Was ich gerade lese: Nach Onkalo von Kerstin Preiwuß

Elina - Montag, 12. Februar 2018

Das letzte Mal, als ich einen gehypten Roman gelesen habe, hätte ich kotzen können. ‚Here I am’ von Jonathan Safran Foer ist das prätentiöseste, anstrengendste und male ego wähwähwäh, was ich seit Langem lesen musste. Doch es geht nicht um dieses beknackte Buch, sondern um ein Buch, das mir auf gut Glück vom Berlin Verlag empfohlen wurde.

Und an dieser Stelle wechseln wir mal kurz die Meta Ebene und reden über das Buch Bloggen. Wenn nämlich sehr vielen Leuten das gleiche Buch geschickt wird, und dann gehen alle auf die Buchpremiere und alle loben es (zu Recht?) in den Himmel, dann hat man kurzzeitig Buzz generiert. Gut gemacht, Ziel erreicht, und weiter. Ich mag es aber, Beziehungen zu den Frauen (außer bei Reprodukt sind es ausschließlich Frauen, mit denen ich zusammenarbeite) aufzubauen. Denn dann passiert Folgendes: Sie schicken mir Bücher, von denen sie glauben, dass sie mich interessieren könnten.

AND THEN THE MAGIC HAPPENS.

So geschehen mit ‚Nach Onkalo’ von Kerstin Preiwuß. Hör dir das an:

Manchmal geht er mit Igor in die Sauna, Gift ausschwitzen, dann geht es wieder. An seinen freien Tagen rudert er auf den See und hängt die Angel rein. Es ist gut, so zu sitzen, das hilft beim Denken und man hat trotzdem zu tun. Matuschek kennt sich aus mit dem Wasser. Es schwebt und trägt einen doch. Auf dem Wasser ist viel Platz für die Gedanken, da verliert man nicht den Überblick. Es geht eigentlich ganz gut.

Ich mag und will die Abfucks, die Sonderlinge und die Loser der Gesellschaft haben und lesen. Ich will Dreck und ich will Autorinnen, die ficken und kacken schreiben. Und dann auch unter Umständen ficken und kacken so gut beschreiben, dass man sich das Zentrum des Masturbationskosmos  vom Matuschek erriechen kann.

Der einen Job hat, den er bald nicht mehr haben wird, welches er schon lange weiß. Niemand braucht ihn. Das ist das große Problem. Niemand braucht einen wie Matuschek, aber es gibt ihn trotzdem. Er ist einfach da. Um ihn herum kratzen die Leute ab und er stinkt und säuft vor sich hin.

Der ist ins Gewinnen verliebt, du bist bestenfalls im Verlieren gut. (...) Komm Hans, komm, steh wieder auf und wisch dir die Kotze ab! Solche wie dich wird es immer geben. Das muss man vorher wissen, nicht erst, wenn es zu Ende geht. Aber gut, trink nur, trink dich satt und träume.

Wenn dann auch noch tote Mütter aus dem Jenseits mit einem Schimpfen und Brieftauben dabei helfen, wait for it, den eigenen Weg zu finden, dann ist das für mich eine fantastische, authentische und nahezu perfekte Geschichte. Dann auch noch gut geschrieben, spannend und ruhig gleichzeitig.

Habt keine Angst vorm Ekel und vorm Abstellgleis. Ist der gleiche Effekt wie Frauentausch gucken, nur besser. Außerdem ist das immer toll, wenn ein Buchtitel erst am Ende geklärt wird. Wirkt schön motivierend!

Erinnert mich an: Das einzige Paradies von Astrid Sozio

Was ich gerade lese: Nach Onkalo von Kerstin Preiwuß

"Nach Onkalo" Kerstin Preiwuß

€ 20,00 [D], € 20,60 [A]

Erschienen am 01.03.2017

240 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag

ISBN: 978-3-8270-1314-9

Themen in diesem Artikel: Ehrlichkeit, Was ich gerade lese

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