Was ich gerade lese: Bücher über Flucht

Elina - Samstag, 28. Januar 2017

Ich sitze an einem Samstagabend im Büro und kann kaum noch auf den Laptop starren. In einem Moment der Prokrastination flüchte ich auf Facebook. Und da ist er: die präsidiale Mango und seine Exekutivdekrete. Eine Woche lang ist er jetzt Präsident. Und hat richtig viele Papiere unterschrieben, die erst einmal nichts bedeuten, die meisten von ihnen.

Eines allerdings, dieses eine, das macht dann doch gerade einen Unterschied. An einem Flughafen in New York sitzen nun Menschen fest und können nicht vor und nicht zurück, und ich klicke auf die Kommentare des New York Times Artikels. Hätte ich nicht machen sollen. Sollte man nie machen. Ich klicke und lese und gehe auf Profile, die ich nicht kenne und kriege Kopfschmerzen.

Ich deaktiviere mein Profil.

Mal wieder. Ich mache das regelmäßig. Meistens wenn ich nicht mehr kann. Ich blockiere auch richtig viele Leute. Spätestens nachdem ich letzten Sommer feststellen musste, dass manche meiner Freunde und Familie in Süd-Virginia tatsächlich für Trump gewählt hatten. Das lähmt mich. Ich blockiere zwar nicht die Leute, die ich kenne, aber ihre krassen Freunde, die dann auf deren Seiten noch krassere Kommentare posten und ich lese das dann und hach es nimmt doch kein Ende.

Ich bin in einem anderen Land geboren, als in dem, in dem ich gerade lebe. Das macht mich zumindest erstmal zu einem Menschen mit Migrationshintergrund mit eigener Migrationserfahrung. Wordpress unterstreicht beide dieser Wörter. Ich bin also eine Migrantin. Ich weiß nicht, ob ich mich als Flüchtling bezeichnen würde, vielleicht, aber offiziell bin ich zunächst einmal Aussiedlerin. Nichtsdestotrotz sind wir Anfang der 90er aus einem Land in ein anderes gezogen, damit es uns mal besser gehen wird. Wir haben einige Jahre in einer sogenannten Notwohnung gelebt, in einem Asylantenheim.

Ich kann mich nicht an viel erinnern, aber ich versuche nicht zu vergessen, wo ich herkomme.

Noch so ein Grund warum ich Bücher von Menschen lese, die über Flucht oder Migration schreiben. Sie helfen mir. Sie sollten anderen Menschen, die keine Migrationserfahrung haben, auch helfen.

"The Book of Unknown Americans" von Christina Henríquez ist schon etwas älter, aber ich bin jetzt erst dazu gekommen. In meinem Amerikanistik Studium habe ich mich auf Verfassungsrecht und öffentliche höhere Bildung konzentriert, hätte ich gekonnt, hätte ich aber die Einwanderungsgeschichte der USA gerne noch dazu gepackt.

We ordered three waters without ice and when they came we sat together, sipping out of pebbled red plastic glasses, celebrating in silence, while around us American couples and families ate slices of pizza and drank bottles of beer. I had the feeling they disapproved of us being there, drinking only water, taking up space. But when I glanced at the people around us, no one was even looking in our direction, and I felt the way I often felt in this country - simultaneously  conspicuous and invisible, like an oddity whom everyone noticed but chose to ignore.

Was dieses Buch so besonders macht? Also neben dieser besonderen, zarten, überwältigenden und bewegenden Liebesgeschichte der zwei Teenager? Die Portraits der Menschen, der unbekannten Amerikaner. Es scheint so redundant, das sagen zu müssen, aber wenn im amerikanischen Diskurs immer von 'illegal Aliens' gesprochen wird, dann sprechen sie von Menschen.

I wanted her to stop by the house for meals and laugh at the television and rub her eyes when she was tired after a long day and hug me when it was time to leave again, her husband waiting in the car, her child's hand in hers. I wanted her to have the full, long life that every parent promises his or her child by the simple act of bringing that child into the world. The implicit promise, I thought.

Jeder dieser Menschen hat eine Geschichte. Ich habe selten ein Buch gelesen, das mich so berührt hat, sich so persönlich angefühlt hat. Eigentlich sollte ich einfach nur sagen, dass ich es angefangen habe, und nicht aufhören konnte. Das sind die besten Bücher, wissen wir ja.

This one makes me so happy.

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Das andere Buch, das ich letztens gelesen habe, ist "Palatschinken. Die Geschichte eines Exils" von Caterina Sansone und Alessandro Tot. In dem Buch gehen die beiden Autorinnen auf eine Reise. Und zwar den Fluchtweg ihrer Mutter und deren Familie, nur rückwärts. Sie beginnen also in Italien und enden in Kroatien. Mit Fotos, Grundrissen, Karten, Comics und Text.

Alles was sie haben sind Erinnerungen und alte Fotos. Während ihrer Reise macht die Fotografin Caterina Sansone Fotos von den Stationen. Manche existieren noch, andere sind nur noch Wald oder etwas ganz anderes geworden.

Und dann kam ich an die Stelle, wo sie erzählt, wie groß eines der Flüchtlingsheime war, wie es war, mit so vielen verschiedenen Menschen zusammenzuleben und ich hab ein Foto gemacht und schicke es an meine Eltern. Mein Papa antwortet sofort. Er stimmt der Autorin zu. Und in dem Moment war ich froh, dass meine Eltern nicht auf Facebook waren.

Palatschinken

Verlag: Reprodukt

ISBN 978-3-95640-045-2

192 Seiten, farbig, Klappenbroschur, 16,5 x 23,5 cm

EUR 24,00

Schlagwörter: Flucht, Migration, Migrationshintergrund
Bücher