Erinnert ihr euch noch an Girl, Interrupted? Erinnert sich irgendwer an Winona Ryder? Nicht? War die Hauptdarstellerin. Aber genau. Die blonde Angelina Jolie, die für ihre Rolle einen Oscar erhielt, die blieb uns im Gedächtnis. Und die Brathähnchen unter dem Bett von Brittany Murphy. Fantastischer Film.

Jedenfalls, da mich das Thema verrückte Frauen wahnsinnig interessiert (Yup, Absicht.), hab ich mich sehr gefreut, als 'Professor Hieronimus' von Amalie Skram vor einiger Zeit bei mir im Postfach landete. Mit einiger Zeit meine ich über ein Jahr. So ist das. Aber man bloggt ja nicht über das Lesen, um irgendwelchen Hypes hinterherzulaufen. Hüst hüst.

Rattatatam, mein Herz von Franziska Seyboldt

Ich habe mich an den Professor gewagt, weil ich gerade dabei war ‚Rattatatam, mein Herz. Vom Leben mit der Angst’ von Franziska Seyboldt zu lesen. Dazu lässt sich sagen, dass ich es zwar durchgelesen und zum Ende hin auch richtig gut fand, im Ganzen aber etwas enttäuscht war. Aber! Mit der Begründung: Meins war es nicht. Das war mir zu märchenhaft, zu geschichtenerzählend, zu schöngewollt. Und ganz ehrlich, wenn man im Minutentakt umblättern muss, dann hat das nichts mit erlerntem Querlesen zu tun, dann hätte es schlichtweg eine kleinere Schriftgröße auch getan.

Was ich allerdings schön fand: Dass sie auch Hochsensibilität eingeht und Reize, die einen überfordern können. Dass sie darauf eingeht, dass Frauen im Allgemeinen oder Menschen mit Angststörungen im Speziellen viel zu höfliche Emails schreiben. Viel zu höflich am Telefon sind. Dass ein direkter Ton nichts mit respektloser oder unhöflicher Sprache zu tun hat.

Versuchen Sie, Ihr Anliegen klarer zu formulieren. Kein würde, wäre, könnte. Sehr geehrte Frau Schnups, ich bin nicht damit einverstanden, dass. Ich möchte nicht, dass. Ich finde es nicht in Ordnung, dass.

Ich höre oft das Argument, es müssten ja nicht alle alles von einem wissen, sonst macht man sich angreifbar. Kann schon sein. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass einen niemand angreift, wenn man ehrlich ist. Man wird höchstens bewundert, wie offen man damit umgeht, vielleicht steht man auch eine Zeit lang stärker unter Beobachtung, aber irgendwann ist alles wie vorher. Nur, dass man nichts mehr verschweigen muss. Das Herz ist danach um einen Steinbruch leichter. Versprochen.

Professor Hieronimus von Amelie Skram

Der Professor ist da quasi das Gegenteil von dem Rattatatam. Ohne Anhang umfasst die Geschichte 440 Seiten geballte Frauenpower in der Klapse. Und niemand war überraschter als ich, dass das Buch extrem spannend war. Denn, haltet euch fest, es geht um den Alltag in einer psychiatrischen Anstalt. Um die Monotonie der schlaflosen Else Kant, die entweder nervös oder geisteskrank ist, doch das kann niemand außer Professor Hieronimus entscheiden. Else wird sich ziemlich schnell bewusst, dass sie dem Professor ausgehändigt ist und entweder ihre Karten richtig spielen muss, um je wieder rauszukommen, oder sie ist weiterhin ‚widerspenstig’. Als Leserin ist man kurz davor, irgendwann hinzuschmeißen und zu schreien: ‚Mensch Else, jetzt stell dich doch nicht so an und sei doch auch mal nett zu dem Doktor!’

Ups, voll in die Victimblaming Falle getappt. Alles, was Else widerfährt, auf Else geschoben. Vielleicht weil man den Verdacht hat, die Protagonistin könne vielleicht doch ein bisschen bekloppt sein? Weiß man es? Nee, man weiß gar nichts. Man denkt nur, dass Else Kant mal ne Runde Schlaf braucht, dann wäre doch alles wieder gut.

Doch Else Kant weiß selber nicht was mit ihr ist, sonst hätte sie nie einer Einweisung zugestimmt. Aber the thing is, die anderen Frauen, die sich in der Klinik befinden, sind nicht freiwillig da. Oder nicht mehr. Denn wenn ein Arzt dich erst einmal für geisteskrank hält, und deinen Ehemann davon überzeugt, ist an eine vorzeitige Entlassung nicht mehr zu denken. Nicht zu vergessen die Ehemänner, die ziemlich lange ihre Ehefrauen für verrückt erklären durften und weg waren sie.

Amalie Skrams Buch erschien vor über hundert Jahren und dennoch sind die Gedanken der Else Kant so aktuell wie eh und je. Aber thats’s Skandinavien for dich, immer so fucking modern und vorausdenkend. Klare Gedanken in einer klaren Sprache. Doch hört selbst.

Das ist die Hölle, dachte Else. Wer das Buch über die Qualen in der Hölle geschrieben hat, ist zweifellos aus Versehen auf einer psychiatrischen Station gelandet mit einem Hieronimus als Herrscher.

Hatte sie doch geglaubt, die Freundlichkeit des Assistenzarztes würde auf Verständnis und aus dem Verständnis resultierendem Mitleid basieren. Seit dem letzten Nachmittag wusste sie besser Bescheid. Sie war vollkommen auf sich selbst angewiesen. Nur ihren eigenen Kräften durfte sie vertrauen im Kampf, hier nicht unterzugehen.

„Man muss den Ärzten schon vertrauen, nicht wahr, Frau Kant? Gebildete Menschen sind dazu erzogen worden.“

Wie viele Menschen wohl noch frei herumliefen, wenn es beispielsweise in jeder einzelnen Gasse in der Stadt einen Hieronimus mit der Befugnis gäbe, diejenigen einzusperren, die seiner Meinung nach geisteskrank waren? Und wenn es dazu einen vom Staat ernannten Überhieronimus gäbe, dessen Aufgabe es wäre, all den kleinen Hieronimussen auf die Finger zu schauen, damit diese Päpste im Handtaschenformat nicht einer nach dem anderen in einen Wagen mit Aufpasser und zwei Krankenpflegern gesteckt und ins Irrenhaus verfrachtet wurden? Wie viele Irrenanstalten dann gebaut werden müssten. Viel mehr, als diese Hieronimusse sich denken konnten. Jede Menge von Filialstaaten, bevölkert von Geisteskranken, verteilt über den eigentlichen Staat, der sicher in Wirklichkeit auch von mehr oder weniger Geisteskranken bevölkert wäre, die man laufen lassen musste, weil man nicht genügend Platz in den Anstalten hatte. Und was sollte man dann mit den wirklich Verrückten tun, die eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit darstellten und für Leib und Leben ihrer Nächsten? Denen müsste man schnell den Kopf abschlagen und sie vergraben, oder sie in aller Hast verbrennen.

Für Sie muss die Frage doch lauten: Ist Frau Kant geisteskrank und ist ihre Krankheit so schwer, dass sie hinter Schloss und Riegel gehalten muss? Denn dass eine Frau auf ihren Mann wütend ist, das ist doch kein Grund, sie einzusperren. Wenn Sie sich um alle wütenden Frauen kümmern wollten, wo sollten Sie die denn alle unterbringen?