Erklär mir mein Deutschland: 'Tierchen Unlimited' von Tijan Sila

Elina - Montag, 15. Mai 2017

Ich chatte mit meiner Freundin, die oft für eine 'Ausländerin' gehalten wird, aber eigentlich nur aus Bayern kommt, in Israel studiert und gerade in Italien ist. Ich sage ihr, dass ein weißer Mann in den besten Jahren (50+) inne Tagesschau gerade von einem Projekt in und mit der Hamburger Kunsthalle spricht, das er wohl zu verantworten hat. Er hat schon locker zehnmal Migrationshintergrund gesagt und sein Gesicht sagt mir, er meint es wirklich gut mit den Migranten und ihren Hintergründen. Schnitt zu einer feierlichen Eröffnung, der weiße Mann schüttelt einem braunen, wesentlich jüngerem Mann die Hand, beide strahlen. Vielleicht ist der braune Mann auch gar keine POC, sondern einfach ein Kerl, der sich da auch gerade fragt, warum er da ist, aber sich dennoch freut, dass sein Scheiß, der bestimmt heiß ist, in der Hamburger Kunsthalle hängt.

MIIIIGRAAAATIIIOOONSHIIINTERGRUUUUUUND

Was seit Jahren in der deutschen Politik besprochen wird, was seit der Flüchtlingsangelegenheit (oder sagen wir schon Problem? Immer noch Problematik? Ok.) noch mehr und noch mehr angesprochen wird und worüber es sowas von absolut nicht genügend und ausreichend Bücher auf dem deutschen Buchmarkt gibt, hat Tijan Sila MEISTERHAFT in seinem Buch ‚Tierchen Unlimited’ auf den Punkt gebracht.

Das Buch beginnt so:


Ich habe gut die Hälfte gelesen, war schon gut, aber ich kam nicht richtig rein. Bis ich zur Lesung ging und mich in die erste Reihe setzte und dieser großgewachsene dünne Mann Platz nimmt und in diesem astreinen Hochdeutsch beginnt zu sprechen und das R rollt als gebe es kein Morgen. Morrrrrrgen. Rrrrrrennrrrrrrad.

Ich versinke in meinem ostwestfälischen fehlenden R. Verstecken tu ich mich darin. Ich komme vom Doaf. Tijan würrrrde Dorrrrrrf sagen. Es fällt mir auf, weil es mich natürlich an all die Menschen erinnert, die das R genauso rollen. Menschen, die mich erzogen und großgemacht haben. Er weiß es nicht, während er da sitzt und liest, aber das R bedeutet mir grad so viel, dass ich Pipi inne Augen kriege und ich ihm schwöre, dass ich das Buch zu Ende lesen werde. Doppelschwör.

So wie Tijan Sila das R rollt und seinen charmanten süddeutschen Dialekt ausspielt, genauso macht er die deutsche Sprache zu seiner Bitch. In dieser Hinsicht sieht er eine Parallele zwischen sich und dem Protagonisten, sagt er. Er will die Sprache für sich, er will die Wörter, die die Einheimischen nicht verstehen, oder nicht kennen, er lernt, und liest, und versucht, denn Sprache, auch wenn man sie unter Umständen nie ganz akzentfrei hinkriegt, dann doch aber mit dem Vokabular eines etwas prätentiösen Genies. Wie könnte man auch sagen, deutscher als die Deutschen sein wollen? Beat them at their own game? Das Klischee vom intellektuellen ausländischen Schriftsteller und dem dummen Neonazi?

Bei Tijan Sila kann ich die Pinzette spüren mit der er jedes Wort aufhebt, es spöttisch betrachtet und mit einer Leichtigkeit wegschmeißt wenn es nicht gut genug für seinen Anspruch ist, oder es fasziniert betrachtet, bis es zu seinem eigenen Wort wird, das er nicht mehr hergeben wird.

Aber meine Eltern hatten eine Ehedynamik, die verhängnisvolle Entscheidungen zuließ, denn meine Mutter war eine Egozentrikerin mit einem enormen Volumen manischer Energie, während mein Vater ungern entschied und seine Ehefrau bedingungslos unterstützte.

Devise: Keine vorbildlichen Ausländer mehr. Man hat niemandem Dankbarkeit geschuldet. Das ist eine verquere Denkweise. Man ist ja auch nur Mensch.

Ich hatte mir einen guten Studienabschluss abgerungen, und er hatte mich viel Kraft gekostet, weil ich eigentlich faul bin und ein Tagedieb, aber auch ein bisschen neurotisch.

„Kommunisten sind schmutzige Menschen, Herr Staatsanwalt.“ „Ist richtig, mein Junge, ist richtig“, hat er dann gesagt und mir in den Nacken geschlagen, weil das etwas war, das Männer mit Männern, die sie gut fanden, machten.

Kein Buch, bei dem man sich durchgehend wohlfühlt

Tijan erzählt auch von Rezensionen, die sich beschwert haben, dass sein Buch Gewalt verherrlicht, oder auch Kriminalität. Gut, dass wir keine Getränke mitnehmen durften, denn sonst hätte ich mich in dem Moment glorrrreich an meinem Bierrr verschluckt.

Leute. Seid doch nicht euer eigener größter Klischee Albtraum. Wirklich? Ein Buch über Fluchtbewegung, Neo Nazis und auch den Verlust von Wohlstand oder dem neuen Leben in einer anderen Art von Armut soll Kriminalität verherrlichen? Gott bewahre, es rufe bitte jemand die Gendarmerie! Was zur verfickten Hölle hätte er denn schreiben sollen? Der Protagonist ist kellnern oder Tellerwaschen gegangen, war mit seinen 4-6€ die Stunde mehr als zufrieden und nach Feierabend ging es auf den Bau zum Zementsäcke schleppen. Mit spätestens 30 der erste Bandscheibenvorfall und mit 32 die erste OP.

Wenn die Disney Version von Robin Hood auf Super RTL läuft, dann klatscht ihr in die Hände und hashtagged Gerechtigkeit, aber wenn ein brutal ehrlicher Mann von Scheiße, Schlägereien und Schande berichtet, dann labert ihr was von Gewaltverherrlichung.

Wisst ihr was gewaltverherrlichend war? Fragt mal eure Omma und Oppa.

Erotisierung von Gewalt oder brutale Erotik?

Lasst euch mal auf eine Geschichte ein, die nicht mit dem Lineal nachgemessen werden kann, wo der Protagonist lügt, oder sich nicht erinnern kann, weil er so oft und so mies was auf die Fresse gekriegt hat, dass er eh nicht mehr weiß, ob er lügt oder plemplem ist.

Die Szene der Obstverköstigung im Bus an der kroatischen Grenze? Für mich ist das Literatur vom aller, aller, allerfeinsten. Für mich ist das intelligent. Für mich ist das alles, was ich im Moment lesen will. Ich will mehr Unaussprechliches, ich will rote Linien unter Speisen und Namen,  ich will mehr Anti, mehr Gewalt, mehr Krieg, mehr Blut, und ich will es in einer ruhigen deutschen Universitätsstadt. Ich will es auch in Berlin, weil es echt ist, aber es ist auch woanders in Deutschland echt. Weil das alles auch so passiert ist. In unserer Welt, in unserem Deutschland.

Lügen zu können ist absolut unentbehrlich. Wenige Fähigkeiten haben mir im Leben so genützt, wie Unwahrheiten erzählen zu können, als wären sie gesunder Menschenverstand. Die meisten Menschen fletschen die Zähne beim Lügen. Das liegt daran, dass sie ein Grinsen zu unterdrücken versuchen. Es kriecht ihnen ins Gesicht, weil sie es so großartig finden, noch nicht ertappt worden zu sein: Die Lügenfratze. Ich lüge ohne sie.

Trauma und Flucht

Das Spiel mit den Stereotypen sei wichtig, sagt er. Migrationsliteratur pocht oftmals auf den Unterschied, oder auch auf die Kränkung. Es geht ja nicht nur um diesen Krieg. Es geht auch um die Erziehung in den staatlichen Schulen.

‚Gewalt war etwas, was man an die eigene Identität heften musste. Und sich davon zu befreien, ist etwas, was alle, die sozialistisch erzogen wurden, durchmachen müssen. Eine gewisse Härte. Man muss es für sich beenden. Das Kriegsgebiet verlassen.'

Uneingeschränkt empfehlenswert, schwingt euch aufs Rennrad und rennt weg, pardon, fahrt weg, aber fix, die Neo Nazis sind hinter euch her. Ob in der Pfalz oder in Bosnien.

Tijan Sila 'Tierchen Unlimited'

Kiepenheuer&Witsch
ISBN: 978-3-462-05026-4
Erschienen am: 16.02.2017
224 Seiten, Pappband

Deutschland 18,00 €
Österreich 18,50 €
Schlagwörter: Deutsche Literatur, Migrationshintergrund, Migrationsliteratur
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