Haben wir das Nichtstun verlernt?

Kolumne

Einfach mal Nichtstun, darf man das überhaupt oder ist man dann einfach nur ein Faulenzer?

Ich bin mit dem Mantra groß geworden, dass Lücken im Lebenslauf unter allen Umständen zu vermeiden sind, denn sonst würde mich keiner einstellen. Oder das Jobinterview, wenn ich überhaupt soweit kommen würde, würde sich nur um die Lücke im Lebenslauf drehen, die ich erklären müsste. Das wurde uns in der Schule eingetrichtert, beim Schülerpraktikum und beim jährlichen Besuch im Berufsinformationszentrum.

Also habe ich direkt nach dem Abi zugesehen, so schnell wie möglich das heimische Dorf zu verlassen, eine Wohnung zu finden und bestenfalls gleich einen Job. Kaum ging das Studium los, kümmerte ich mich schon um ein Praktikum beim Radio und in Online-Redaktionen (Early Adopter oder so, schon 2003 voll digital und online...). Denn nur Uni und keine Praxiserfahrung würde dazu führen, dass ich nie einen Job bekomme, hieß es im Studium. Oder ich müsse erklären, warum ich noch keine Praxiserfahrung habe. So wurden alle Semesterferien brav mit Praktika gefüllt, die ich neben meinem Job im Kino und meinem Lesepensum für die Uni abstotterte. Spaß gemacht haben die Praktika zwar, aber Semester"ferien" waren das nicht.

Stell dich nicht so an, andere schaffen das doch auch

Direkt nach dem Abschluss ging ich ins Ausland, denn ohne Auslandserfahrung findet man ja eh keinen Job, hieß es im Studium. Gut, im Ausland bin ich dann länger geblieben als geplant, weil es einfach zu schön war. Und Jobs habe ich auch gefunden und das sogar, ohne mein Abschlusszeugnis in der Hand zu halten. Trotzdem verbrachte ich jede freie Minute entweder im Sprachkurs oder auf der Suche nach einem weiteren Nebenjob, denn das Leben in Schweden ist teuer. Zwischendurch hatte ich drei Jobs und einen Sprachkurs und switchte fleißig zwischen drei Sprachen hin und her. Easy, alle anderen schaffen das ja auch, dann muss ich das ja auch hinbekommen.

Kurz darauf ging es nicht mehr. Ich kippte bei einer Party einfach um (hingegangen bin ich auch nur, weil ja alle anderen feiern und nicht zu müde dafür sind, dann muss ich das ja auch hinkriegen). Ich konnte auch die nächsten fünf Tage nicht mehr das Bett verlassen, höchstens auf allen Vieren, wenn ich mal auf's Klo musste. Versuchte ich zu stehen, kippte ich wieder um und musste mich übergeben. Kurz Mama angerufen, geweint, die Geschwister kamen zu Besuch und dann sollte auch alles wieder gut sein. Weiter geht's wie gewohnt.

Vom Vorhof der Hölle zur Panikattacke

Der erste richtige Job nach meinem Master brachte mich dann in den Vorhof der Hölle, zum schlimmsten Job meines Lebens (rückblickend bis heute der fürchterlichste Job EVER). Zu viel Arbeit, miese Bezahlung, schlimmes Arbeitsklima: nach 6 Monaten kündigte ich und kehrte nach Deutschland zurück. Ohne Job. Ohne Wohnung. Die Panikattacke ließ nicht lange auf sich warten, und das, obwohl ich gerade einmal zwei Wochen auf Jobsuche war. Wieder Mama angerufen, geweint, beruhigt, und weiter geht's wie gewohnt.

Das erstbeste Jobangebot nahm ich an und zog nach Berlin, in die Stadt, in die ich nie wollte. Im Landkreis Kassel zu bleiben war aber noch viel weniger eine Option. Hauptsache arbeiten, ja keine Lücke entstehen lassen!

Bis zum heutigen Tag ist es so geblieben: Das aus der Schule eingetrichterte "Lücken sind böse" ist nachhaltig hängen geblieben. Bring Leistung.

Entspannung oder verschwendete Zeit?

Anfang diesen Jahres habe ich mich selbstständig gemacht, weil ich mich im Angestelltenverhältnis nicht mehr wohl fühlte und zu wenig Zeit für das hatte, was mich glücklich macht: In der Natur sein, einfach mal weniger arbeiten und wirklich Zeit für meinen Blog zu haben. Nun ist Dezember, sowohl in den Agenturen, als auch in der Online-Community, für die ich schreibe, ist Endjahresstimmung. Eigentlich könnte ich mich freuen (mal abgesehen vom finanziellen Aspekt): endlich die Zeit zu haben über das zu schreiben, das mich interessiert, mal was kochen, ein Buch lesen oder spazieren gehen. Doch ich hab Hummeln im Hintern. "Du muss doch was arbeiten, du kannst doch nicht einfach so unter der Woche ausschlafen und nur in den Tag reinleben", klagt mein Gewissen mich an.

Doch warum eigentlich nicht? Ich habe die letzten Monate zwei bis drei Aufträge gestemmt und gut 55-60 Stunden die Woche geackert. Warum genieße ich den Freiraum und die Ruhephase nicht, erst recht, wo ich weiß, dass es Januar und Februar wieder mit Karacho losgeht?

Mich beschleicht das Gefühl, dass ich es einfach verlernt habe einfach mal nichts zu tun und mir selbst die Chance zu geben mich zu regenerieren. Denn dafür gibt es ja schließlich Urlaub. Haste keinen Urlaub, musste dich auch nicht schonen. Stattdessen presse ich so viel wie nur geht in meine Zeit, um ja das Maximum aus jedem Tag herauszuholen. Ich fühle mich in der Freizeit wie im Vakuum, unfähig dazu den Freiraum zu genießen. Einfach rumschlendern geht nicht, ich muss doch ein Ziel haben: also kaufe ich was ein. Einfach ein Buch lesen? Nein, lieber etwas, das mich weiterbildet und herausfordert. Einfach eine Serie schauen? Nein, lieber eine Doku, dann lerne ich noch was. Oder mach endlich mal wieder Sport, das machen doch erfolgreiche Leute auch mit 80-Stunden-Wochen. Es ist doch echt bekloppt.

Wir haben doch alle ne Macke

Tröstend und erschreckend zugleich ist es, dass es bei meinen Freunden ähnlich aussieht. Immerhin bin ich nicht allein mit diesem Druck, aber wirklich besser macht es das ja nicht. Im Ärzteblatt habe ich gelesen, dass sich die Zahl der Kranktage aufgrund psychischer Erkrankungen in den letzten 20 Jahren mehr als verdreifacht hat (gut, Statistiken sind so eine Sache, denn vor 20 Jahren gab es ja quasi keine Glutenintoleranz und heute sind ja alle nur noch eingebildete Kranke....).

Aber trotzdem: Unser System, angefangen bei der Schule, ist auf Leistung ausgelegt. In der Schule geht es ja nie um einen selbst als Individuum, sondern darum, den standardisierten Lehrplan durchzuprügeln und als Schüler gute Noten einzuheimsen. Wer zu langsam ist, bleibt sitzen - nur die Fleißigen kommen weiter. Was es in meiner schulischen Laufbahn nie gab war die Möglichkeit in sich selbst reinzuhören und die eigenen Vorlieben abseits der Lieblingsfächer zu erkunden. Das Bauchgefühl zu schulen, die eigenen Stärken erkennen, Ermutigung auch mal vom Schema F abzuweichen - gab es nicht. Umso schöner ist es zunehmend von neuen Schulen zu lesen, die individueller auf die Menschen eingehen.

Auch wenn ich erkenne, in was für einer Mühle nicht nur ich drinstecke, hilft das leider noch lange nicht das nagende, schlechte Gewissen aufgrund eines "faulen" Tag abzuschalten und das destruktive Muster zu durchbrechen. Nebenbei halte ich den Tag für verschenkt, obwohl ich die Wohnung weihnachtlich dekoriert habe, ein paar Dauerbaustellen beseitigt habe, Weihnachtsgeschenke besorgt und einen Blogartikel geschrieben habe. Aber das ist ja nicht wirklich produktiv, sagt die Stimme im Hinterkopf und irgendwie will ich ihr Recht geben. Weil es einfach eingetrichtert ist und weil ich auf Instagram tagtäglich sehe, was erfolgreiche Menschen mit einem Lächeln auf den Lippen alles schaffen.

Vielleicht ist es einfach mal an der Zeit sich nicht mit anderen zu vergleichen, Social Media einfach mal Social Media sein zu lassen und den freien Tag zu genießen, solange ich ihn habe.

Denn seien wir mal ehrlich, einfach mal nichts zu tun schärft den Blick wieder für das, was wirklich zählt.

Autor: Svenja Goebel
Themen: Depression, Freiheit, Freizeit, Mental Health, Seelische Gesundheit

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