Macht endlich Feierabend!

Elina - Donnerstag, 22. September 2016

Auf eine sehr schmerzhafte Art musste ich lernen, dass Arbeit nicht gleich Leben ist. Egal wie viel Spaß die Arbeit macht. Ich musste lernen, dass Stress ein sehr ernsthafter Zustand ist, vor allen Dingen aber real. Man muss kein übergewichtiger Manager Mitte 50 sein und kurz vorm Schlaganfall stehen. Man kann auch trotz gesunder Ernährung und einem aktiven Leben gestresst sein. Was habe ich diese Menschen belächelt die sich selbst Pausen gönnten, oder von Feierabend sprachen. Als Freiberuflerin, dann noch als schreibende Kreative, gibt es keinen Feierabend.

Doch auch wenn ich sehr darauf bedacht bin mein Privatleben, meine Familie und mein Persönlichstes ganz aus meinem beruflichen, digitalen Leben rauszuhalten, hat gerade die Überschneidung beider Welten in den letzten Monaten dazu geführt, dass mein Körper begann zu streiken.

Du bist keine Maschine.

Nein, keine Auto-Immun-Erkrankung oder irgendwelche Ganzkörpergebrechen, viel simpler: fiese Schleimbeutelentzündung in der rechten Schulter. Die so fies gar nicht geworden wäre, wenn ich nicht schon nach ein paar Tagen zur Ärztin gegangen wäre. Die hätte dann die verkalkten Stellen um meine Sehnen herum sofort gesehen, mich gesund gespritzt, mir Ruhe verschrieben und alles wäre nicht so dramatisch geworden.

Was ich stattdessen gemacht habe? Gearbeitet. Abends, wenn der Mann zu Hause war. Tagsüber, wenn das Kind betreut war. Am Wochenende, wenn ich ins Büro gefahren bin. Zwischendurch habe ich den Haushalt gewuppt, denn auch bei einer 50/50 Aufteilung bleibt für eine Person genug zu tun. Geschleppt habe ich. Einkäufe, Kind, Bücher quer durch Berlin.

Weil ich diesem dämlichen Wonderwoman und Super-Mom Klischee auferlegen bin. Dass alles geht. Dass harte Arbeit sich bezahlt macht.

Man kann nicht immer arbeiten.

Aber man kann ja gar nicht rund um die Uhr arbeiten. Man schafft auch nicht mehr, nur weil man immer arbeitet. Ich brauche auch keine Tipps, wie viel effizienter meine Morgen gestaltet werden können.

Menschen wie ich, die von Natur aus gerne arbeiten, und Borderline-Workaholics sind brauchen gebrochene Füße, entzündete Schultergelenke oder andere Denkzettel vom Universum, um mal wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeführt werden. Ich brauchte Schmerzen, wie ich sie in meinem gesamten Leben noch nie gespürt habe, um endlich zu verstehen, dass mein Körper Grenzen hat. Dass ich nicht tagein, tagaus, nachts, abends, am Wochenende, im Urlaub oder auch im Wartezimmer tippen, schreiben, korrigieren kann. Auf die Frage, wann ich das letzte Mal Sport gemacht hatte, wusste ich keine Antwort. Als mich die Physiotherapeutin bei unserer ersten Sitzung gefragt hat, wann ich das letzte Mal tanzen war, fragte ich im Gegenzug: "Aus Spaß?"

Instagram ist Bullshit. Social Media ist Bullshit. Abends völlig übermüdet noch vier Folgen einer Serie gucken, nur um sich berieseln zu lassen ist Bullshit. Emails auf dem Spielplatz beantworten ist Bullshit. Überhaupt Emails in der Freizeit sofort zu beantworten ist Bullshit. Vieles, wenn nicht alles, kann bis zum nächsten Morgen warten.

Arbeit ist Arbeit und Freizeit ist Freizeit.

Ich arbeite am Laptop, am Smartphone und im Internet. Vieles von dem, was ich beruflich mache, kriegt niemand mit und mein Name steht nicht drunter. Dazu kommen Artikel, Events, Auftritte und das sogenannte Networking. Das ist alles Arbeitszeit. Leider habe ich das bis vor Kurzem nicht eingesehen. Es hat ja auch wirklich Spaß gemacht, es war schön, rauszukommen. Doch im seltensten Fall kam ich beschwingt zurück. Eher müde, gelangweilt und ausgelaugt.

Unsere Laptops bleiben nun abends aus. Maximal zwei Veranstaltungen pro Woche, lieber nur eine. Nein sagen. Absagen. Keine Arbeit mit auf Heimatbesuche nehmen. Unsere Smartphones haben im Schlafzimmer nichts zu suchen. Am Wochenende werden keine Emails geschrieben. Es gibt ab sofort ein Wochenende! Es gibt Armbanduhren und Wecker. Nicht Erinnerungsfunktionen und Displays.

Ich hoffe, dass meine Verletzung dieses Mal tatsächlich eine Veränderung in mein Leben bringt. Ich hoffe, dass ich weniger bis gar nicht mehr multitasken werde. Und ich hoffe, dass ich bald lernen werde, was Feierabend bedeutet. Ich hoffe, dass ich mich selbst genug respektieren werde, und in Zukunft mehr Acht auf mich geben werde.

Foto von Eder Pozo Pérez via unsplash

Schlagwörter: Digital Detox, Entschleunigung, Stress
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