Was ich gerade lese: Frauen, Liebe, Millennials und Verzweiflung

Von Elina in Bücher
Was ich gerade lese: Frauen, Liebe, Millennials und Verzweiflung

Auf dem Bild bin ich Mitte 20, habe kein Kind und lebe in den USA. Hach ja, also vor einer Million Jahren. Ein kleiner Throwback, zu der Zeit als man noch so semi-geile Bücher zu Ende gelesen hat. Sowas mache ich nicht mehr. Hier also ein kleiner Einblick in die Bücher, die ich in den letzten Monaten gelesen habe, oder die gerade auf meinem Nachttisch liegen.

Ein Leben lang. Was wir von unseren Großeltern über die Liebe lernen können von Julia Grosse

Was ich gerade lese: Frauen, Liebe, Millennials und Verzweiflung

Ich durfte Julia Grosse für Hauptstadtmutti interviewen, dort findet ihr auch meine Meinung zu dem Buch etwas detaillierter. Lasst es euch gesagt sein, wenn ihr dieses Jahr ein ordentliches Geschenk für eine Hochzeit oder einen Jahrestag braucht, hier ist es. Beziehungen sind nie einfach, und vielleicht waren sie einfacher zu organisieren, als noch klar war, dass nur einer sich um Kinder und Haushalt kümmert, und nur einer arbeiten geht, aber das macht es nicht weniger spannend über verschiedene Lösungsansätze zu lesen. Jede Beziehung ist anders, was manche zusammenhält, würde andere direkt in die Psychiatrie beamen.

Sehr, sehr schönes Buch, wirklich.

Super, und dir? von Kathrin Weßling

Was ich gerade lese: Frauen, Liebe, Millennials und Verzweiflung

Uhm. Also. Ich habe mich sehr auf dieses Buch gefreut, und dann fand ich es scheiße. Nicht, weil es scheiße geschrieben ist, oder nicht auch spannend wäre, also geht so, zum Ende hin, ich habe es aber zu Ende gelesen! Christoph Amend hat wohl gesagt, dass Frau Weßling den Roman ihrer Generation geschrieben hat. Ja. Das stimmt, das glaube ich auch. Am stärksten war das Buch, als sie über das Volontariat der Protagonistin und den Wahn von Social Media geschrieben hat. Mega, aber auch immer noch nicht so geil wie Doree Shafrirs 'Startup'. Ich glaube, für den deutschen Markt, für Menschen, die außerhalb der Großstadt leben und nichts mit 'Medienjobs' zu tun haben, ist das ein richtig guter Einblick, und ein wahrhaftiger. Für so übercoole Trullas wie mich war das Dienstagnachmittag. Vielleicht hat mich die sinnlose Beziehung gestört, da musste ich immer querlesen, niemand war mir jemals so egal wie der Freund der Ollen. Jakob? Hier er so? Liest denn die jeweilige Generation auch das Buch, das über sie geschrieben wurde? Kann man lesen, kann man lassen, aber trotzdem gut, dass es das gibt. Wird bestimmt ein Deutsch LK Favourite aller ambitionierten Lehrerinnen, die eigentlich auch in die crazy Großstadtwelt gehören. Stinkt ein bisschen nach white privilege und Bildungsbürgerproblemchen. Der Struggle kann auch real sein, und Sucht, Angstzustände und psychische Probleme sind ein wichtiges und schweres Thema unserer Zeit, aber für meinen persönlichen Geschmack brauch ich mehr.

Ich suche Konflikte und Reibung, weil ich kein anderes Ventil für den Druck habe, unter dem ich stehe. ich bin elektrisiert und aggressiv und wütend. Wütend auf mich, weil ich nicht besser funktioniere, weil ich nicht glücklicher bin, weil ich es ohne Hilfsmittel kaum noch durch die Tage schaffe.

Sollte man echt nicht lesen, wenn man sein Leben oder Job hasst. Oder gerade dann. Man weiß es nicht, man munkelt.

Es scheint ja gerade einen Nerv getroffen zu haben, und viele Menschen zu berühren, und das ist doch alles, was zählt, dass Menschen lesen. Und dabei fühlen. Ich sage nur, meins wars nicht.

Würd ich unter Umständen eher Ronja von Rönnes 'Wir kommen' empfehlen.

Lady Liberty von Eva Weissweiler

Was ich gerade lese: Frauen, Liebe, Millennials und Verzweiflung

Kein Scherz, ich hasse Biographien. So sehr. Weil sie so langweilig sind. Und wenn sie dann noch chronologisch ihre Timeline abarbeiten ist bei mir alles vorbei. ABER MANEGE FREI FÜR DIE GEILSTE UND SPANNENDSTE BIOGRAPHIE EVER. Liest sich wie Butter und macht Spaß, ganz ganz großes Kino. Nichts für zarte Seelen, die Ekelhaftigkeit Londons im 19. Jahrhundert wird detailliert beschrieben, und es sterben auch recht viele Kinder. Ansonsten: viel über Papa Marx, Antisemitismus, Kriege, Klassenkampf, der Deutsche an sich, und Leute, wenn ihr denkt mein Denglisch wäre schlimm, habt ihr noch nichts von Karl Marx gelesen.

Absolut empfehlenswert!

Eine Geschichte der Wölfe von Emily Fridlund

Was ich gerade lese: Frauen, Liebe, Millennials und Verzweiflung

Was soll man da noch sagen? Zunächst: schönstes Cover des Jahres! Und dann: spannend, klug, verwirrend. Ich denke immer noch drüber nach. Über solche Sätze:

Der Morgen kam in Gestalt eines einzelnen grauen Balkens durch einen Spalt in den Jalousien.

Das ist so ein Buch, das würde ich nie verschenken, das leihe ich nur aus, um es in zwei Jahren noch einmal zu lesen. Oder noch einmal auf Englisch zu kaufen. Als Kind habe ich den Film Now and Then geliebt. Eine kleine Stadt, ein Sommer, der alles veränderte, und ein Geheimnis. In diesem Buch wird auch ordentlich gesprungen. nach vorne, nach hinten, zur Seite, auf einmal ist da eine Kommune, dann ein Gerichtssaal, dann die Zukunft. Genau mein Ding. Ich liebe die Gefühllosigkeit der Protagonistin, das stoische, kalte und ich vergesse immer wieder, dass sie 14 ist, sein soll, was auch immer.

In den dunklen Wäldern von Minnesota wächst Linda in den kläglichen Überresten einer Kommune auf. Ihre Eltern sind über das Scheitern ihrer Hippie-Ideale zu Eigenbrötlern geworden, in der High-School kommt sie sich vor wie eine Außerirdische. In ihrer Isolation fühlt sich Linda wie magisch hingezogen zu ihrer Klassenkameradin Lily und zu ihrem Geschichtslehrer, Mr Grierson. Es ist ein Schock, als der wegen des Besitzes von Kinderpornographie verhaftet wird und dann auch noch Lily von der Schule verschwindet. Linda hat niemand, mit dem sie über all das reden könnte. Da zieht eine Familie neu an den See. Alles bei ihnen scheint Linda gut und schön. Sie wird die Babysitterin des kleinen Paul und sehnt sich danach zu dieser heilen Familie zu gehören. Doch als Paul schwer krank wird, bleiben seine Eltern seltsam inaktiv. Soll Linda trotzdem einen Arzt rufen und damit das gute Verhältnis zu ihren "neuen Freunden" riskieren? Eine vielleicht unmögliche Entscheidung für eine Vierzehnjährige, die ihr ganzes weiteres Leben beeinflussen wird....

SCHRECKLICH AMÜSANT – ABER IN ZUKUNFT OHNE MICH von David Foster Wallace, illustriert von Chrigel Farner

Was ich gerade lese: Frauen, Liebe, Millennials und Verzweiflung
Was ich gerade lese: Frauen, Liebe, Millennials und Verzweiflung

Wie heißt das immer bei solchen Büchern? 'Noch nie so aktuell wie jetzt.' Amerika wie es in den Urlaub fährt und das auch noch auf einem Kreuzfahrtdampfer. Es ist Perfektion, auch auf Deutsch sehr, sehr gut lesbar. Die Illustration? So gut. B.I.T.T.E.R.B.Ö.S.E. und wahr.

Ein Kunstwerk.

Belladonna von Daša Drndic

Was ich gerade lese: Frauen, Liebe, Millennials und Verzweiflung

Gebt es her, das große dicke schwere Buch, das auch nach dreißig Seiten noch unbequem in der Hand liegt und genauso wenig buttermäßig weggelesen werden möchte. Dieses Buch erfordert eine Stunde, und das nicht in einem Zug, sondern auf einem Sessel, mit Schemel und einem freien Kopf, der sich ausschalten lässt. Ein leises Buch von einem vergessenen und vergessendem Mann, geschrieben von einer Frau, würde ich sie treffen, ich würde augenblicklich schüchtern um eine Signatur bitten. So viele umgeknickte Erinnerungsfalten und Bleistiftrandnotizen. Kroatien, mein Herz.

Der längste Satz der Welt:

Was ich gerade lese: Frauen, Liebe, Millennials und Verzweiflung

Ein hochaktueller Roman über den Zustand unserer Welt. Andreas Ban ist ein Psychoanalytiker, der nicht mehr analysiert, und ein Schriftsteller, der nicht mehr schreibt. Ein echter Intellektueller, dessen Welt seit Jahren mehr und mehr verfällt, die nur noch aus Erinnerungen besteht, an Freunde und Geliebte, aber auch an die Schrecken des 20. Jahrhunderts. Eine Parabel über die Tücken des Alterns in unserer gnadenlosen modernen Welt und einen wahren Helden unserer Zeit: einen vergessenen, verstoßenen Intellektuellen, der in einer Gesellschaft, die ewige Jugend predigt und kritische Gedanken unterdrückt, zu leben und denken versucht.

Fische von Melissa Broder

Was ich gerade lese: Frauen, Liebe, Millennials und Verzweiflung

Melissa Bruder ist die Frau hinter dem Twitter Account @sosadtoday und alle freuen sich über ihr Debüt!

Fische ist ein Roman über eine obsessive Liebe, der Unwirkliches so selbstverständlich in einen Gegenwartskontext einbettet, dass es heutiger nicht sein könnte. Lucy verliebt sich in Theo, den Meermann, dessen Fischschwanz unterhalb der Lenden beginnt. Als Undine 4.0 zwingt er sie, alles, was sie über Liebe, Lust und die Bedeutung des Lebens zu wissen geglaubt hat, neu zu ordnen.

Ein phänomenales literarisches Debüt, das schlichtweg elektrisiert.

Lese ich gerade! Gefällt mir! Wollt ihr auch? Wir verlosen zwei Exemplare!

Sagt uns einfach, welches Buch euch im letzten Jahr beeindruckt hat!