Was ich gerade lese: Nele Pollatschek "Das Unglück anderer Leute"

Elina - Dienstag, 16. August 2016

Im Moment flattern die Herbstvorschauen und Einladungen in unsere Postfächer. So viel kann man gar nicht lesen, wie man angeboten bekommt, also macht man das einzig Logische: Judge a book by its cover. (Außerdem ist das dann auch voll Instagrammable, ne?)

Das mache ich vor allen Dingen, wenn mir ein Buch vorgeschlagen wird, das ich noch nicht auf dem Schirm hatte. Voll oberflächlich, ich weiß, aber eine kluge Frau (Rasha Khayat) hat mal gesagt, dass so ein Cover voll wichtig wäre. Gerade beim Debütroman. Gerade für eine junge Frau, die ihr Erstlingswerk in die Welt entlässt.

Nele Pollatscheks Buch "Das Unglück anderer Leute" haben mir die Menschen vom Galiani Verlag einfach so zugesandt, das zeugt von viel Selbstvertrauen, meiner Meinung nach. Aber hey, alles richtig gemacht, Leute! Für meine Zugfahrt von Frankfurt nach Berlin nach einem göttlichen Abend auf dem Beyoncé Konzert hab ich es in einem Wisch weglesen können. Hat Spaß gemacht. Und das ist auch mal wichtig.

Und alle so: Meine Mutter ist auch bekloppt!

Vor allen Dingen wenn es schon auf der ersten Seite so anfängt:

Die Thene hat richtig gute Gründe ihre Mutter zu hassen. Hatte das Mädel in Sarah Kuttners Roman auch, aber "Das Unglück anderer Leute" macht viel mehr Spaß. Und ist in seiner Absurdität wesentlich realistischer. Während in Kuttners oder auch Rönnes Roman gerne mal plötzlich eine fette Stange Geld oder ein schickes Haus am Meer wie aus dem Nichts erscheint und den Protagonistinnen erlaubt, sich mit ihrem dämlichen Weltschmerz auseinanderzusetzen, muss Thene eine Vollkatastrophe nach der anderen durchleben und schafft es teilweise sogar noch, drüber zu lachen. Find ich gut.

Originell: Buchbloggerin hatet auf Mamablogger

Was macht Thenes Mutter so unausstehlich? Müsst ihr schon selber lesen, sonst nehme ich zuviel vorweg, aber, uhm, sie bloggt, unter anderem. Und glaubt, damit die Welt zu retten, hüst hüst.

Und wer nichts wird, der wirbt. Und schreibt nebenbei einen Blog.

Ich freu mich ja übrigens richtig dolle auf den Moment wenn die Mamabloggerkindergeneration von heute, eines Tages richtig googeln lernen und checken werden, warum Mama immer mit der Kamera hinter ihnen hergelaufen ist...und dass sie ihre gesamte Kindheit, Schlafgewohnheiten und Töpfchentraining online nachzulesen sind, unter einem eigens für sie kreierten Hashtag.

In Thenes Leben gibt es aber auch eine Oma, einen Papa, Geschwister, Stiefväter, und überhaupt, Familie Familie Familie. Alle bekloppt, alle miteinander. Wenn man das liest, denkt man sich endlich mal zur Abwechslung, geil wir sind ja doch alle noch somewhat normal.

'Es hilft nichts, wenn sie schreit und du schreist drüber', schrie meine Mutter über das Schreien ihrer Kinder.

Also bevor ihr mich falsch versteht, es geht in dem Buch schon um eine Mutter, und ihre Tochter, und deren Familie(n), aber es geht auch viel um Thene. Und boah, sind wir nicht alle manchmal auf 180 wenn unsere Mutter etwas sagt, was jeder andere auf der Welt sagen könnte, aber sie sagt es es auf eine Art und Weise, die uns rasend macht? Mutter-Tochter-Beziehungen, puh...gibt es auch Statistiken zu.

Und Mensch, solche Mütter haben ja verrückterweise auch Mütter, die sind dann emotional nicht unbedingt kompetenter:

Besonders schön fand ich: die vielen feministischen Bezüge und akademischen Hinweise, und dass Thenes Freund irgendwie mit Abstand die unwichtigste Person in dem Buch ist, und eigentlich auch nicht hätte vorkommen müssen.

Besonders verwirrend fand ich: Das Ende. Und ey, solltet ihr das Buch lesen, redet mit mir über dieses Ende! Ich kam zuerst überhaupt nicht drauf klar, und dacht schon, ich bin zu dumm, das muss doch eine tiefere philosophische Bedeutung haben, die ich nicht checke.

Was dann passierte: Ich dachte drüber nach. Tagelang. Vielleicht eine ganze Woche, es hat mich nicht losgelassen.

Geeignet für: Als End-Zwanziger-Geisteswissenschaftlerin habe ich dieses Buch sehr genossen. Und ich habe auch keine 08/15-Familie. Ich glaube für gelangweilte Normalos (Die Esprit/S.Oliver/BubbleTea/DönerohneScharf-Fraktion unter euch) ist es ein mega spannendes Buch, und für uns Bekloppte ist ein beruhigend bestätigendes Buch, dass nicht immer alles so läuft, wie wir uns das gedacht haben. Und Schuld dran sind usually die anderen, wirklich!

Ein besseres, unterhaltsameres Buch für den nächsten Urlaub oder die Bahnfahrt werdet ihr nicht finden. Oder, jaaaaaaaa, natürlich auch für den nächsten verregneten Abend auf eurem Sofa mit eurem Klischee-Glas-Wein.

PS: Außerdem bin ich ganz stark dafür, dass an jedem Theater von nun an nur noch dieser Nebensatz mit Korken im Mund für Ausspracheübungen verwendet wird:

...ließ das Lippenstiftrot ihrer Schneidezähne aufblitzen.

Hier findet ihr ein sehr unterhaltsames Interview mit Nele Pollatschek auf der 1LIVE Klubbing-Lesung.

Hier sind die weiteren Termine für ihre Lesungen 2016. (29.09. Berlin, Volksbühne)

Schlagwörter: Deutsche Literatur, Elternschaft, Mama
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