Was ich gerade lese: Diana Kinnert "Für die Zukunft seh' ich schwarz"

Elina - Donnerstag, 8. Juni 2017

Queer, Frau, Migrationshintergrund, Baseballcap, jung. Das sind die Begriffe, die immer und sofort fallen, wenn Menschen über Diana Kinnert schreiben. Nicht zu vergessen: Und in der CDU! Angies Mädchen! Überhaupt, konservativ und politisch aktiv!

Da frage ich mich, was ist denn jetzt trauriger, dass die Menschen so verblüfft sind, dass junge Menschen, die nicht weiß oder straight sind, in der CDU sein könnten, oder dass ich vorher noch nie von Diana Kinnert gehört habe. Bis ich bei einem Team Lunch von ihrem Buch erzählte und auch erwähnte, dass ich prinzipiell immer für die CDU wählen würde...es sei denn es sind lokale Wahlen, oder der/die jeweilige Kandidatin ist ein Vollpfosten.

Et Boum, c'est le Schock.

Aber, aber, aber, wird es mir entgegnet. Aber, aber, aber, was? Aber du bist doch...? Was? Mutter? Migrantin? Deshalb muss ich SPD wählen? Weil ich unter 30 bin muss ich Grüne wählen? Getz man ganz langsam mit die Vorurteilspferde.

Nachdem Hillary Clinton verloren hat, habe ich geweint. Als das LaGeSo Hilfe brauchte, bzw. natürlich die Menschen vor Ort, war ich zur Stelle. Ich bin nicht gegen Atomkraftwerke. Ich bin Feministin. Ich habe Angst, wenn mein Mann mit dem Kind auf eine öffentliche Veranstaltung geht, weil ich mir diesen unfassbaren Schmerz, einen Menschen zu verlieren, nicht vorstellen kann. Nach dem Terroranschlag in Berlin wollte ich auch cool sein und so tun, als ob ich da nicht von betroffen war, aber ich war gelähmt. Ich glaube an Rape Culture, bin gegen Slut und Body Shaming und sage viel zu oft Hure. Ich versuche die sogenannte Kopftuchdebatte zu verstehen, bin aber mit Großmüttern aufgewachsen, die in der Öffentlichkeit immer Kopftuch getragen haben (wenn auch nicht verhüllend).

Menschen sind also nicht die grünen Jutebeutel Demonstranten, die 24 Semester studieren. Menschen haben Baseballcaps auf und können für einen modernen Konservatismus plädieren.

Mit der CDU hatte und habe ich trotz unzähliger Unstimmigkeiten noch die allergrößte Übereinstimmung.

Komm zum Punkt, was ist nu mit dem Buch?

In Zeiten von AfD, Trump, neuen Parteien wie Demokratie in Bewegung und Die Urbane (HipHop) hat man mehr denn je das Gefühl, dass irgendwie keiner mehr was mit den Parteien anfangen kann, die es noch gibt und dass es doch ganz praktisch ist, dass jemand ein Buch dazu geschrieben hat, warum das denn so ist.

Am meisten beeindruckte mich dann doch das Kapitel am Anfang über ihre Kindheit und Jugend in Wuppertal. Wie Rajvinder Singh zu ihr sagte: "Weil dir kulturelle Vielfalt, kulturelle Sensibilität in die Wiege gelegt ist. Du hast ein Bewusstsein für Verschiedenheit, ein Bewusstsein für die Ordnung von Verschiedenheit. Was anderes ist Politik?" Liebe Diana, wenn das noch nicht irgendwo gecopyrighted ist, dann pack ich das gerne bei Gelegenheit in mein LinkedIn Profil.

Bereits zum Zeitpunkt meiner Geburt war ich mit einer Vielzahl verschiedenster Herkunftseinflüsse konfrontiert. Sie stießen aufeinander, griffen ineinander und vermengten sich. Was mich als Kind und Jugendliche auszeichnete, war bereits in sich hybrid: Es war neu zusammengesetzt aus Einflüssen aus Polen und von den Philippinen, geprägt durch die verschiedenen Integrationserfahrungen meiner Eltern und ganz selbstverständlich angereichert von deutscher Gegenwartskultur, zu welcher auch der deutsche Multikulturalismus zählte.

Später, als ich Angehörige der LGBTQ-Community kennenlernte und diese mir von teils verstörenden Erfahrungen schon zu Schulzeiten berichteten, von Gewalt, Demütigung und Ablehnung, begriff ich dieses Feld der Identitätspolitik, des Einsatzes für Minderheitenrechte auch als eigenes politisches Thema. Gleichgeschlechtliche Liebe darf nicht in Räume für Gleichgeschlechtlichkeit ausgelagert werden. Das Bekenntnis zu Gleichgeschlechtlichkeit, der Respekt für Homosexuelle, die Solidarität mit allen Minderheiten gehören nicht nur auf Kampagnenplakate, auf Pride-Bühnen und in Homo-Bars – sie gehören stolz und sicher auf die Straße, in die Öffentlichkeit und in den Mainstream.

Die junge Generation engagiert sich mehr, vielgestaltiger und konsequenter als je zuvor. Sie verändert die Welt fern ungelenker Staatsapparate. Sie lebt Empörung, weil Empörung der Anfang allen Wandels ist. Ihr Engagement verstaubt nicht als Mitgliederausweis in der Schublade oder als Parteiorden an der Weste, es ist mehr als nur alle vier Jahre eine Stimme zu delegieren. (…) Politischer Aktivismus, wie meine Generation ihn auslebt, ist hierarchiefrei und teilweise anarchisch, er ist digital und mobilisierend, themenspezifisch und projektorientiert, kampagnenhaft und impulsgebend. Er ist flexibel und kompromisslos. Er ist niedrigschwellig und performativ. Er bietet all das, was den klassischen Formen der Politik fehlt. Die Streitschrift Empört euch! des ehemaligen französischen Widerstandskämpfers und UN-Diplomaten Stéphane Hessel ist zur Bibel politischer Aktivisten geworden.
Konzentriert euch nicht so sehr auf den CDU Aspekt, konzentriert euch auf die junge deutsche politikgeile Stimme einer Person, die motiviert, ambitioniert und entschlossen an die Arbeit geht. Jemand, die Digitalisierung lebt, fordert und fördert und bei jeder Gelegenheit politische Prozesse mit Apps, Chatprogrammen und Videokonferenzen beschleunigt hat. Für die 'einfach machen' Einstellung, Hut ab, oder halt drauflassen, was dir grad besser passt, Diana Kinnert. (Viel Erfolg für die Masterarbeit.)
Wer Lust hat, sich mal wieder inspirieren zu lassen, sollte das Buch lesen. Keine Sorge, man kommt sich sehr schnell unglaublich faul vor und beginnt, zu überlegen, wie man im eigenen Leben politischer werden könnte. Vielleicht ist das dann auch die Botschaft. Klug geschrieben ist es auch.

🕊 Foto: Ksenia Lapina.

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Diana Kinnert, Jahrgang 1991, ist seit 2008 Mitglied der CDU. Sie hat Politikwissenschaften und Philosophie in Göttingen, Amsterdam und Berlin studiert. Von 2015 bis 2016 leitete sie das Abgeordnetenbüro von Peter Hintze und war Reformratgeberin für Peter Taubers Parteireform­kommission. Sie schreibt für diverse Zeitungen.

Schlagwörter: Deutsche Literatur, Deutschland, Migrationshintergrund, Politik
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