Was ich gerade lese: Literatur über und aus Irland

Elina - Mittwoch, 26. Oktober 2016

In letzter Zeit habe ich das Gefühl, dass es Eltern in Elternzeit hauptsächlich nach Südostasien zieht. Dagegen ist nichts einzuwenden, aber uns zog es überall dahin, wo es vor allen Dingen nicht heiß ist. Höchstens warm. Und dann auch eher so einstündige Flüge, bitte. Soll auch noch Kleinkinder geben, die Langstreckenflüge nicht so unterhaltsam finden. Und dann sollte es ein Land sein, in dem wir beide noch nie waren. Gut, da blieb dann so hauptsächlich Irland übrig.

Gott sei Dank! Irland ist nämlich mega. Wir sind einmal im Kreis gefahren, in Dublin angefangen (direkter Flug mit Aer Lingus von Berlin aus) und in Dublin geendet, dabei nie auch nur für eine Sekunde tatsächlich Dubliner Boden berührt. Höhö. Dafür: Wexford, Waterford, Cork, Dingle, Kerry und eine Million kleine Mini-Städtchen und Dörfchen, in die wir uns ordentlich verschossen haben.

Ich habe ja schon einige Male ganz bescheiden prätentiös zugegeben, meine Literaturauswahl meinem Aufenthaltsort anzupassen. In Irland wollte ich also was Irisches lesen. Nicht so schwer, die Iren haben wetterbedingt viel Zeit und Muße drinnen zu sitzen und ordentliche Bücher zu schreiben. Muss schön sein.

(Das Irish Country Magazine kann ich übrigens auch jedem empfehlen. Richtig nice, sie portraitieren immer großartige Irinnen.)

Anne Enright The Green Road (Rosaleens Fest)

Gibt nicht viel, was über dieses fantastische Buch noch nicht gesagt wurde, außer: unbedingt lesen. Ich alter Geizkragen habe für dieses Buch sogar den vollen Preis bezahlt, weil die irische Buchhändlerin so davon geschwärmt hat. An dieser Stelle: Leute, geht mal wieder in eine Buchhandlung und unterhaltet euch mit den Leuten, die dort arbeiten. Die ham das gelernt.

Zurück zum Buch: Es geht um Familie. Um eine Mutter, Rosaleen, und ihre Kinder, die alle wegziehen, ihre Leben leben, ordentlich abfucken und irgendwie auch zu ihrer Mutter zurückkehren. Traurig ist es manchmal, tragisch und dazwischen diese Beschreibungen der irischen Landschaft. Perfekt für den Herbst, perfekt wenn man mal wieder ein bisschen Weltschmerz fühlen möchte.

Es ist ehrlich, direkt und klug. Alles, was ich an einem Buch liebe. Nichts schnulziges, kein unnötiges Gelaber,  Und Zeitsprünge! Ach, ich liebe Zeitsprünge. Glaubt es mir und der netten Buchhändlerin, das Buch ist toll. Wärmstens empfohlen!

Emer Martin Baby Zero

Im gleichen Buchladen lag auch eine Kiste mit Büchern für 2€, unter anderem dieses. Ich nahm es mit, weil mich das Cover neugierig gemacht hat (Das mache ich sehr, sehr oft, und ich bin nicht allein. Also Leute, bezahlt eure Grafiker*innen und Illustrator*innen vernünftig.)

Frau Martin würde in Deutschland wahrscheinlich als Irin mit Migrationshintergrund beschrieben werden, im Klappentext steht allerdings "She is a Dubliner." Boom. Fertig.

Das Buch ist ebenfalls eine herrlich verworrene Familiengeschichte, mit Müttern, Töchtern, und was es heißt bei Null anfangen zu müssen. Immer und immer wieder. Es ist auch eine Migrations- oder Fluchtgeschichte. Das Buch ist von 2007, aber wie gackert das Phrasenschwein: so aktuell wie eh und je.

Emer Martin's book, Baby Zero, was a gripping, emotionally-wrenching, always engaging story that made me exhausted and exhilarated all at once.

Ich möchte nicht zuviel von der Geschichte verraten, denn das soll man sich bitte selbst erarbeiten, wer mit wem wie wann wo umsiedelt, verwandt ist oder zu tun hat. Hier wird übrigens alles an Emotionen und Dramen ausgepackt, was bei Enright weggelassen wurde. Und dennoch passt es. Ich hab auch geweint, vielleicht weil ich zu der Zeit selber ein Baby hatte. Und das Ende hat mich umgehauen.

Belinda McKeon Zärtlich

Die richtig Schlauen unter euch werden unter Umständen wissen, dass dieses Buch gerade erst herausgekommen ist, und ich es also nicht in Irland gelesen haben kann. Stimmt. Ich habe es hier in Berlin gelesen, und ganz ehrlich habe ich das letzte Drittel auch mehr so quergelesen, denn es war nicht wirklich meins.

Nichtsdestotrotz bin ich mir sicher, dass es Leute gibt, die das toll finden. Ich nicht. Ich brauche viele Menschen, die miteinander kommunizieren und etwas erleben, und vielleicht verreisen und eine Entwicklung durchmachen. Zärtlich ist mehr so das genaue Gegenteil. Außerdem sind die Protagonisten Tweens der allerschlimmsten Sorte und ich habe keine Muße eine 19-jährigen beim Erwachsenwerden zu begleiten.

Geschrieben ist es natürlich fantastisch. Auf Englisch vielleicht sogar noch bezaubernder, aber die Übersetzung liest sich gut. Ich kann mir einfach kein wehleidiges Rumheulen einer jungen Frau anhören, die besessen von ihrem homosexuellen besten Freund ist. Nee wirklich, besessen, psycho. Mädel ich komm auch vom Land und hab keinen fancy Start in meinem Leben gehabt, aber dennoch kommt Catherine mir doch wahnsinnig naiv vor. Nun gut, 1997 gab es auch noch kein Urban Dictionary oder Vice Broadly, da wusste man dann manche Sachen einfach noch nicht.

Die Reaktionen des Umfelds der beiden im Irland der späten neunziger Jahre waren für mich noch am interessantesten. Mitunter fand ich es spannend, mich in Catherines sehr wirren, hilflosen, und unselbstständigen Kopf hineinzulesen, doch dann langweilte sie mich wieder und ich hoffte, es würde endlich mal irgendetwas passieren. Zur Hälfte des Buches passiert dann wirklich etwas, was alles verändert, aber #nospoilers.

Vielleicht fand ich es ja auch unspannend, weil ich gerade in einer ganz anderen Lebensphase bin, weil ich ein sehr selbstbewusster Mensch bin, weil ich andere Sorgen hab, als wer mit mir wann auf welche Uni-Feier geht und welcher Kerl mich gerade am meisten interessiert. Augenblick mal, vor fünf Jahren wäre das vielleicht genau mein Buch gewesen. Jetzt könnte man es vielleicht lesen, um sich selbst daran zu erinnern, wie man nicht sein möchte.

Es ist natürlich kein popeliger Young Adult Scheiß, Belinda McKeon schreibt wunderschöne Bücher, aber meins war es nicht. Vielleicht schenke ich es der nächsten 19-Jährigen, die ich treffen werde.

Schlagwörter: Literatur, Mama, Migration, Muttersein, Reisen, Was ich gerade lese
Bücher