Erklär mir mein Deutschland: Jagoda Marinic "Made in Germany. Was ist deutsch in Deutschland?"

Elina - Freitag, 11. November 2016

Am Tag nach dem Tag, an dem wir alle aufgewacht sind und erfahren haben, dass Donald Trump tatsächlich der zukünftige Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika sein wird, bin ich aufgewacht und habe mich wach gefühlt. Die Afroamerikanische Community bezeichnet den Geisteszustand von Individuen, die sich ihrer eigenen Privilegien bzw. Unterdrückung oder anderer bewusst sind, als woke. (Ich versuche das hier sehr vereinfacht darzustellen.)

Ich hätte mir nie herausgenommen, mich selbst als woke zu bezeichnen. Ich kann und werde niemals wissen, wie sich Rassismus anfühlt. Das ist Fakt. Selbst wenn ich einen schwarzen Mann geheiratet hätte, selbst wenn meine Kinder mixed wären, hätte ich niemals empfinden können, was sie (unter Umständen) durchmachen.

Als Russlanddeutsche werde ich auch niemals fühlen können, was man als Deutschtürke, oder mit arabischem Namen, oder mit brauner Hautfarbe durchmacht. Ich bin vielleicht an der eurasischen Grenze geboren, aber dass ich aus Asien komme, denkt auch niemand, der mich trifft.

Wieso ist es für viele weiße Menschen so schwer, sich selbst als weiß zu bezeichnen?

Doch das was ich als weiße Aussiedlerin in Deutschland mitgemacht habe, hat mir schon gereicht. Deshalb verursacht es in mir soviel Schmerz und Unverständnis, dass das noch nicht einmal die Spitze des Eisbergs ist, wenn wir über Diskriminierung und Unterdrückung sprechen möchten.

Wieso ist es dann so einfach für viele weiße Menschen, mit oder ohne Migrationshintergrund, gebildet oder auch nicht, arm und reich, so schwer zu verstehen, dass sich andere Menschen aufgrund ihrer Herkunft, Hautfarbe, ihres Namens oder ihrer sexuellen Orientierung in erniedrigenden, lebensgefährlichen oder schlichtweg unfairen Situationen wiederfinden können oder Lebensumständen aufwachsen können. Weltweit. Überall. Ach shit, und aufgrund ihrer Religion. Das vergess ich immer gerne. Dass Menschen sich auch gegenseitig wegen ihrer göttlichen Präferenzen umbringen.

Wir wissen nicht wer diesen Blog liest. Die meisten unserer Facebooklikes sind mit uns befreundet, bekannt oder verwandt. Selten gibt es fremde Kommentare, oder Emails. Eigentlich nie. Ich schreibe Rezensionen von Büchern, die ich gut finde, wichtig oder bei denen ich denke, die könnten andere Leute interessieren, auch wenn ich sie schwer zu lesen oder langweilig fand. Ich kann aber unterscheiden zwischen ‚gefällt mir nicht’ und ‚könnte anderen gefallen’.

Zu Beginn dieses Jahres habe ich Jagoda Marinics „Made in Germany. Was ist deutsch in Deutschland?“ gelesen. Seitdem liegt es auf meinem Schreibtisch. Ich habe mich nicht getraut, all die Notizen, die Zettelchen und die Markierungen in einen Post zu packen. Bis dieser Mensch diese Wahl gewonnen hat und ich bis ins Mark erschüttert war. Es geht auch nicht darum, dass mir nicht bewusst war, dass es draußen genug hasserfüllte Menschen gibt, die ihn wählen würden, dass es die theoretische Möglichkeit gab, war mir klar, und auch, dass er nicht nur von ungebildeten weißen Männern gewählt wurde – sondern dass ich bis zuletzt glaubte, dass die Guten gewinnen. Und ja, in dieser Zusammensetzung, in dieser Wahl, wenn wir mal ganz pauschal sagen wollen, wer hier gut und wer hier böse ist, dann war das Donald Trump. End. Of. Motherfucking. Story.

Von mir aus bezeichnet es als Not gegen Elend, oder böse und weniger böse, oder was auch immer. Aber für mich war es ein Mann, der hasserfüllte, diskriminierende Tiraden benutzte, und eine gebildete und ausgebildete Frau, die sich klug, besonnen, inklusiv und respektvoll verhalten hat. Ich habe keine Ahnung wie sie so ruhig geblieben ist.

Nächstes Jahr wählen wir in Deutschland. Prost Mahlzeit. Wir haben Brexit nicht verstanden, wir schieben Trump auf die böse weiße rassistische Arbeiterklasse, und wir lachen wieder über Memes. Feministische Texte werden voller Hass und geprägt von Langeweile mit unqualifizierten Kommentaren versehen. Währenddessen gratuliert die AfD Trump und in New York, Philadelphia und im Süden natürlich prangern Hakenkreuze und rassistische Sprüche an Denkmälern und Gebäuden. KKK Figuren laufen über Brücken. Schwarze Puppen werden mit Stricken an Bäumen aufgehängt. Grundschulkinder schreien „Build a Wall“ und hispanische Kinder werden gebeten, zurück nach Mexiko zu gehen. Von ihren Lehrer*innen.

Trump sitzt wie ein bedröppelter Schuljunge neben einem der intelligentesten, charismatischsten, erfolgreichsten Politiker, den die Welt jemals gesehen hat und spricht von Einigkeit.

Und wir fragen uns, was bedeutet das für uns, für den Rest der Welt, für Europa?

Sind aller guten Dinge drei und Merkel muss wirklich weg und irgendein AfD Freak wird Bundeskanzler*in? Ich lese Artikel über den Wahlkampf der Afd in der russlanddeutschen Community. Nicht alle diese Menschen sind wie ich in Deutschland angekommen und haben über Jahre in Notunterkünften und Asylantenheimen gelebt. Viele von ihnen kommen aus Ländern in der ehemaligen Sowjetunion, wo offener Rassismus allgegenwärtig war. Die überrascht waren, „dass es in Deutschland so viele Türken gab“.

Und jetzt wird es schon kompliziert. Oder eben nicht, wenn man Jagoda Marinics Buch liest.

Es sind einfach alle Ausländer oder inzwischen ‚Menschen mit Migrationshintergrund’ – viele verwenden diese beiden Begriffe, als würden sie die gleiche Gruppe beschreiben. Dabei ist ein Mensch mit Migrationshintergrund sehr oft gerade kein Ausländer, sondern Deutscher.

Boom. Ich finde Fragen, welcher Identität ich mich zugehörig fühle, unmöglich. Zunächst einmal geht das keinen etwas an. Ich muss mich nicht wie irgendjemand fühlen, ich bin zunächst einmal Deutsche. Fertig aus. Und ich bin das gerne, und ich habe da auch keine Probleme mit. Ich schäme mich nicht für mein Land, ich schäme mich für andere Menschen. Das nennt sich dann Fremdschämen und ist ein feines deutsches Wort. Deutsch habe ich als dritte Sprache gelernt. Deutsch ist die Sprache meiner Heimat, meine Heimatsprache. Das geht.

Der Migrationshintergrund wird künftig ‚normal’ sein, und doch behandelt man diese knappe Hälfte aller Schulkinder in den Debatten wie eine Minderheit.

Jetzt kommt die Angst der weißen Menschen. Manchmal hab ich das Gefühl, dass weiße Deutsche schon irgendwie deep down hoffen, dass die Migranten, wenn sie nicht gerade Fußball für uns spielen oder die Trattoria im Dorf führen oder unsere Putze sind, irgendwann wieder gehen. Von selbst. (Oder mit Gewalt, wenn sie böse waren.)

Sie sollen auch nicht in den Bundestag, das verwirrt doch die Kinder, dann denken die, die könnten auch politisch aktiv werden, oder kollektiv Abi machen oder Medizin studieren und Arzt werden. Wo kommen wir denn dahin! Wozu haben wir denn unsere Hauptschulen?

... sprechen unterschiedslos von den hier Geborenen und den Flüchtlingen - nie sprechen diese prominenten Herren der Republik im Interesse der hier geborenen Jugendlichen, denn die gehören aus ihrer Sicht nicht dazu und werden es auch nicht.

Ist richtig. Und dann sitze ich in einer Veranstaltung eines literarischen Vereins und der Moderator beklagt, dass die jungen Deutschtürken kaum noch auf Türkisch schreiben. Und dann fragt ihn ein junger Deutschtürke: „Warum?“ Und dann versteht der fünfzigjährige weiße deutsche Moderator ohne Migrationshintergrund die Frage nicht. Und dann fragt der junge Deutschtürke noch einmal „Warum sollte ich auf Türkisch schreiben? Ich bin Deutscher.“ Und dann möchte der verwirrte Moderator über Herkunft, Kultur, sprachliches Erbe sprechen, merkt aber langsam selbst, dass er dem anderen gerade seine Identität aberkennt.

Die Debatte verfällt nun zurück in die alten Argumentationsstrukturen und schadet somit allem, was bisher erreicht wurde: Die Bundesrepublik hat Millionen Einwanderer und ihre Nachfahren integriert, sie hat den gesamten Osten Deutschlands integriert.

UND MICH! ICH AUCH! ICH BIN AUCH INTEGRIERT!

Dieses Bewusstsein vom morgigen Tag, der anders verlaufen wird als der heutige und unsere Wege bestimmt, ist in Deutschland nicht besonders ausgeprägt. Daher gibt es auch wenig Würdigung für Menschen, die in diesem Bewusstsein handeln.

Das ist schon immer so gewesen, das war noch nie so, da könnte ja jeder kommen. Hat mein Prof immer gesagt. Im Scherz, wenn er sich als Bayer über die sturen Preußen aufgeregt hat. Nein, ich habe nicht im 19. Jahrhundert studiert. Nicht weil es keine Zeitsprünge gibt, sondern weil ich eine Frau bin, ich hätte nicht gedurft.

Jagoda Marinic spricht viele wichtige Dinge in diesem Buch an und vor allen Dingen spricht sie auch darüber, inwiefern die USA sie beeinflusst haben. Wer mich kennt, weiß, dass es bei mir ähnlich war. Erst in Amerika habe ich mich Deutsch gefühlt. Meine verworrene Geschichte erschien da allen logisch. Mennoniten kannten sie und dass man 300 Jahre in einem Land leben kann und seine Identität behält fanden sie auch nicht unsinnig. Sie sind ja auch alle zu 30% Iren, zu 20%Italiener und alle anderen sind Deutsch oder Englisch.

Eigentlich könnte ich noch ewig lang weiterschreiben. Das Buch ist großartig, und wichtig. Nichtsdestotrotz noch ein paar meiner Lieblingszitate:

Ach ja, Sport. Den können Migrantenkinder auch, daher investieren Behörden und Stiftungen so gerne in Integrationsprojekte aus diesem Bereich. Ein Bereich, der auch so gut funktioniert und in dem es leichter ist, erfolgreiche Teilnehmerzahlen vorzuweisen, der Sport erfordert weniger Arbeit im Unkraut des Einwanderungsbodens. Wir brauchen die Förderung jedoch dort, wo es nicht so einfach ist.

Es sind diese Einwanderungswaisen, die fast einen Rassismus gegen die eigene Geschichte pflegen, nur empfinden sie das, was sie ablehnen, nicht als eigene Geschichte, sondern als die der Eltern. Sie hoffen, indem sie deren Geschichte loswerden, werden sie das los, was sie von der Zugehörigkeit zu diesem Land trennt. [...] Das höchste Kompliment, das so einer erhalten wird: ‚Dir merkt man nicht an, dass du kein Deutscher bist.'

Sich gegen Rassismus einzusetzen, bedeutet für die Öffentlichkeit dieses Landes allzu oft eine selbstzerfleischende Analyse statt eine Hinwendung zu den Opfern.

Dann kann das nur heißen, dass sich jeder, der etwas aus der Geschichte gelernt haben will, dazu verpflichten müsste, der Kreation des abstrakten Migranten, des abstrakten Ausländers, des abstrakten Illegalen entgegenzutreten. In allen Bereichen.

Was wird hier hilflos nach der europäischen Identität gesucht, doch wer nicht erzählen kann, wird sie nicht finden. Identität ist Narration. Sich selbst gegenüber. Und anderen. So wurden wir zur Kultur. Durchs Erzählen. Nur anerkennen muss uns das keiner. Und willkommen heißen auch nicht. Willkommen heißen wir uns selbst.

An dieser Stelle sei auch der großartige Artikel von Lena Gorelik über Jagoda Marinic zu empfehlen. Lena durfte ich auch schon einmal interviewen.

Schlagwörter: Deutschland, Integration, Migration, Migrationshintergrund, Was ich gerade lese
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