"Wäre ich ein Mann, hätten wir heute nicht über meine Klamotten gesprochen."

Elina - Freitag, 10. Februar 2017

Ich denke viel darüber nach, was Ada Dorian letzte Woche gesagt hat. In meiner eigenen Filterblase passiert es selten, dass mir etwas passiert, was man als Alltagssexismus bezeichnen könnte. Außerdem bin ich kein kleiner, leiser Mensch, manchmal wurde mir auch schon gesagt, dass man sich in meiner Gegenwart kaum traut, was zu sagen, ich würde so einschüchternd wirken. Vielleicht traut sich ja keiner was, weil ich etwas grölend durch die Welt stampfe, who fucking knows.

Doch Anfang Februar fand sich eine nette Ansammlung Literaturblogger*innen im Ullstein Haus ein. Also nicht in dem Haus, was Ullstein Haus heißt, sondern halt in dem Bürogebäude, in dem Ullstein sitzt. Wir wurden eingeladen, um uns nicht nur ein Buch, sondern auch einen komplett neuen Verlagsbereich vorstellen zu lassen. Ullstein Fünf. Das Buch wäre "Betrunkene Bäume" von Ada Dorian (über das ich noch nicht sprechen darf).

Ich hoffe da wird wenigstens einmal die volltrunkene Weide vom letzten Einhorn erwähnt. Mutter Weide aus pocahontas war mehr so herbal unterwegs glaub ich. Danke @ullsteinbuchverlage #adadorian #ullsteinfünf

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Wir werden durch das gesamte Haus geführt, treffen Menschen, die wir vielleicht nie wieder sehen werden, aber lernen, wie ein Produktionsablauf bei einem Buch normalerweise abläuft, und was Ullstein Fünf anders machen möchte.

Nicht paternalistisch. Autorenzentriert. Alle nehmen an jedem Entwicklungsschritt teil.

Ich arbeite in einem Start-Up. Dass jede*r was zu allem zu sagen hat ist nicht unbedingt etwas, das uns stärker macht. Also frage ich, ob das nicht anstrengend sei. Schon, aber Eine muss ja den Hut aufhaben, ist die Antwort. Macht Sinn. Brauchen wir auch, so einen Hut. Wo kriegt man den?

Mein Arbeitshandy vibriert. Nur weil ich sekttrinkend in einem ehemaligen Schulhof stehe, hört das Leben nicht auf weiter Emails zu schreiben. Ulrike von Stenglin, die mit dem Hut, steht in unserer Mitte und erzählt uns etwas über das ehemalige Schulgebäude, in dem Ullstein jetzt sitzt. Ich bewundere ihre glitzernden Disko-Schuhe, frage mich, was sie für eine Schuhgröße hat (36, btw) und denke mir, das ist mit Abstand eine der coolsten und souveränsten Personen, die ich seit langem treffen durfte. Und warum ich eigentlich keine funkelnden Glitterschuhe besitze.

Das Imprint hat sich von der Ullstein Tradition inspirieren lassen. Anfang des 20. Jahrhunderts gründeten die fünf Söhne von Leopold Ullstein den modernsten Verlag seiner Zeit, dabei brachte jeder der Brüder seine Talente ein, sie setzten auf Teamarbeit und individuelle Stärken. Mit deutschsprachigen Autoren, die in ihren Büchern Themen der Zeit verhandelten und einen erzählerischen Zugang zur Wirklichkeit boten, feierten sie große Erfolge. Ullstein fünf knüpft an diesen Ursprung an. Und so hat sich um Ulrike von Stenglin ein abteilungsübergreifendes Team gebildet, das gemeinsam das Verlagsprogramm gestaltet.

(Zunächst einmal, FÜNF SÖHNE?!?! Respekt.)

An so ziemlich jeder Wand im Gebäude, das echt verdächtig krass immer noch nach Schule riecht, hängen Bilder von Männern. Das müssen wohl die Söhne sein, die original Ullstein five, denk ich. Interessant, dass in dem Team von Ulrike fünf Frauen sind. Und ein Mann. Später erzählt sie mir, wie sie vor Jahren durch die Flure gelaufen ist, um so schnell wie möglich alle davon zu überzeugen, dass Ullstein die deutsche Übersetzung für Sheryl Sandbergs 'Lean In' macht. (Danke dafür.)

Wer entscheidet denn nun über das Cover?

Wir stehen irgendwann in einem kleinen Besprechungsraum und starren auf 10 DIN A4 Ausdrucke. Alles Cover. Jede*r überlegt, welches Cover denn prinzipiell das Beste gewesen wäre. Weil wir nämlich Blogger*innen sind und unsere Meinung zählt! Für einen Moment hat sich das schön angefühlt.

Das Team entschied sich damals recht schnell und recht einstimmig. Ada Dorian wurde aber keine Vorauswahl präsentiert, bzw. eine Option, sondern die gesamten Entwürfe der Grafik. Das ist wohl normalerweise nicht so. Ihr wurde auch nicht gesagt, welches Cover vom Verlag favorisiert wurde. Die Entscheidung lag bei ihr. Autorenzentriert halt.

Aber prinzipiell waren wir ja da um uns von Ada Dorian vorlesen zu lassen und mit ihr zu sprechen. Die Lesung und das Gespräch wird von Julia Korbik geführt, Autorin von 'Stand Up. Feminismus für Anfänger und Fortgeschrittene', Mitglied des Jane Wayne Teams und erprobte Ted X Rednerin. Außerdem habe ich gerade rausgefunden, dass 'I'm only happy when it rains' das Lied ihrer Jugend war und damit sind wir jetzt BFFs.

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Egal, ich wollte erzählen, was da gefragt wurde, dass die Ada mir später so einen Satz für eine so feine Überschrift gegeben hat.

Wie bereitet man sich eigentlich auf Klagenfurt vor? Wie sehr wird man da gecoacht? Bestimmt der Verlag zum Beispiel was du anziehst?

Erst einmal Stille. Ich denke mir so, ach komm. Und dann die grandiose Antwort:

Ullstein kann sich glücklich schätzen, aber ich kann tatsächlich meine eigenen Outfits aussuchen.

Die Antwort saß. Wir auf zum Dinner und zu den 5-Minuten-Interviews, die wir mit der Autorin führen durften.

Ich verlor keine Zeit und sprach Ada während meines Interviews auf diese Frage an.

Das ist einfach etwas was bei einem männlichem Autor nie kommentiert werden würde. Ich glaube nicht, dass heute über meine Klamotten gesprochen worden wäre, wenn ich ein männlicher Autor gewesen wäre.

Ob sie vom 'Macho Literaturbetrieb' Artikel von Nina George gehört hat?

In den Dutzend Leitmedien meiner Zählung, wie "Welt", "Zeit", "SZ", "FAZ", "Spiegel" usw., wirken Frauen an 25 Prozent aller Rezensionen mit. Kritiken über Autorinnen finden zwischen zehn Prozent (häufigster Wert) und 24 Prozent (zu Buchmessezeiten) statt. In Unterhaltungsmedien wie "Brigitte" oder dem WDR steigt der Autorinnenanteil, erreicht aber selten Parität. In Literaturblogs liegt er, kumuliert, bei 19 Prozent (Blogger) und 40 Prozent (Bloggerinnen).

Ob sie eine Antwort dazu hätte?

Ich habe keine Erklärung dafür, warum weibliche Autorinnen kaum besprochen werden. Ich kann aber sagen, dass mich das Phänomen, wenn man es so nennen kann, die letzten acht Jahre ganz stark begleitet hat. Ich würde sagen, dass weibliche Autoren es schwer haben, und ich würde sagen, dass junge weibliche Autorinnen es noch schwerer haben. Ich finde auch, dass junge Autoren, egal welchen Geschlechts unterschätzt werden und dass jungen Autoren bestimmte Themen einfach nicht zugetraut werden. Ich finde mich selbst mit 35 Jahren nicht extrem jung. Aber vor 8 Jahren war das für die Verlage nicht Marketingtechnisch konsequent erklärbar warum eine so junge Frau über ernsthafte Themen schreibt und das finde ich so als Aussage wirklich nahezu schrecklich. Als müsste man ein gewisses Alter haben um sich ernsthafte Gedanken machen zu können.

Warum sollen die Leute Bücher von Ada Dorian lesen?

Ich glaube es gibt ganz viele Bücher über die großen Themen, ich kümmere mich um die kleinen Themen. Ich glaube, dass ich mich ganz stark um das Persönliche und um Gefühle kümmere, ohne dabei verkitscht zu sein, das ist mir auch ein wichtiger Unterschied. Ich glaube, dass ich im Alltag sehr genau auf die kleinen Dinge gucke. Das unterscheidet mich von ganz vielen Büchern, die ich zwar großartig finde, aber die eher das Große an sich behandeln.

Ada schreibt seit acht Jahren, doch 'Betrunkene Bäume' ist ihr Debütroman. Was rät sie jungen Autor*innen?

Durchhalten. Marathon. Über Jahre. Nicht abbringen lassen. Den eigenen Verstand permanent schärfen.Ganz viel Kritikbereitschaft. Ganz viel arbeiten. Immer weiter schreiben. Und immer wieder mit den eigenen Texten ganz stark auseinander setzen mit Hilfe von professionellen Leuten die sagen, 'nochmal neu'.

Nach diesen intensiven fünf Minuten Gespräch mit einer ruhigen, aber bestimmten Ada kehre ich zurück zum Tisch und erzähle, worüber wir uns unterhalten haben. Schnell entwickelt sich eine Unterhaltung zum Thema Coden, Gründung und MINT-Fächern, im Zusammenhang mit Mädchen und jungen Frauen. Bei dieser Gelegenheit wird mir mal wieder erklärt (#mansplaining), dass Frauen weniger gründen, weil sie von Natur aus ein höheres Sicherheitsbedürfnis haben und sich deshalb auch seltener für die berufliche Selbständigkeit entscheiden. Und dass das ja biologisch und wissenschaftlich belegbar sei.

Der gemeinsame Seufzer der Frauen an dieser Ecke des Tisches hat den Kellner motiviert, uns direkt nachzuschenken.

Ich erwähne, dass wir bei Schnitzel & Schminke hauptsächlich Frauen rezensieren. Und Migrant*innen. Hat sich so ergeben, war keine Absicht, die Geschichten waren interessanter. Scheint jetzt unsere Nische zu sein. Die Reaktion meines Sitznachbarn?

Ich kann dir ganz viele tolle männliche Autoren empfehlen, den einen, den ich gerade lese, der sieht auch richtig aus.

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