"Und, wann bekommt ihr Kinder?

Viele Frauen kennen diese Frage. Ich habe sie schon oft gestellt bekommen, noch häufiger allerdings seit meiner Hochzeit vor einem Jahr. Klar, für viele sind Kinder der nächste logische Schritt, ein Muss sozusagen.

Mich irritiert die Frage nach Kindern. Denn:

Die Frage ist übergriffig und unsensibel

Für mich ist die Frage, ob man Kinder plant und wann es denn soweit ist, übergriffig. Kinderwunsch und Kinderpläne sind etwas sehr Persönliches und gehen nur das Paar etwas an. Denn wer fragt “Versucht ihr schon Kinder zu bekommen?”, fragt anders formuliert, ob man regelmäßig Sex hat. Mir fällt kein akzeptabler Kontext ein, in dem jemand diese Frage stellen sollte. Ausnahme: Der Frauenarzt.

Was viele der Fragenden bei all ihrer Neugier nicht in Betracht ziehen: Kann die betreffende Person überhaupt welche bekommen? Hat sie vielleicht Fehlgeburten erlitten? Sollte es so sein, dass es einen Kinderwunsch gibt, man aber keine bekommen kann, würde man mit jeder Nachfrage schmerzlich daran erinnert werden. Ebenso, wenn man erst kürzlich eine Fehlgeburt erlitten hätte.

Welche Antwort führt nicht zu einer unangenehmen Situation?

Die Antworten “Ja, wir wollen Kinder (und arbeiten daran)” und "Ja, ich bin sogar gerade schwanger" sind die einzigen, die eine Fortführung der Unterhaltung zulassen. Nahezu alle anderen Antworten führen zumindest zu betretenem Schweigen und einer angespannten Situation, entweder für die Fragenden oder die Befragte. Und wie wahrscheinlich ist es, dass jemand antwortet, dass sie gerade schwanger ist?

Wenn man mal ein wenig darüber nachdenkt, sind sämtliche anderen Antwortoptionen nicht sonderlich förderlich für das weitere Gespräch:

  • “Ja, wir möchten Kinder, aber ich kann keine bekommen.
  • "Ja, wir möchten Kinder, aber er kann nicht."
  • “Ich war schwanger, habe das Kind aber verloren.”
  • "Wir würden gerne, aber können es uns finanziell nicht leisten, einen weiteren Menschen zu versorgen."
  • "Wir haben Eizellen eingefroren und warten auf den richtigen Zeitpunkt zum Auftauen."
  • "Puh, darüber haben wir noch nicht gesprochen. Schatz, was denkst du?"
  • "Nein, ich/wir mögen Kinder nicht."
  • “Nein, wir wollen keine.”

Antwortet man "Nein, ich möchte keine Kinder" macht man ein ganz anderes Fass auf und kann sich vielen Folgefragen und Feststellungen stellen.

"Bist du nicht ein bisschen zu alt, um noch zu warten? Wird es nicht langsam Zeit?"

Sobald ich antworte, und sei es nur aus Selbstschutz, dass ich es noch nicht wisse, bekomme ich oft die Antwort “Ich möchte dir ja keinen Druck machen, aber wie lange willst du noch warten? Die biologische Uhr tickt und du wirst ja nicht jünger.” Das ist unsensibel und ungemein verletzend. Glaubt mir, eine Frau weiß, wie viel Zeit sie noch hat - eine Erinnerung an ihr Alter und die verbleibende fruchtbare Zeit ist überflüssig.

Sollte (was recht unwahrscheinlich ist) das Paar tatsächlich schon in freudiger Erwartung sein, werden sie es, wenn sie soweit sind, mitteilen. Eine Nachfrage führt im blödesten Fall dazu, dass sie sich gezwungen fühlen, ihr kleines Geheimnis preiszugeben. Wer schwanger ist und darüber reden möchte, wird es tun. Garantiert!

Kinderkriegen ist kein Muss

Mit den Nachfragen wird mir der Eindruck vermittelt, dass wir als Ehepaar nicht ausreichen. Wir sind erst dann vollständig, wenn wir ein oder mehrere Kinder haben. Erst dann ist unsere Lebensaufgabe erfüllt. Dabei denke ich, dass nicht jeder Kinder haben muss, geschweige denn sollte. Nicht jeder muss sich fortpflanzen. Worin jemand seine Erfüllung findet, kann doch nicht nur im Kinderkriegen liegen, oder? Vielleicht ist das Ziel der gemeinsamen Reise schon die Hochzeit.

Also können wir uns von dem archaischen Muster langsam trennen, dass jeder Kinder kriegen muss, erst recht nach der Hochzeit? Die modernen Familie setzt doch längst nicht mehr voraus, dass Mann und Frau erst heiraten und dann Kinder bekommen. Es gibt so viele Familienkonzepte, die genauso gut funktionieren und nicht aus einem verheirateten Hetero-Paar bestehen.

Deswegen: Hört auf zu fragen

Niemand ist irgendwem Rechenschaft darüber schuldig, ob oder wann man Kinder bekommt. Denn bestimmte Themen sind privat, komplex und können Traumata triggern, zumindest aber Irritation auslösen. Wer darüber reden möchte, wird es tun. Nachzufragen ist daher überflüssig. Deswegen meine Bitte: Wenn ihr euch nicht absolut sicher seid, dass die befragte Person über das Thema Kinderkriegen sprechen möchte, stellt die Frage einfach nicht. Schluckt eure Neugierde herunter und lasst eure Freunde selbst entscheiden, ob sie über das Kinderkriegen reden möchten.

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