Warum ich nur noch Autorinnen rezensieren möchte

Von Elina in Bücher
Warum ich nur noch Autorinnen rezensieren möchte

Autorinnen: Die Verfasserin des Artikels spricht hier von allen, die sich als Frau identifizieren, oder als Autorin arbeiten.

Warum? Darum:

Es besteht ein Zusammenhang zwischen Repräsentanz, Sichtbarkeit und Marktwert von Künstler*innen.

Die einfache Antwort wäre: damit es überhaupt wer macht. Damit es da (noch) einen Blog gibt, der sich darauf konzentriert, Frauen zu pushen.

„Ja, aber Männer zu dissen ist dann aber auch nicht der Sinn von Gleichberechtigung!“

JA, ABER Frauen werden nicht gelesen! Frauen werden nicht rezensiert! Frauen werden nicht für Preise nominiert und Frauen kriegen ergo keine Preise! Frauen kriegen Blumen auf die Cover und in manchen Bücherhandlungen haben sie Frauenabteilungen! Frauen sind kein Teil des Kanons! Frauen kriegen schlechtere Verträge! Frauen kriegen weniger Geld! Frauen werden nicht verlegt! Frauen werden abgelehnt.

Das ist maßlos übertrieben, wie so vieles von mir, aber es gibt wieder, wie es sich anfühlt. Und wie es aussieht. In Zeiten von #aufschrei und #metoo haben, und jetzt hört mir gut zu, die Männer Angst bekommen. Plötzlich heult da so ein Jessen und ein Martenstein in einer derart dümmlichen Art und Weise rum, dass man sich fragt, ob die nicht auch einfach eine eigene Zeitung gründen können, die dann in ihrer eigenen Stadt erscheinen wird. Pimmelhausen oder so.

Literatur ist eine marktvermittelte Kunst, die Medienaufmerksamkeit durch eine Nominierung zahlt sich für Autor*innen (und ihre Verlage) in barer Münze aus

Es geht um Geld. Und das fängt bei der Aufmerksamkeit an, die auch Blogger*innen den Autor*innen schenken. Manchmal denke ich mir, dass ich das alles nicht mehr ernst nehmen kann. Wenn es nicht auch sehr traurig wäre, wäre es vor allen Dingen lächerlich. Boy, Bye. Diese ganzen Möchtegernwahrheitsbekunder erinnern mich an den Seher von Asterix und Obelix. Grummeliger alter und trauriger Mann, der nur das Böse sieht, und sich an der Angst der DorfbewohnerInnen labt. Sich vollfrisst auf Kosten von Männern und Frauen, die mal furchtlos waren und nun in Angst leben.

„Ja aber endlich sagt mal einer ganz ehrlich, dass es vielleicht auch einen Grund gibt, warum Frauen nicht so gute Bücher schreiben.“

Och Leute, erstens: Gute Bücher? Ernsthaft? Sind wir immer noch bei guten und schlechten Büchern? Lasst mich raten: Gute Bücher sind kompliziert, haben ein offenes Ende, keine Liebesgeschichte, es geht um Analsex und fangen bei 300 Seiten an? Und schlechte Bücher? Groschenromane zum Beispiel? Mäusken, das hab ich doch schon vor zwei Jahren erklärt, warum das Blödsinn ist.

Die Werke von Frauen werden weniger rezipiert, z. B. in Buchrezensionen.

Das letzte Buch eines Mannes, das ich bewusst zu Ende gelesen habe, war dieses absolut grauenhafte Rumgepimmel (neues Lieblingswort, nicht meine Kreation, irgendwo aufgeschnappt) von Jonathan Safran Foer. I mean, get to the point! Es war ja schon immer bekannt, dass ich Bücher von Menschen mit Migrationshintergrund bevorzuge, dass ich versuche, Bücher von POC zu lesen, oder Indie Verlage pushe. Vielleicht ist das nicht genug. Vielleicht muss ich mich wirklich hinsetzen, oder aufstehen, und sagen, so es reicht, ich rezensiere offiziell nur noch Frauen. Ist ja nicht so, also ob ich das nicht vorher auch schon hauptsächlich getan hätte. Nur halt jetzt mit Ansage.

  • 17 Prozent Frauenanteil in leitenden Positionen in der Buchbranche
  • Nur vier Prozent der Unternehmensspitzen sind mit Frauen besetzt
  • Nur 20 Prozent der Führungspositionen auf der mittleren Ebene (Abteilungsleitung) sind mit Frauen besetzt (Quelle)

Seit ein paar Jahren verfolgen mich Artikel wie dieser hier von Nina George. Im positiven Sinne, denn sie gehen mir nicht aus dem Kopf. Vor nicht allzu langer Zeit, also in der Gegenwart, entschieden die grauen Männer in den großen Büros darüber, welche Bücher veröffentlicht werden. Dann kam das Internet. Dann kamen Blogs. Dann kamen auch Mamablogger, die sonst keine Anstellung fanden und irgendwohin mussten mit ihrem Frust. Dann kam Instagram. Dann haben Menschen angefangen, Bilder von Dingen zu machen, die sie liebten. Auch von Büchern. Andere Menschen guckten sich das an und es beeinflusste ihr Konsumverhalten. Manchmal unbewusst, manchmal durch einen Affiliatelink.

Und plötzlich war klar: Menschen lesen Frauen. Sehr, sehr gerne sogar. Nicht nur dass: Die Blockbuster und die Bestseller werden weniger. Menschen lesen immer mehr und immer verschiedeneres.

Wie kann ich als Bloggerin ein gehyptes Buch eines Mannes vorstellen, das eh grad alle besprechen? WOZU?

Ich sehe den Sinn in meinem Bloggerdasein darin, dass ich Horizonte erweitere, zumindest erweitere. Letztes Jahr hab ich Svenja ein Video davon geschickt, wie ich eine Verlagsschau durchblättere: Mann, Mann, Mann, Mann, Mann, Mann, Mann. Auf der vorletzten Seite ein Buch von einem Mann, aber illustriert von einer Frau.

In letzter Zeit häufen sich die Artikel zum Thema weibliche Autor*innen und Lese- sowie Kaufverhalten der weiblichen Kundschaft. Unter einem dieser Artikel fand ich auf Facebook folgenden Kommentar:

"Es sind überwiegend die Leserinnen, die den Publikumsgeschmack bilden und die jeweiligen Jurys wissen das.

Heutzutage spielt die Biographie der Schreibenden und deren mediale Präsentation eine gewichtige Rolle im Marketing. Es entscheidet das Standing.

Der Schriftstellerin haftet immer noch das Image der vom Manne im Hintergrund subventionierten Luxusbeschäftigung an, während die Kerle sich für ihre Publikationen heldenhaft aufopfern und für ihr Werk bereit sind Leidenswege zu durchschreiten und Abenteuer wider Willen zu erleben, die ganz fern von der assoziierten besinnlichen Stille weiblichen Schaffens sind.

Die sog. Frauen (als Betroffenheits - und Bekenntnis) - Literatur hat den ernsthafteren Schriftstellerinnen da einen Imageschaden zugefügt, der sich nachhaltig auswirkt.

Abgesehen davon:Frauen interessieren sich mehrheitlich für Männer und deren Geschichten. Umgekehrt interessieren sich Männer viel weniger für die weiblichen.

Literatur lebt von aufregenden Geschichten.

Wer lebt die aufregenderen, von denen zu erzählen wäre?

Frauen mehrheitlich sicher nicht.

Die Antizipation des aufregenden Lebens ist aber das, worauf sich der Erfolg von Literatur gründet. Dazu braucht es Freiheitsgrade in der Realität, die sich im Fiktiven spiegeln.

Immer noch leben Schriftsteller freier und aufregender als Schriftstellerinnen.Das ist der Punkt, der über das Publikumsinteresse entscheidet.Dem tragen die Jurys Rechnung."

Das kann man jetzt in jede Richtung diskutieren, fest steht, dass es doch nicht sein kann, dass wir nicht hören wollen, was Frauen zu erzählen haben, oder auch, dass Frauen oftmals die weniger interessanten Geschichten zu erzählen haben? Ist das so? Glauben die Menschen das?

Meine Entscheidung steht fest. Wenn Beyoncé mit ausschließlich weiblichen Musikerinnen auf Tour gehen kann, und das seit immer, kann ich auch nur Frauen rezensieren.

Links und Quellen:

http://www.deutschlandfunkkultur.de/sexismus-im-literaturbetrieb-die-subtile-machtausuebung-der.1005.de.html?dram%3Aarticle_id=418549

"Frauen im Literaturbetrieb: Gendergaps, Sichtbarkeit und die Sache mit der Anerkennung", dreiteilige Artikel-Serie bei den Bücherfrauen e.V. - Women in Publishing, basierend auf der Studie des Deutschen Kulturrats zu Frauen in Kultur und Medien

https://blog.buecherfrauen.de/ueber-die-freiheit-zur-geschlechtergerechtigkeit-frauen-in-kultur-und-medien/

https://www.zeit.de/kultur/2016-04/schriftstellerinnen-literaturbetrieb-frauenquote-10-nach-8

https://www.boersenblatt.net/artikel-nina_george_ueber_die_stellung_der_frauen_im_literaturbetrieb.1272531.html

https://www.jetzt.de/meine-theorie/buecher-von-frauen-und-das-problem-der-frauenliteratur

Photo by rawpixel on Unsplash

Themen: Was ich gerade lese