Habt ihr gut gemacht, Wirtschaftswoche, lasst euch nichts erzählen!

Elina - Samstag, 7. Januar 2017

Liebe Wirtschaftswoche!

Ich lungerte gerade so auf Facebook rum und entdeckte, dass eine Person, die ich überhaupt nicht kenne, der ich aber folge, weil ich sie ein bisschen bewundere und klug finde, euer Cover geliked hat. Was ich sehe ist ein astreines Foto, von einem nett aussehenden Kind in einem Pulli, den ich persönlich auch gern hätte (von den Haaren mal ganz zu schweigen), schön fotografiert, und tatsächlich mal visuell ansprechend. Das Kind scheint ein Mädchen zu sein.

Titel des Covers?

Ich will das nächste Google bauen. Ein Plädoyer für Programmieren als Schulfach.

Beschreiben tut ihr den Titel auf Facebook folgendermaßen:

Wer Software nicht versteht, versteht bald die Welt nicht mehr. Wir brauchen deshalb einen Unterricht, der unserem Nachwuchs hilft, die digitale Gesellschaft von morgen zu prägen. Plädoyer für eine Bildungsoffensive, die unseren Wohlstand sichert.

Spricht prinzipiell nichts dagegen. Erscheint sogar ziemlich schlüssig. Da müsste man lange suchen, um was zum Meckern zu finden, oder?

Da das nun also ein (wenn auch weißes) Mädchen zu sein scheint...ist alles was ich höre:

You just might be a black Bill Gates in the making, 'cause I slay I just might be a black Bill Gates in the making

Das ist von dieser Beyoncé, das Lied heißt Formation und geht ab. (Aber schon länger.) Queen Bey war auch schon auf dem Cover der Fast Company. Und ja, ich weiß, dass Google und Bill Gates zwei paar Schuhe sind. Aber hey, werden aber wahrscheinlich im gleichen Laden verkauft.

Ein Beitrag geteilt von Fast Company (@fastcompany) am

Ich gebe zu, ich lese die Wirtschaftswoche nicht so oft. Ich kaufe mir aber viele Zeitschriften und ich lese phänomenal viele Bücher. Ich arbeite für ein Start-Up. Im Tech Bereich. Storytelling. Stars Wars Gespräche beim Mittach.

I judge a book by its cover. ALWAYS.

Ich feier euer Cover hart. (Das bedeutet, dass es mir zusagt, sehr sogar!) Warum?

Weil ich letztes Jahr auf dem Zukunftskongress der SPD war und im Arbeit der Zukunft Workshop saß und mir ein paar verzweifelte Jungs in Hoodies mit Männern über 60 beim Streiten angeguckt. Es ging um Digitalisierung der Bildung (oder so ähnlich). War prinzipiell witzig, wenn auch nicht ergiebig. Bis einer der Kerle mal ordentlich die Hand auf den Oberschenkel klatschte (da war genug Klatschfläche) und uns jungen Leuten mal erklärte, wo das Problem eigentlich liegt:

Die Handys! Die machen die Kinder kaputt! Die müssen alle ohne Diskussion raus aus den Schulen, und das Internet auch! Zurück zum Wesentlichen! Die, die können nämlich mit dieser ganzen Information gar nichts anfangen, die können das nicht verarbeiten!

(Spontan wäre hier mein Vorschlag ein Schulfach zum Thema Digitales einzuführen...)

Och man, Klaus-Otto (früher war mein go-to Name für weiße deutsche Opis ja Karlheinz, jetzt ist das eine coole Band mit Loretta Stern), was geht? Bist du traurig? Sind deine Enkel immer nur am Daddeln? Hast du kein Wlan und deshalb besucht dich keiner? Hast du gar keine Enkel? Weil du nämlich auch keine Kinder hast? Was ist denn das für eine unreflektierte Scheiße?

Ey Leute! Knallt die Schulen voll mit Computern, Smartphones und Tablets! Programmiert euch die Seele aus den Augenbrauen! Seid Teil dieser Welt! Sprecht mit Schüler*innen aus Kalkutta und Japan und Chile! Führt ein Theaterstück mit Hologrammen auf! Aber lasst mich in Ruhe mit eurer Anti-Fortschrittsscheiße. Und wundert euch nicht immer so heuchlerisch über den Mangel an Gründungen. Freut euch doch mal, ermutigt doch mal die jungen Leute, seid doch mal zuversichtlich, die Rente ist doch noch ok, oder?

Doch ich komme vom Thema ab.

Was ich eigentlich sagen wollte? Ihr habt da einen Kommentar, liebe Wirtschaftswoche, von einem Mann, der sagt Folgendes:

Hört endlich auf damit, bei Bildungsthemen immer nur Mädchen zu zeigen! Die Bildungschancen von Jungs sind extrem schlecht und sie brauchen erheblich mehr Unterstützung, als ständig gegen sie zu arbeiten.

Masculinity so fragile, it...fängt an zu heulen wenn man ein Mädchen auf das Cover der Wirtschaftswoche packt obwohl es mal nicht um Genderbla geht, sondern -oh Schreck- um ein allgemeingültiges Thema wie die ZUKUNFT DER BILDUNG. (Mal ganz von den dämlichen Klugscheißern abgesehen, die direkt darauf eingegangen sind, dass mehr Informatikkurse an deutschen Schulen niemanden zum Googlegründen bewegen werden. Eure scheiß Attitüde auch nicht, bitches! Ihr seid der Schlag Mann, der sich zu mir und meinem Kleinkind im Bus umdreht, wenn der Lütte einen Bagger gesehen hat, ergo laut 'Bagger' ruft und sagt: 'Das war aber ein Zementmischer!' Halt doch die Fresse. Du weißt mehr über große Maschinen als ein Zweijähriger, gut gemacht.)

So, zurück zu dem Kommentar. Der Herr hat Recht, Jungen haben schlechtere Bildungschancen. Wir kennen die Statistiken. Willste noch eine Statistik?

Nur knapp 13 Prozent der Technologiegründungen haben in ihrer Kernmannschaft überhaupt eine Frau. Frauen allein sind auf Grundlage dieser Daten noch nicht einmal in 17 Prozent der Gründungen aktiv (Hightech-Sektor: 5,1 Prozent). (Gründerszene)

Der Frauenanteil an den Beschäftigen in MINT-Berufen ist deshalb langsam steigend, jedoch mit 15 Prozent noch immer deutlich unterdurchschnittlich. (Arbeitsagentur)

Im Wintersemester 2014/15 ist die Zahl der Studienanfängerinnen und -anfänger in der Informatik auf 34.300 gestiegen. Das ist ein Anstieg um 2,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Dies geht aus vorläufigen Berechnungen des Statistischen Bundesamtes hervor. Die Informatik ist damit das einzige MINT-Fach, das ein neues Rekordhoch erreicht hat. (bitkom)

Was ich ebenso wichtig finde: Männer verdienen trotzdem mehr Geld, gehen seltener in Elternzeit und die meisten Vergewaltigungsfälle geschehen in Beziehungen, verübt von Männern. Ups, was hat das denn damit zu tun?

Jetzt kommt se wieder mit ihrem kack Feminismus

Richtig. Dass auf diesem Cover ein Mädchen abgebildet ist, MINDERT DIE BILDUNGSCHANCEN DER JUNGEN NICHT. DASS EIN MÄDCHEN GUTE NOTEN HAT MACHT DIE JUNGEN NICHT DÜMMER. WENN EINE FRAU ERFOLG HAT, IST DAS NICHT ALS MISSERFOLG EINES MANNES ZU VERSTEHEN.

Weiter so, liebe Wirtschaftswoche, ich hab euch mal geliked und kaufe mir morgen am Bahnhof die aktuelle Ausgabe. Wird meine erste sein. Ich war vorher busy mit Geisteswissenschaften, heiraten, Kind kriegen und schminken. Zum Schminken habe ich keine Zeit mehr, da kann ich mich auch wirtschaftlich weiterbilden. Vielleicht hole ich mir sogar ein Abo.

Kussi,

Elina

PS:

Schlagwörter: Bildung, Girlpower, MINT, Programmieren, Wirtschaftswoche
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