Was ich gerade lese: "Herrn Knigge gefällt das!" von Max Scharnigg

Elina - Montag, 3. Oktober 2016

In letzter Zeit beschäftige ich mich vermehrt mit dem Thema Digital Detox. Einer der Gründe, warum ich versuche, meine Zeit in der digitalen Welt zu reduzieren, ist das Verhalten anderer Menschen auf den jeweiligen sozialen Plattformen. Die meisten meiner amerikanischen Freundinnen posten nach wie vor stündlich auf Facebook. Ich finde das anstrengend, also entfolge ich ihnen (und bleibe aber mit ihnen befreundet). Problem solved?

Die meisten Bloggerinnen oder Influencer, die ich ganz cool finde, spamen meinen Instagram Feed täglich mit völlig unwichtigen Updates über ihre Outfits oder Essgewohnheiten zu. Auch diesen entfolge ich, und gucke mir dann ab und zu an, was sie so in den letzten Wochen gemacht haben. Man muss hierbei natürlich bedenken, dass Influencer ihr Geld mit Instagram Posts verdienen und dass es natürlich meine Entscheidung ist, was ich konsumiere und was nicht. Für meinen digitalen Burnout bin ich alleine verantwortlich, ganz klar.

Für alle anderen gilt: Lest bitte Herrn Knigge gefällt das! Das Handbuch für gute Manieren im Netz von Max Scharnigg oder schenkt es Leuten, die euch digital auf den Sack gehen. Oder besprecht es mit eurer Schulklasse denn gerade SchülerInnen wissen doch überhaupt nicht mehr wo oben und unten ist oder Front bzw. Backend. Warum? Weil das alles so schnell ging: Email, MySpace, Facebook, StudiVZ, iPhone, Smartphones, 3G, 4G, LTE, Instagram, Twitter, WhatsApp Snapchat...wer kommt da überhaupt noch hinterher? Vor allen Dingen haben sich eigene Verhaltensregeln für all diese Plattformen etabliert, die aber jede und jeder nach persönlichem Geschmack variiert.

Jetzt stellt euch mal vor, es würde eine tatsächliche Netiquette geben. Einen Code of Conduct, an den sich wirklich alle halten würden...Was mir an dem Buch besonders gefällt sind die Begründungen, denn es heißt nicht nur "Macht dieses oder lasst jenes sein." Stattdessen nimmt Scharnigg echte Old School Knigge Zitate und überträgt sie auf unser digitales Leben. Is auch witzig, versprochen. Außerdem fragt er richtig schön nach, warum wir uns in digitalen Situationen manchmal anders verhalten als 'in echt'.

Max Scharnigg möchte uns zu besseren Menschen erziehen. Thema Selbstreflexion. Find ich gut. Ich bin ein großer Verfechter von Regeln und Anstand. Und je länger ich mich mit digitalen Inhalten auseinandersetzen muss, desto mehr bin ich kurz davor, eine Metzgerlehre zu beginnen und mein Smartphone gleich als erstes zu Hack zu verarbeiten. Leute, ich wünschte, ihr würdet alle dieses Buch lesen und mal darüber nachdenken, was ihr so online eigentlich alles veranstaltet.

Doch lest selbst. Hier sind meine Lieblingsregeln aus Max Scharniggs digitalem Knigge (und die Auswahl fiel mir sehr schwer):

"Unterwegs mit dem Endgerät"

Es mag ein gehöriges Maß an Selbstdisziplin verlangen, aber wer auf jeden Signalton des Geräts hin danach fummeln muss und die eigentliche Beschäftigung, sei es ein Essen oder eine Unterhaltung, zugunsten einer Mitteilung von völlig ungewisser Dringlichkeit hinwirft, der gibt das klägliche Bild eines dressierten Menschlein ab, das auf den Gong hört.

Ich bin da definitiv guilty as charged. Sowas von. Aber ich gelobe Besserung! Was ich seit einigen Wochen mache: Smartphone jeden Abend um 20 Uhr AUSSCHALTEN. Hilft ungemein, wirklich. Ansonsten: Ich habe keine Ahnung, wieso Menschen ernsthaft noch Benachrichtigungen für Email, Facebook und Instagram eingestellt haben. Aus aus aus. Und WhatsApp-Gruppenchats leise stellen. Was man prima einstellen kann: Nur bestimmte Personen auf laut stellen. Bei mir wären das die Tagesmutter und die Babysitterin. Für die möchte ich 24/7 erreichbar sein, vor allen Dingen wenn sie auf mein Kind aufpassen.

"Hashtags"

Man postet eine besonders dekorative Tasse Kaffee (sollte man ohnehin vermeiden) und platziert dahinter eine ganze Menge hoffnungsvoller Fähnchen: #coffee #love #enjoy #food #drink #afternoon #favouriteplace #berlin #delicious. [...] Man sollte sich zumindest den Anschein geben, dass man Inhalte auch um der Inhalte willen postet und nicht nur, um Herzen und Daumenhoch zu posten.

Drei Hashtags reichen, oder? Können wir uns da einig sein? Wir hatten auf diesen ganzen Blödsinn übrigens gar keine Lust mehr und haben unseren Instagram Account gelöscht.

"Unhöflichkeit"

Es muss wohl nicht extra betont werden, dass es keinen Unterschied macht, ob man im Netz oder im Linienbus unhöflich ist. Hier wie da verschandelt man die Errungenschaften der Zivilisation, man ist eben nicht edel, hilfreich und gut, sondern fällt auch in der einfachsten Solidargemeinschaft durch, die es gibt: die der denkenden, mitfühlenden Menschen.

Hier sind nicht nur dumme Trolle gemeint. Sondern auch einfach mega vorlaute, unhöfliche Menschen, die aber, seien wir mal ehrlich, im echten Leben nicht viel besser sind. Das sind dann die, die absolut kein Problem damit haben in der Öffentlichkeit auf einen Stuhl zu steigen um ihr Essen zu fotografieren.

"Ironie"

Wer sich intensiv im Netz bewegt, hat bald die Ironie als zusätzliches Sinnesorgan adaptiert und läuft Gefahr, die Fähigkeit zu echter Anteilnahme, richtigem Interesse und wahrer Geistesgegenwart einzubüßen. Im Netz fällt das nicht weiter auf, schließlich liefert es ununterbrochen Futter und fordert nichts. Ironie als Dauerzustand mag für den Beobachter und Chronisten dort also noch hinreichendes Stilmittel sein. Wer es als Treibstoff seines gesamten Daseins wählt, geht unweigerlich auf Distanz zu allem und das ist in summa dann eine Strategie, die ihren Menschen ziemlich einsam macht.

#micdrop #word

"Essen fotografieren"

Wenn der eigene Feed zu einer endlosen Abfolge von Abbildungen der Alltagswellness und des kleinen Glücks wird, bekommt man als Betrachter irgendwann Zweifel, ob das mit dem Glücklichen und guten Lebens bei Leonie84 wirklich sein kann oder ob diese Momente nicht nur mühsam fürs Schaufenster inszeniert sind.

Im darauffolgenden Kapitel widmet sich Scharnigg auch einer detaillierten Etikette zum Essensfoto. Hier gilt: Rücksicht. Bitte. Und ja. Wenn du auf einen Stuhl steigst, ist das mega unhöflich, rücksichtslos und tatsächlich peinlich. Egal wie viele verfickte Herzchen dein dummes Bild kriegt. Gut, dass ich mit solchen Leuten selten essen muss.

"Von wem kommt was"

Das Wichtigste dabei ist, Übernommenes, Zitiertes, Geteiltes auch als solches kenntlich zu machen und nicht der Verlockung nachzugeben, selbst wie der Urheber auszusehen.

Es gibt ja Blogs, die fast schon professionell darin sind, Illustrationen aus dem Web zu ziehen, nicht zu kennzeichnen und dann damit viral zu gehen. Sowas ist uns zuwider. Meist dauert es genau eine Minute um die jeweilige Illustratorin oder Fotografin zu finden. Diese Mühe kann man sich ruhig machen.

"Bedenke, wer alles liest"

Niemand hat seine 534 eingetragenen Freunde im Kopf, wenn er ein Posting verfasst. Man adressiert es meistens an eine bestimmte Clique, oft genug auch nur an zwei ganz bestimmte Personen, deren Meinung oder Daumenhoch aus irgendeinem Grund wichtig sind. Alle anderen lesen es aber auch. Chefs, Eltern, Expartner. Das berücksichtige man ewiglich.

Jeder hat ein Recht darauf, so oft und so viel zu posten wie man will. Punkt. Ich habe ein Recht, das nervig zu finden. Manchmal, wenn man wirklich nur einer Person etwas mitteilen möchte, kann man dieser Person auch einfach eine Nachricht schicken. No need for a whole post und dann die Person taggen.

[Der Gebrauch des Denglischen in diesem Post ist beabsichtigt.]

Schlagwörter: Digital Detox, Netiquette, Online
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