Was ich gerade lese: Anna Basener "Als Omma den Huren noch Taubensuppe kochte"

Elina - Mittwoch, 15. März 2017

Hömma Frau Anna Basener,

Endlich mal ein ordentliches Buch mit Anfang, Höhepunkt und Ende: Als die Omma den Huren noch Taubensuppe kochte. Wo was passiert! Hasse gut gemacht. Auf Ruhrdeutsch und mit Schmackes und Rotz. Ich schreib ja eigentlich nur über Bücher, die ich mega  finde, und hier habt ihr mal ein Exemplar, das abgeht. Das kann man einfach mal wieder lesen, sich kringelig lachen und auch mal Pipi inne Augen kriegen.

(Jetzt laufen se wieder alle und holen sich das Buch und dann krieg ich wieder so passiv aggressive Mails, die mir erklären warum das Buch nicht komisch war. Humor ist eine schwierige Sache. Oder auch nicht. Entweder man lacht, oder halt nich, ne?)

Ganz kurz zum Titel, und weil das auf der Lesung auch angesprochen wurde: Taubensuppe ist mir tatsächlich ein Begriff. Ich habe sie schon sehr oft gegessen, ist lecker und kann man machen. Wenn man nämlich Plautdietsche ist, wie ich, heißt sie einfach Duvensup und wird gegessen. Manchmal muss ich mir bewusst werden, dass nicht alle Menschen mit meiner Lebensrealität aufgewachsen sind. Also, noch einmal von einem nicht 80-jährigen Nachkriegskind: Taubensuppe ist lecker und no big deal.

Ich hab viel gelacht und dann noch mehr gelacht und mich auch sehr verstanden gefühlt. Da war auch ein bisschen eigene Biographie mit drin, so aus NRW, mit etwas ungewöhnlicher Familie, normal sein, und dann nach Berlin ziehen. Und Freundinnen haben, die sich wie die komische Mitbewohnerin von die Protagonistin aufführen.

Es ist eine Freude, dass sie eine einzige Naivität ist, wie sie da in ihrer Haremshose steht und denkt, sie wüsste irgendwas vom ältesten Frauenberuf der Welt. Prostitution ist älter als Yoga und Müsli zusammen, und mit beiden hat sie sich wesentlich länger befasst. Das kann doch zu keiner Aufgeklärtheit führen. Das müsste die doch selbst begreifen.

Ich bin ja bekannterweise auch ein Arbeiterkind und in Berlin zwischen all den verkünstlerten Akademikerkindern mit Studiumssponsoren anzukommen is nicht so einfach. ich weiß auch nicht, ob ich das bis heute geschafft habe. Ich finde nämlich 600€ für Plastikstühle viel Geld und esse mein Obst meistens. (Anstatt es zu trinken möchte ich damit sagen.)

Yo @anna_basener ich hoffe, dass ich dir mit meinem Mantel gerecht werde! Bitte nur noch Pinke Post für 2017! 💗 #taubensuppe

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Man ey und die Sprache! Leute! Pottlerisch vom aller, allerfeinsten! Ich find das ja geil, sonst hätte ich sowas nicht geheiratet. Die Leute reden immer fleißig von verfickter Scheiße, Fresse und Schlüppis. Ordentliches Volk.

Überhaupt. Schlüppis. Die versucht die Protagonistin zu nähen, und damit berühmt zu werden. Oder, wie sacht sie da so schön: zu glänzen. Das wollen wir ja, ne, wir Millennials, glänzen und was ganz fein Besonderes werden oder sein. Sonst würden wir nicht bloggen, oder Facebooken oder Singsang auf YouTube hochladen. Die Bianca steht sich aber etwas selbst im Weg, ein bisschen Bequemlichkeit, und ein bisschen gesellschaftlicher Druck, und eine schlechte Ausgangssituation sprich die Industrie oder 'der Arbeitsmarkt' will einen nicht.

Was wird man denn, wenn man einfach keinen Job findet, mit dem man glänzen kann?

Huren und Sex-Arbeiter. Seelische Vergewaltigung, Menschenhandel und sexuelles Empowerment. Anna Basener lässt nichts aus. Es wird gefickt, Liebe gemacht und über Prostitution geredet, mal verklärt und mal uninformiert, aber immer ehrlich und immer mit der Einstellung: man kann sowieso nicht wissen, wie es ist, bis man es selber gemacht hat.

Die Anna, die hat sich aber informiert, richtich wie ne Autorin, hat die das! Is bei die Hydra und auch in Essen unterwegs gewesen.

Es geht um die Suche nach dem eigenen Funkeln, aber nichts so langweilig wie bei Ronja von Rönne sondern mit Charakteren. Ich bin für mehr Ommas in den Büchern, überhaupt im Leben. Damit Sex bei Menschen über 60 kein Fetisch ist sondern einfach normal.

Überhaupt, mehr normale Menschen mit absurden Problemen und fantastischen Lösungsansätzen brauchen wir.

Ich hab die Anna auch ein paar Fragen gefragt und fasse das hier mal zusammen: Die Anna hat immer schöne Lippen. Sie sagt, so gut kann nur MAC. ok. Ist notiert. Die Anna kann mir nichts zum Fasten sagen, da hat sie 'keine Erfahrung'. Und das Berghain ist überbewertet. Stimm ich zu. Wir waren beide noch nie drin. Basierend auf ihrer umfangreichen Recherche würde sie sagen: Nutte nicht sagen, das ist ein Schimpfwort. Hure ist das Wort mit dem die Sexarbeiter*innen, mit denen sie sich unterhalten hat, am selbstbestimmtesten fühlten.

Außerdem wollte ich wissen, was man zu dem Thema noch so lesen könnte. Frau Anna sagt:

Die Memoiren von Nell Kimball. Es gibt eine Übersetzung von Ullstein, herausgegeben von Stephen Longstreet. Sie heißt „Madame. Meine Mädchen, meine Häuser.“ Außerdem finde ich „Die neue Weltgeschichte der Prostitution“ und den Escort-Ratgeber „Warum Männer 2000 Euro für eine Nacht bezahlen“ sehr spannend, aber das sind natürlich sehr allgemeine Titel, die das Thema Sexarbeit vielseitig beleuchten. Hat nix mit Ruhrpott zu tun. Das wär dann wirklich nur „Anita Drögemöller“.
Und du hattest mich doch gestern nach meiner bevorzugten, politischen Situation gefragt. Über Politik weiß ich immer noch nicht mehr, aber was die gesellschaftliche Situation angeht, hätte ich gerne weniger schlecht bezahlte Sexarbeiterinnen und ein ausgeglicheneres Verhältnis zwischen Angeboten für Männern und für Frauen. Aber dass es so ist, wie es ist, ist ja ein Symptom unserer jetzigen Zustände, in denen Frauen von z.B. schlecht bezahlten Putzjobs weg hin in die Prostitution gehen. Es gibt eine These, nach der es sehr viel weniger Prostituierte gäbe, wenn „klassische Frauenarbeit“ besser bezahlt würde. Eine andere These besagt, dass je promisker Frauen in einer Gesellschaft sein dürfen, desto weniger Prostituierte gibt es. Das ist historisch auch belegt. Je krasser Frauen ihre Sexualität und eigene Lust abgesprochen wird, desto mehr „braucht" es dann auf der anderen Seite Huren, die die Lust der Männer (die ja quasi antiproportional zur Frauenlust gefördert wird) befriedigen. Klar, wir leben nicht mehr in den Sechzigern, aber trotzdem: Es ist eben scheiße, wenn Taylor Swift einen Shitstorm kriegt, wenn sie viele Dates hat, und männliche Stars gleichzeitig Groupies und Dates haben dürfen, wie sie lustig sind. (Ich beziehe hier jetzt keinen Menschenhandel und zur Sexarbeit gezwungene Frauen mit ein, denn das ist keine Prostitution, sondern ein Verbrechen. Dass die verschwinden müssen, ist ja klar.)

Ich brauch dann noch das Cover als Poster, Anna, sieh zu. Vielen Dank für all die Antworten, das Buch, und deine großartige Art!

Fotos: © Ekko von Schwichow

Autorensteckbrief

Lieblingssatz aus dem Buch: Datt war eh keine gute Idee, mit die Kettensäge an die Wohnwand ranzugehen.

Die Stelle im Buch, die am schwierigsten zu schreiben war: Die Kapitel vorm Finale, wo alles zusammenläuft und sich auflöst. Das hat ein paar Anläufe gebraucht.

Der optimale Song zum Buch: Element of Crime Mehr als sie erlaubt

Der perfekte Ort, um das Buch zu lesen: Eine Pommesbude.

Welchem Prominenten würden Sie Ihr Buch gern überreichen und welche Widmung stünde drin? Tana Schanzara. „Bitte steh auf, ich hab die Rolle deines Lebens geschrieben.“

Was darf beim Schreiben auf keinen Fall fehlen – abgesehen von Rechner, Schreibmaschine oder Stift? Nagellack. Hübsche Finger schreiben hübsche Worte. Ich tippe und lackiere abwechselnd, dann kann der Lack Wort für Wort trocknen. Sehr praktisch.

Was ist schöner: den letzten Satz zu Ende gebracht zu haben oder das fertige Buch in Händen zu halten? Zwei sehr unterschiedliche Sachen, aber beide toll.

Wer oder was hilft, wenn es mal schwierig ist, weiterzuschreiben? Einfach irgendetwas schreiben. Text kann man immer überarbeiten, ein weißes Blatt nicht. Sport geht auch.

Was war zuerst da: die Story oder eine Figur aus dem Buch? Erst war die Figur da, dann der Tonfall, dann die Story.

Lieber akkurat durchplanen oder erstmal drauflosschreiben? Erst mal schreiben.

Wie wichtig sind Freunde, Familie, Berater beim Schreiben? Sehr wichtig. Schreiben ohne Lektorat ist wie Schminken ohne Spiegel. Kann man machen, ist dann aber halt scheiße. Allerdings arbeite ich wirklich nur mit meinem Lektor (eventuell noch meiner Agentin), sonst habe ich keine Erstleser.

Welche Farbe hätte das Cover auf keinen Fall haben dürfen und warum? Dunkelblau. Ich hasse blau.

Wer das Buch liest, fühlt sich nach der letzten Seite…? Stark und unzerstörbar.

Als die Omma den Huren noch Taubensuppe kochte

316 Seiten, Klappenbroschur

€ (D) 16,90 /€ (A) 17,40* /SFr. 21,70*

ISBN 978-3-8479-0625-4

Schlagwörter: Deutsche Literatur, Feminismus, NRW, Zuhause
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