Überschätzte Hype-Lebensmittel: Elina liest ein Buch über Essen.

Elina - Dienstag, 17. Januar 2017

Svenja macht Saftkuren in ähnlicher Häufigkeit wie ich neue Dönerbuden austeste. Svenja sprenkelt auch gerne Chiasamen auf alles und jeden und zur Zeit ist sie mal wieder glutenempfindlich. (Hindert sie nicht daran nach dem zweiten Pint glutenfreien Pint Craft Beer ein Drittel meiner Pizza wegzuessen.)

Aber ich sollte mich nicht drüber lustig machen, meine geliebte Svenja, und auch ihr Umfeld, haben am Morgen nach dem Verzehren dieser Pizza darunter gelitten. Also Schatz, kein Gluten, egal wie lecker das Bier!

Kochen ist bei mir entweder Resteverwertung oder auf dem Heimweg beim Restaurant im Nachbarhaus anrufen. Naja, wenigstens sind wir meistens satt und nicht krankhaft adipös.

Jedenfalls musste dann ja mal der Tag kommen, an dem ich mich vielleicht auch mal literarisch dem Thema Essen nähern würde. Also, ich finde ja solche Spaßbücher mit kurzen Mini-Kapiteln ja normalerweise mega unwitzig und meistens dumm, oder sexistisch. War auch meine erste Vermutung beim Cover von Markus Barths "Soja-Steak an Vollmondwasser. Das Handbuch der überschätzten Lebensmittel."

Sorry, das Bild sieht halt zunächst einmal nach Leberkäse essendem Klugscheißer irgendwo in Bayern aus. Scheint dann aber wohl doch Tofu zu sein. Und ne Reiswaffel. Bäh, find ich beides eklig. Auf den zweiten Blick entziffert man dann auch den Stempel oben links. Da steht Lebensmittel Beschimpfung. Huh.

Ich packte es in meinen Rucksack und bei der nächsten Tramfahrt zur Arbeit aus. Dauerte nicht lang, und ich lachte tränen. Die trendy emotionslosen Hipster in der M8 auf dem Weg zum Rosenthaler Platz waren etwas überfordert und ich markierte, schrieb und schoss Fotos von den besten Zitaten. Bisher warten drei Leute auf die Weitergabe dieses Buches. (Eigentlich soll Svenja es aber zuerst lesen. Auch wenn zu glutenfreier Ernährung nichts drinsteht.)

Was das Buch so geil macht: Sprache. Ich habe meinen linguistischen Soulbrother gefunden. Endlich mal jemand, für den weißte und isses echte Wörter sind, die es zu benutzen gilt. Auf der anderen Seite hat Herr Barth aber wirklich auch recherchiert. Spricht über den CO2 Abdruck verschiedener Lebensmittel, den Schwachsinn hinter Himalajasalz (kommt sowas von null direkt aus dem Himalaya) und dass Wasserfilter meistens absolute Keimfreakherde sind. Ich will hier nicht behaupten ein vollkommen akademisch und wissenschaftlich einwandfrei recherchiertes Buch gelesen zu haben, aber witzig war es allemal. Und so schön ehrlich, denn jetzt mal Butter bei die Fische, Essen zu einer Religion zu machen oder zu einem Statussymbol ist schon auch irgendwie bescheuert, oder?

Und jetzt für den Wortwitz des Tages: Eine Kostprobe meiner Lieblingszitate.

Vielleicht heißt 'auf Fleisch verzichten' eben, dass man auf Fleisch verzichtet. Und sich nicht irgendein Fleischersatzprodukt kauft, für das Sojabohnen in Monokultur gezüchtet und einmal quer über den Globus geflogen werden und dessen Herstellung klingt, als hätte Daniel Düsentrieb 'nen schlimmen Albtraum gehabt.

Wer Zartbitterschokolade kauft, 'weil man davon viel weniger isst', der streut sich wahrscheinlich auch Reißnägel auf die Couch, 'weil man dann da nicht so rumlungert', gell?

'Milchschokolade mit Karamell und Candy-Creme' steht da. Was ist denn bitte Candy-Creme? Mars, die 80er-Jahre haben angerufen, sie wollen ihre Inhaltsstoffe zurück! Schreib doch wenigstens 'Candy La Crème', das klingt dann wie 'ne ostwestfälische Trümmertranse. 'Heute Abend in der Paderborner Mars-Bar: Candy La Crème mit ihrer zähflüssigen Schwester Cara Mell! Einlass 20 Uhr, die Türen bleiben offen, damit Sie jederzeit gehen können!'

Aber mal ehrlich, Eisbergsalat: Bevor man so etwas Langweiliges wie dich unterm Dressing versteckt - könnte man da nicht einfach nur das Dressing trinken?

'Strunk' ist eines dieser schönen deutschen Wörter, die allein durch ihren Klang nahezu perfekt die Ungeilheit des Objekts widerspiegeln, für das sie stehen. Ähnlich wie 'Bußgeld' und 'Sport-BH' und 'Beatrix von Storch'.

Elinas Interview mit Markus Barth


Ganz ehrlich: was geht mit der Obsession mit Ostwestfalen? Is schön bei uns, ich weiß! Aber ich zähle mindestens 4 OWL Erwähnungen!

Die Marktfrauen! Ich weiß es doch auch nicht. Ich nehme an, da ich viel mit dem Cartoonisten Ralph Ruthe zusammenarbeite (der in Bielefeld wohnt), bin ich da irgendwie geprägt. Außerdem: Es klingt einfach so schön. Ostwestfalen! Ein bisschen wie „Kaltes Heißgetränk“ oder „Bummelschnellzug“.

Ich bin so dankbar für den Marsriegel Diss. Ist übrigens die einzige Schokolade, bei der mir die Zähne wehtun. Aber sag mal, kennst du eigentlich Schokokussbrötchen? Gab es das bei euch auch?

Gab es, war aber nie so mein Ding. Ich war mehr für Eszet-Schnitten oder die Steigerung in der Weihnachtszeit: Schokoladennikolaus-Stücke auf warmem, gebuttertem Weizen-Toast. Wunderbar.

Wer soll denn dein Buch kaufen oder lesen?

Na von mir aus absolut jeder! Aber besonders viel Nutz- und Unterhaltungswert hat es vermutlich für Leute, die gerne kochen, essen und essen gehen.

Warum steht da nichts über Glutenintoleranz?

Weil man da unterscheiden muss: Es gibt die echte Glutenintoleranz. Das ist eine beschissene Krankheit und die Betroffenen können einem leid tun. Dann gibt es noch die eingebildete Glutenintoleranz, die mehr so eine Modeerscheinung ist: „Ich esse jetzt keinen Weizen mehr, denn ich habe in einem Buch gelesen, dass das total schlecht für mich ist.“ Da juckt’s mir sehr in den Schreib-Fingern, aber man muss sich ja auch noch was für’s nächste Buch aufheben.
Wusstest du dass der amerikanische Kongress 2011 Pizza wegen der Tomatensauce offiziell als Gemüse einstuft, für Schulkantinen?
Ja, habe ich mal gelesen. Insofern wundert es mich, dass wir nicht alle viel kritischer sind, wenn mal wieder ein „Ernährungstrend aus den USA“ zu uns rüberschwappt.

Reiswaffeln sind übrigens auch giftig.

Na ja, „giftig“ ist ein großes Wort. Ich bin relativ sicher, dass kein Lebensmittel, das man bei uns in einem Supermarkt kaufen kann und in vernünftigen Mengen zu sich nimmt, wirklich „giftig“ ist. Für mich sind Reiswaffeln einfach der Inbegriff des spaßfreien Essens und somit schlecht fürs Gemüt.

Sieht man dich demnächst auch mal in Berlin für ne Lesung?

Reine Lesungen mache ich momentan nicht, aber man kann mich regelmäßig mit meinem Stand-up Programm (in dem ich auch aus dem Buch lese) im Quatsch Comedy Club in Mitte, dem Kookaburra Club am Prenzlauer Berg und der UFA Fabrik in Tempelhof sehen (alle Termine unter www.markus-barth.de)

Bei welchem Lebensmittel verstehst du keinen Spaß?

Rohe Petersilie. Ich habe mittlerweile eine ausgefeilte Technik entwickelt, um unsinnig verstreute rohe Petersilie rückstandsfrei von meinem Teller zu schlenzen. Liebe Gastronomen, bitte glaubt mir: Nichts, absolut nichts wird leckerer, wenn man rohe Petersilie darüberstreut!

Soja-Steak an Vollmondwasser. Das Handbuch der überschätzten Lebensmittel (Hardcover) von Markus Barth

D: 9,99 €

Größe  13,00 x 21,00 cm

Seiten 128

Alter    ab 12 Jahren

ISBN    978-3-830-33441-5

Cover Photo by Sebastián LP

Schlagwörter: Chia, Gesundheit, Healthy, Hype, Markus Barth, Trendfood
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