Was ich gerade lese: Jessica Guaia "Wie ich in einer schwäbischen Trattoria aufwuchs und trotzdem überlebte"

Elina - Sonntag, 7. Mai 2017

Mein Interview mit der Autorin kann man hier lesen.

Gleich krieg ich eine Nachricht von Svenja, dass der Titel einfach zu lang ist, und ob ich nicht einfach nur den Namen der Autorin schreiben kann. Öhm. Nö. Mit dem Titel habe ich prinzipiell kein Problem. Der Titel trifft's. Das Cover ist allerdings irreführend. Das Buch ist wesentlich cooler. Und wesentlich tiefgründiger, als es diese Überladung von Farben und Schriftgrößen vermuten lassen möchte.

Und ja, es ist ein Familienroman. Und ja, man es kann es als 'wunderbare schwäbisch-sizilianische Familiengeschichte' bezeichnen. Aber das ist nicht alles. Das ist es auch nur auf der Oberfläche. Und ich bin mir sicher, dass es viele Käufer*innen anzieht, die sich denken, 'oh das könnte bestimmt lustig sein'. Und dann kriegen sie mega unbewusst ein bisschen deutsche Migrantenidentitätsliteratur untergeschoben. Ups!

Ich lebe für diesen Einstieg bzw. für den Teil auf Seite 18 der meiner bescheidenen Meinung nach der Einstieg hätte sein sollen:

Es ist der 25. November 1983. Nachts treffen die ersten Pershing-II-Raketenteile auf acht Sattelschleppern im Depot Mutlangen ein. Am 29. November um 3 Uhr 30 werden auf zwölf Sattelschleppern die restlichen Teile geliefert. Seit 1951 sind die amerikanischen Soldaten in Schwäbisch Gmünd. Jetzt werden sie noch länger in Gmünd bleiben.

Ferner ist es für mich auch eine Hommage an die Gastro. Vier Jahre meines Lebens. Immer voller Bewunderung, für Familien, die so etwas durchziehen.

Toni befolgt alle Anweisungen. Er ist das Mädchen für alles, ein Springer. Ob Kellner, Küchenspüle oder Kloputzer. Denn Toni weiß und sagt es auch oft: "Wer dauerhaften Erfolg will, muss sein Vorgehen ständig ändern." Das ist von Machiavelli, aber eigentlich hat das Tonis Vater immer gesagt.

Wenn so etwas passiert, wünsche ich mir, in einem Haus mit Garten aufzuwachsen. Mutter würde die Rosen beschneiden, Vater würde den Rasen mähen. Ich hätte einen Bruder. Wir hätten alle Polo-Shirts und weiße Hosen an. Ich würde Taschengeld bekommen. Ich ginge aufs Gymnasium. Samstags gingen wir alle etwas später ins Bett. So um 22 Uhr. Sonntags hätten wir alle frei. Und wenn wir Besuch bekämen, würden wir Kaffee servieren, der nicht erst ein mittelschweres Erdbeben auslöst, weil die Kaffeemaschine so laut ist, und der Besuch würde sagen, wie groß ich schon geworden sei, und nicht, wie groß meine Brüste schon geworden seien.

"Bezahlen, bitte", ruft es von Tisch vier, neun Leute kommen zur Tür rein, Gläser überall verteilt, klebrige Kreise auf der Tischplatte. Die Neuankömmlinge setzen sich an den ungewischten Tisch mit den meisten dreckigen Gläsern und Tellern. Selbst wenn all anderen Tische sauber sind. Das ist Gesetz. (Guaia)

Doch hier hatten andere wiederum was zu kacken:

Die Vorkommnisse wurden oftmals zu übertrieben dargestellt. Die abgehakten Texte und die Übertreibungen sollten wahrscheinlich einen gewissen Humor oder auch Slapstick vermitteln. Das ist bei mir leider garnicht angekommen, nein, hat eher das Gegenteil bewirkt.

Ich sag dir eins Kollege, du hast noch nie in der Gastro gearbeitet. Mit Ausländern, Migranten und Menschen mit Migrationshintegrund. Du weißt nicht, was es heißt ausersehen zwei Steaks (€48) zu bestellen anstelle von einer Combinatione mit Mozzarella Sticks, Country Potatoes und Chicken Wings (€4,99) und das dann vom eigenen Lohn zu blechen (€6 die Stunde). Das hat nichts mit Übertreibung zu tun. Das ist alles so schon einmal passiert. Und wenn nicht in Gmünd, dann in Kleinenbremen, Passau oder Potsdam. Oder wie in diesem geilen Film von vor hundert Jahren.

https://www.youtube.com/watch?v=HJEsNjH3JT8

Der Schreibstil der Autorin wirkt auf mich sehr chaotisch und macht das Lesen eher anstrengend. Hier war kein flüssiges Lesen möglich.Die Szenerien werden meist abgehakt. Dadurch musste ich viele Abschnitte des Öfteren lesen, um einigermaßen im Geschehen zu bleiben.

Mein Alltag ist auch sehr chaotisch und macht das Lesen eher anstrengend, aber das nennt sich dann Leben. Wenn man also auf feine saubere ordentliche Abläufe steht, der sei vorgewarnt, ist aus. Ich mag das episodenhafte, es stört mich nicht. Frau Guaia erzählt nicht von 1-10, von A-B oder von Geburt bis Tod. Mit Hochzeit dazwischen. Wozu auch. Also wer von dem Roman überfordert ist, weil er zu abgehackt ist, der sollte zunächst einmal eine Beamtenkarriere oder Friseur für Rudolf Scharping anstreben, da ist dann das High Speed Level dementsprechend. Soll übrigens auch Leute geben, die sich nicht an einem Samstagmorgen mit nem Soja Latte aufs Sofa flezen und genüsslich einfach so ein Buch in einem Abwasch erledigen. Soll Leute geben, die, Obacht, stückchenweise lesen! Da ist das dann wiederum geil mit dem abgehackten stückchenhaften Lesen. KrankenpflegerInnen in der Nachtschicht zu Beispiel, Gastro Menschen in der Sonntagabendschicht oder wait a second ELTERN!

Die meisten Spießer trinken zum Mittagessen eigentlich keinen Alkohol, sie bestellen am liebsten Apfelschorle. Sie wollen etwas Erfrischendes. Denn wenn sie später arbeiten müssen, möchten sie nicht nach Bier stinken, Cola ist zu zuckrig, und für Wasser geben Schwaben kein Geld aus. (Guaia)

Oh man, ich bin auch noch Schwäbin? Nah, meiner Meinung nach geht Bier trinken immer.

Es gibt viele Gmünder, die jede Mark umdrehen müssen. Nämlich die, die eingewandert sind. Ich frage John, ob mir mit dieser Einsicht automatisch alle Chancen  auf Reichtum verwehrt blieben. John schüttelt den Kopf, ich solle doch meinen Vater anschauen. "Na ja", murmle ich. Vater hört es nicht, nickt und sagt, meistens sei es wirklich so. Weil die Ausländer in Gmünd blöd seien. Die kämen alle aus dem Dorf, und während das Dorf sich weiterentwickelt, bleibt es im Kopf der Emigranten stecken. (Guaia)

Whoa, tell me about it.

Ich finde das gut, dass Sie sich gut integriert haben. Es gibt ja so viele, die sprechen da ihr Türkendeutsch und arbeiten nichts. Gut, dass Sie arbeiten, wirklich", sagt die Frau.-"Ich glaube, Sie wollen höflich sein, aber das sind Sie nicht." (Guaia)

Von nun an lebe ich für diesen Satz und werde ihn fortan benutzen. Sowie fortan, gutes Wort.

"Ich wollte eigentlich nur sagen, seien Sie froh - Sie haben gut gelebt", sagte er. (Guaia)

Schnitzel und Schminke auf Facebook liken und kommentieren, warum ihr ein Exemplar gewinnen solltet.

Foto von Cathal Mac an Bheatha.

Schlagwörter: Deutsche Literatur, Migrationshintergrund, Schwäbisch
Bücher