Erklär mir mein Deutschland: Ein Gespräch mit Jessica Guaia

Elina - Sonntag, 7. Mai 2017

Meine Rezension zu ihrem Buch "Wie ich in einer schwäbischen Trattoria aufwuchs und trotzdem überlebte" könnt ihr hier finden.

Wie schreibst du? (morgens, mittags, nonstop, wenn du betrunken bist?)

Auf dem Kopf. Mit den Fingern. Auf der Schreibmaschine. In der Kneipe. 

Wie lange hat es gedauert, das Buch zu schreiben? 

Drei Jahre. (Vor über zehn Jahren tauchte die Idee zum ersten Mal auf.) Wahrscheinlich habe ich zu oft Schildkröten beobachtet. Ich hatte mit meiner Oma ein Schildkröten-Imperium. Wir schmuggelten Babys über die Grenze und wieder zurück, damit sie im Winter nicht sterben.

Was war beim Schreiben das Angenehmste, was das Unangenehmste?

Wenn es fließt, man die Figuren kennenlernt und Dinge versteht, wenn alles erleuchtet ist. Wenn man Lust hat mit den Figuren zu feiern. Besser als jede Droge. Das Unangenehmste: Wenn man die Figuren kennenlernt. Sich in sie hinein versetzt und mit ihnen häusliche Gewalt und anderes erlebt. Schlimmer als jede Droge. 

Wie glücklich bist du mit dem Cover, und wie hätte dein perfektes Cover ausgesehen?

Das Kind mit der Zigarette bin ich. Das hätte ich auch auf mein perfektes Cover gewollt. Vielleicht wäre es ernster und gleichzeitig bunter, moderner – aber an meinen Wünschen sieht man schon wie schwer die Coverfindung ist. 

Wie glücklich bist du mit dem Titel und gab es eine Titel-Alternative?

Ich finde ihn frech und passend. Mein Arbeitstitel war „Mama, Papa, Marlboro“. Die ersten Worte, die ich auf Kellnerblöcke kritzelte.

Hätte man Matteo auch weglassen können? Wäre es dann ein anderes Buch gewesen?

Nein, hätte man nicht, weil er heiß ist. Im Ernst, er als Küchenhilfe und Freund der Familie spielt eine wichtige Rolle. Vom sozialen Standpunkt her ist er interessant: Seine Bisexualität, sein Opportunismus, seine Panikattacken, sein krimineller Hintergrund. Was macht es mit Menschen, wenn sie nie eine Chance bekommen? Nutzen sie diese, wenn sie sie bekommen? Das hätte man weglassen können, aber nicht, dass er Jessicas erste Liebe ist. Das macht sie authentisch. Matteo löst einige Wellen aus, nicht nur in Jessica. Er verändert das Leben der Familie.

Der Satz: "Ich glaube, Sie wollen höflich sein, aber das sind Sie nicht.” ist für mich der wichtigste, wenn ich könnte, hätte ich ihn irgendwo eingerahmt. Gibt es einen Hintergrund zu der Geschichte mit der Frau? 

Ich hatte mit positiven Vorurteilen zu tun. Besser als negative, dennoch falsch und die Stelle im Roman (nicht nur einmal erlebt) spricht für sich: Die Frau sagt meinem Alter-Ego wie toll sie Deutsch spräche, wie gut, dass sie arbeite (anders als Türken), wie toll Italien sei. 

Was das Buch für mich stark macht, sind gerade diese kleinen Anekdoten zum Thema, was es bedeutet, mit Migrationshintergund in Deutschland aufzuwachsen, ob nun positiv behaftete Vorurteile oder negativ. Hast du in deinem Leben Erfahrungen mit Vorurteilen gemacht?

Viele, wie im Roman nannte man mich Spaghettifresser und erst vor kurzem verweigerte eine Ärztin die Behandlung, weil ich meine Krankenkassenkarte nicht dabei hatte, dafür meinen italienischen Pass. Das macht mich wütend, ist aber nicht die Regel, ich beschrieb auch die vielen Momente der Selbstverständlichkeit. Die Fusion von Italienischem und Deutschen. Das Beste aus zwei Kulturen. 

Wem würdest du das Buch empfehlen? 

Für Liebhaber des Skurrilen, der Tragikomik, von Essen und Trinken und Freundschaft. Für Menschen, die Schubladen nicht mögen. Die bei Sprache und Aufbau etwas wagen möchten. Für Menschen mit Realitätssinn, die wissen, dass das Leben „koi Schlotzer isch“. Für alle, die ein italienisches Restaurant und eine schwäbische Stadt näher kennen lernen wollen. 

Unser Blog heißt Schnitzel und Schminke. Wir berichten weder über Essen noch Beauty. Das Schnitzel steht für das Solide im Leben, das, was satt macht, und die Schminke ist das, was das Leben schön macht. Was ist das Schnitzel und was die Schminke in deinem Leben? 

Liebe. Zum Freund, den Geschwistern, der Familie, den Freunden. Zwar ist das auch was das Leben schön macht, aber ein Grundbedürfnis. Essen. Zwar ist das auch das Solide im Leben, was satt macht, aber schön. Man lernt Kulturen kennen, wird entspannt und gesellig. Kochen als Meditation, Essen als Erlebnis. 

Foto von Davide Ragusa

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