne und gründlich vergessen haben, womit ihre Vorfahren den Grundstock für den Reichtum der Familie gelegt haben. Eine Reederei wurde groß, indem sie in mondhellen Nächten Maos Truppen mit Waffen belieferte. Eine andere baute Schiffe für den Sklavenhandel und transportierte die menschliche Fracht in die Karibik. Eine weitere verdiente mit am Genozid der Hereros durch kaiserliche Kolonialtruppen und mit dem Verkauf von gepanschtem Fusel an die Schwarzen. Von Aufarbeitung dieser Geschichten habe ich bis heute keine Zeile gelesen - und auch die Öffentlichkeit scheint sie vergessen zu wollen."

Mir ging es ähnlich. Also schrieb ich drüber, Herr Schwandt, nach dem ich "Der gute Deutsche" von Christian Bommarius gelesen habe.

Zum Lesen dieses Buches musste ich kurz meine Gender-Brille ablegen, und die Erinnerungen als das betrachten was sie sind: Erlebnisse eines Mannes auf See nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die 1980er hinein. Also muss ich ihm einfach mal glauben, was er so über seine Erfahrungen mit ‚Huren’ schreibt.

„Ich möchte nichts romantisieren, doch das Leben in den Bordellen – besonders in Häfen der südlichen Hemisphäre – ging zu meiner Matrosenzeit beschaulich zu. (...) Die Mädchen gingen dem Gewerbe aus der Not heraus nach, das ist klar. Doch es gibt einen Unterschied zu späteren Jahrzehnten, als Drogen und sklavenähnliche Bedingungen überhandnahmen: Die Frauen verkauften nie ihre Seele. Es kam vor, dass sie einen Freier, den sie nicht mochten, unverblümt ablehnten. Ein Mindestmaß an gegenseitiger Sympathie, menschlicher Achtung und Anziehungskraft musste vorhanden sein, sonst kam der Matrose nicht ins Bett.“

Ich verstehe, was Kapitän Schwandt meint, und sicherlich hat sich die Prostitution an sich, auch durch das Internet und erschwinglichere Flüge in ferne Länder, in eine Richtung entwickelt, die man absolut nicht mit den 1950er Jahren vergleichen kann, aaaaaaaaaaber da würde mich ja die Perspektive der Frauen der Frauen auch mal brennend interessieren.

Beeindruckend ist dieses Buch: Die Erinnerungen an seinen Nazi Vater, der Hunger während des Krieges und auch in den Jahren danach, seine Nahtoderfahrungen auf hoher See und seine Ehrlichkeit zum Alkoholismus und auch zum Altern. Geerdet fühlt man sich nach dem Lesen.

„Wer einmal einen solchen Hunger gelitten hat, für den verändert sich das Verhältnis zum Essen. Ich esse seither alles. Mir schmeckt auch alles. Was ich heutzutage also beobachte, wenn sich erwachsene Menschen über das Essen unterhalten, gefällt mir nicht immer. Essen meint heutzutage nicht bloß Essen. Es ist Ausdruck der eigenen Persönlichkeit geworden: Du bist, was du isst, auf dem Teller und als Foto in den sozialen Medien.

Fleisch war in den Jahren danach etwas Besonderes, eine Ausnahme, ein Festtagsessen. Heute kostet das Kilo Fleisch weniger als manche Obstsorte – und als ein gutes Brot. Im Durchschnitt isst jeder Deutsche in seinem Leben 1094 Tiere, verteilt auf vier Rinder, vier Schafe, zwölf Gänse, 37 Enten, 46 Schweine, 46 Puten und 945 Hühner. Ich werde auf meine alten Tage keine Marotten bekommen, aber ich achte stärker auf meinen Fleischkonsum.“

Was der Kapitän großartig macht ist dieses „alter-Mann-Gemecker“, aber so dass man immer noch lacht, sich ein wenig ertappt fühlt, und dann doch wieder ins Grübeln kommt. Wir essen zu viel Fleisch. Punkt. Fleisch ist zu billig. Punkt. Menschen, die auf einen Stuhl steigen um in einem Restaurant ein Foto für Instagram zu machen, gehen gar nicht. Punkt. Aber. Vegetarier und Veganer, die für ein Umdenken zum persönlichen Fleischkonsum stehen und die auch dafür verantwortlich sind, dass es nun immer mehr vegetarische und vegane Optionen gibt. Find ich gut. Man muss nicht jeden Tag Fleisch essen, man muss aber auch nicht aufs Fleischessen verzichten. Man muss aber auch nicht bei jeder Gelegenheit Servicepersonal nach den Lebensumständen des 4,50€ grünen Curry-Huhns ausfragen, sondern vielleicht einfach die Gemüseoption bestellen.

Hä? Und die Schiffe? Das Meer? Stürme?

Gibt es. Keine Sorge. Krasse, manchmal eklige, manchmal furchteinflößende Geschichten, die man in einem Buch wie Sturmwarnung erwartet. Man kriegt alles, was man sich so von einem Seemann und ehemaligen Kapitän wünscht. Doch ich hätte dieses Buch nicht an einem Nachmittag durchgelesen, wenn es nur um Schiffe und Stürme gehen würde. (Das Buch liest sich wirklich ganz toll weg, ganz großartig für eine lange Zugfahrt oder einen verregneten Nachmittag!)

Kapitän Schwandt teilt seine Weltansicht, sein Hoffen auf eine tolerantere Gesellschaft und seine Philosophie zum Leben mit den LeserInnen. Und eigentlich ist ein richtig Guter. Ein solider, ehrlicher Mann, der tatsächlich etwas erlebt hat. Im Gegensatz zur Generation Wischfinger. (Ich lach mich kringelig über diesen Begriff!)

„Ich mag wirklich nicht wie ein alter konservativer Tugendwächter klingen. Aber die Gabe, nur den Mund aufzumachen, wenn man auch etwas zu sagen hat, existiert nicht mehr. Wenn man genau hinhört, wie viel gesabbelt wird, dann wird einem schwindelig. Das gilt überall, aber auch bei uns angeblich so wortkargen Norddeutschen. Kaum einer achtet mehr darauf, wie unpräzise und voller Plattitüden das Dahingesagte ist. ‚Ich denk mal’, ‚ich sach mal so’, ‚das geht ja gar nicht.’“

Jaaaaaaaa, früher war alles besser. Nö. Ja. Vielleicht. Das Schöne am altersbedingten Meckern? Jeder tut es. Ich mecker über Teenager, vor allen Dingen ihren Gestank, und dass sie immer im Weg rumstehen und es nicht schaffen, einem Kinderwagen auszuweichen. Ich kann es kaum erwarten, endlich 70 oder 80 oder 90 zu werden und über alles und jeden meckern zu können!

Bis dahin begnüge ich mich mit Kapitän Schwandts Kolumne und versuche weniger zu sabbeln. Etwas schwer als Bloggerin.

Schlagwörter: Meer, Urlaub
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