Postpartale Depressionen: Wenn das große Mamaglück auf sich warten lässt…

Gast - Sonntag, 29. Mai 2016

Unsere Gastautorin Lisa W. (30) hat einen sehr persönlichen Erfahrungsbericht zum Thema Postpartale Depressionen geschrieben:

"Es gibt viele ähnliche Überschriften zu dem Thema, aber passender kann man es wohl nicht sagen, wenn es um postpartale Depression geht. Es lässt auf sich Warten. Es bedeutet nicht: Es erscheint nicht und niemals oder es ist gar nicht existent. Es lässt einfach auf sich Warten. Und das ist, wenn man drin steckt, ein ziemlich beruhigender Gedanke. Wenn es in diesem Moment oder Momenten (denn dieser Mist kommt oft in Wellen und Phasen), so etwas wie beruhigende Gedanken gibt. Ich habe es mehr als ein Festhalten an einer Hoffnung erlebt, wenn ich in dem dunklen Dunst gefangen war. So wie wenn man in einem dunklen Raum hockt und sieht ein kleines Licht durch ein Schlüsselloch oder Türspalt.

Man fühlt sich total allein und einsam, aber irgendwie hat man noch ein kleines Fünkchen Licht und Hoffnung.

Aber vielleicht sollte ich von vorne anfangen.

Meine wundervolle Tochter ist jetzt ein halbes Jahr alt und ein zufriedener, unglaublich lieber und süßer kleiner Mensch. Und ich bin mittlerweile guter Dinge, dass sie weder unter mir gelitten hat, noch unter mir leiden wird (zumindest nicht mehr als andere Kinder unter ihren Eltern leiden).

Sie war ein totales Wunschkind. Auch wenn ich beim Absetzen der Pille schon ziemlich nervös war. „Bin ich der Verantwortung überhaupt gewachsen?“, „Bin ich schon soweit für ein eigenes Kind?“.

Aber diese Fragen sind denke ich auch normal, solange sie einen nicht komplett verunsichern. Und das haben sie mich eigentlich nicht. Ich habe mich an sich gut gefühlt. Hatte zu dem Zeitpunkt einen tollen Mann, eine tolle Ausbildung, einen guten und gut bezahlten Job, ein schönes Heim, liebe Freunde und fühlte mich finanziell abgesichert. Das Einzige was mir noch etwas rumorte im Magen, war die Tatsache, dass ich schon einmal eine depressive Phase bzw. eine Zeit mit Angst- und Panikstörungen durchlebt hatte (direkt nach meinem Berufseinstieg) und der Gedanke, das könnte nochmal wieder kommen und ich würde dann auch noch mein Baby „da“ mit reinziehen oder belasten… der Gedanke machte mich innerlich schon etwas fertig. Aber nun war es ja gerade nicht so und ich wusste, dass mich meine Ängste früher oft schon von etwas schönen abhalten wollten. Also beschloss ich, mutiger zu sein, als meine Ängste und das Projekt „Baby“ anzugehen.

Können Angstgefühle von früher wieder kommen?

Nach ca. einem halben Jahr war ich schwanger und war total baff, obwohl es ja angedacht war. Aber ich dachte irgendwie, es wird nicht klappen. Ich bin bestimmt eine von denjenigen, die es ewig versuchen und am Ende 180 künstliche Befruchtungen versuchen müssen und sich dann evtl. für eine Adoption entscheiden. Ja, Katastrophendenken, das konnte und kann ich gut. Denn wenn es nicht so eintrifft, ist man sehr überrascht und freut sich, dass es anders gekommen ist. Macht aber auch eine Menge Stress im Vorfeld.

Nun, wie das Schicksal es so wollte, entdeckte ich fast parallel zu meiner Schwangerschaft 2 verhärtete Lymphknoten an meinem Hals. Nachdem ich alle Ärzte (Hausarzt, Internist, HNO, Onkologe) durch hatte und das ganze WorldWideWeb über meine Symptome auswendig konnte, beschloss man auf der HNO Abteilung im Krankenhaus nach mehr als 6 Wochen Wartezeit, die Dinger sicherheitshalber operativ zu entfernen. Wegen der Schwangerschaft natürlich nicht in Vollnarkose und ohne jegliche Medikamente. Ich bin in den Wochen, sowie dann bei der OP, tausend Tode gestorben und habe solche Schuldgefühle bzgl. meinem ungeborenen Baby gehabt. Es konnte doch meine ganzen Ängste spüren? Da stand doch überall, dass das Baby im Bauch alles spürt, was die Mama spürt. Und wie sollte ich mich denn entspannen? Ich wusste nicht, ob ich vielleicht Krebs habe und ob ich das Baby behalten kann usw. usw. Ja, vielleicht hätte man sich zurücklehnen können und sich denken: Na ja, is schon nichts. Keine Ahnung. Ich konnte es nicht. Es war so bedrückend.

Kann das Baby meine Sorgen spüren?

Aber eins beruhigte mich (und das ist auch, was mich später noch öfter beruhigte): Mein Baby. Denn beim ersten Ultraschall, da strampelte es so fröhlich und vergnügt vor sich hin, dass ich nicht den geringsten Anschein hatte, es wäre irgendwie verängstigt oder beeinträchtigt.

Dann sagte meine Frauenärztin noch: Stellen Sie sich einfach vor, das Baby, das ist da ganz sicher in seiner Blase und kriegt gar nichts mit. Es wächst einfach und strampelt und freut sich. Es ist da ganz sicher und geborgen. Das tat ich. Das war ein schöner Gedanke. Und als die Knoten entfernt wurden und dann endlich der Befund stand, das nicht schlimmes ist, sondern irgendeine, undefinierbare, verkapselte Entzündung, da konnte ich aufatmen.

Der Rest der Schwangerschaft verlief super. Denn dieser Start hatte mich so fertig gemacht, dass alles andere irgendwie nur noch halb so wild war. Klar, Sodbrennen, Übelkeit und am Ende das fürchterliche Gestrampel, gingen mir schon ziemlich auf die Nerven. Aber es war auch nett schwanger zu sein. Überall so verzaubert angelächelt zu werden und dieses Wunder zu spüren, was da in einem und mit einem passiert.

Bin ich stark genug für ein Baby?

Der Gedanke, ich bin immer noch nicht richtig gesund, der schwirrte allerdings in meinem Hinterkopf immer mit. Ich konnte ihn aber offensichtlich (vielleicht auch durch die guten Hormone in der Schwangerschaft) gut immer wieder beiseite schieben.

4 Wochen vor meinem Mutterschutz steckte ich mich dann auf der Arbeit mit einer Erkältung an. Das wurde immer schlimmer und schlimmer. Es entwickelte sich eine Kehlkopfentzündung und Bronchitis und ich spürte so einen Druck, weil ich doch noch so einiges auf der Liste hatte, was ich bis zu meinem Abtritt in den Mutterschutz erledigen wollte auf der Arbeit, damit alles gut und ordentlich und „perfekt“ hinterlassen wird.

Aber es half nichts und ich lag mehr als 2 Wochen flach, bis am Ende doch nur noch ein Cortison half um langsam die Kurve wieder zu kriegen. Immerhin noch 1,5 Wochen übrig geblieben bis zum Mutterschutz und ich haute diese 10 Tage, soweit das mein Zustand noch zuließ, richtig rein, um alles, was in den 4 Wochen ich erledigen wollte, noch in den 10 Tagen zu schaffen. Na ja, alles hat dann nicht mehr geklappt, aber so gut wie. Ich war zufrieden.

Die Nerven liegen blank.

Nun war ich zuhause. Und wie es das Gemüt meines Babys ist, ließ sie sich Zeit. Schon um den errechneten Entbindungstermin lagen meine Nerven blank. Ich hatte keine Ahnung mehr, wie ich mich ablenken sollte. Ich fühlte mich einsam zuhause und gelangweilt und ich hatte solche Ängste vor der Geburt. Denn ich wusste, ich bin ziemlich schmerzempfindlich und nicht besonders kräftig. Ich hatte nicht wesentlich viel zugenommen, außer den Bauch. Ich schleppte quasi einen schweren Basketball vor mir her. Von hinten sah man gar nichts und drehte ich mich zur Seite, sah es so künstlich aus, wie in einem Hollywoodstreifen, wo die Frauen auch immer so perfekte Kugeln am Körper hatten. An sich fand ich das auch total schön. Genauso hatte ich mir das vorgestellt und mein Hund und meine sehr aktive Arbeit halfen mir denke ich auch dabei, dass ich stets in Kondition auch mit dem Babybauch blieb. Allerdings hatte ich kaum Ressourcen, hatte ich das Gefühl. Ich fühlte mich viel zu schwächlich. In der Krankheitsphase zb. hatte ich gar nicht mehr zugenommen (mein Baby aber schon). Die Ärztin erklärte mir, dass in solchen Zeiten alle Energie in das Baby gesteckt wird. Alles, was noch so da ist (in den Beinen etc.) wird dann einfach verlagert. Deswegen habe ich insgesamt nicht zugenommen, das Baby ist aber weiter gut gewachsen.

Als es dann endlich nach einer Woche „übertragen“ (auch wenn es das so gesehen ja gar nicht gibt), los ging, war ich nervlich und körperlich am Ende. Ich hatte keine Kraft. Aber ich hatte eine Entscheidung im Kopf: Ich wollte eine natürliche Geburt schaffen! Solange mein Baby das mitmacht.

Und mein Baby hat es mit gemacht. Nach fast 30 Stunden Wehen, Opiumsspritzen, Wehenmittel, PDA und 2 Stunden Nähen, war sie tatsächlich als Spontangeburt auf die Welt gekommen und hatte völlig normale Körpergröße und -gewicht und war auch quietschfidel. Man packte sie mir sofort auf den Bauch.

Anstelle von Liebe war da nur Erleichterung

Ich fühlte einfach nur Überforderung. Ich spürte keine Liebe. Ich spürte Erleichterung: Endlich ist das geschafft! Endlich ist dieses „Ding“ draußen!

Sie lag die ganze Zeit während des Nähens auf meinem Bauch und ich versuchte sie anzulegen. Sie konnte auch super Saugen. Aber ich war quasi ausgesaugt. Aus mir kam gar nichts mehr. Mein Körper verweigerte alles und ich dann irgendwann auch. Ich habe irgendwann gefragt, ob mir nicht endlich jemand das Baby abnehmen und es Waschen könnte und mich Waschen könnte.

Das wurde dann auch getan und ich wurde wie eine halbe Leiche mit einem Rollstuhl in mein Zimmer und auf mein Bett gefahren. Ich konnte garnichts mehr. Nicht aufstehen, nicht auf Klo und das schlimmste: Nicht Schlafen! Meine Tochter kam um 22 Uhr auf die Welt und ich war um 3 Uhr immer noch so hellwach. Es war schön ruhig alles, ich war erleichtert, aber ich war so wach und das ja nun mittlerweile seit 3 Tagen!

Die nächsten Tage bestanden aus Fotos machen, WhatsAppen, Besuchen, aus auf Klo geschleppt werden von meinem Mann und im Bett vegetieren. Und vorallem aus genervt werden im Krankenhaus. Ständig kam jemand rein, ständig war eine Untersuchung, dann war wieder essen. Kaum war ich eingedöst, war wieder irgendetwas und dann dazu dieses fürchterliche Geschrei dieses Babys, das mir in den Ohren schrillte, wie sonst noch nie ein Lärm zuvor. Und ich konnte nichts machen. Ich konnte mich ja so gut wie garnicht bewegen. Alles musste mein Mann machen und der musste aber auch noch immer mal wieder weg fahren zu Arbeitsterminen. Und dann musste ich klingeln und es dauerte öfter mal bis jemand kam, denn natürlich war zu dem Zeitpunkt „FullHouse“ im Kreißsaal. Es war schrecklich. Ich fühlte mich allein gelassen /unfähig und vor allem total erschöpft. Ich bekam gleich am nächsten Tag eine Abstilltablette, weil ich merkte, dass das nichts wird. Mein Baby hatte so einen Zug und ich hatte nichts, außer irgendwann Eiter und Blut und höllische Schmerzen. Und gleich mit der Abstilltablette kamen die schrecklichen Schuldgefühle. Ich wollte doch sooo gern stillen und das Anlegen war das Einzige, was irgendwie noch Nähe mit dem Baby war. Was mir irgendwie das Gefühl gegeben hat, ich konnte noch was tun.

Trennungsschmerz und Kontrollverlust

Man hatte mir ja vorher gesagt, dass es wie ein Trennungsschmerz sein würde, wenn das Baby aus einem draußen ist und plötzlich in den Händen von anderen ist. Ich hatte in der Schwangerschaft mit diesen ständigen Getrete und der körperlichen Erschöpfung nur darüber gelacht und immer gesagt, wie froh ich bin, wenn ich endlich nicht mehr dran bin. Aber nun stellte sich doch so etwas wie Trennungsschmerz ein. Es war eine Mischung aus schlechtem Gewissen und Verantwortungsgefühl und irgendwo auch Liebe.

Aber vorallem war es ein Kontrollverlust. Ich war auf die völlige Hilfe anderer angewiesen und bis dato hatte ich alles immer allein geschafft. Und nun hatte ich auch noch das Gefühl, dass ich nicht wusste, wie es weiter gehen soll. Ich wusste, ich brauche Hilfe. Ganz viel Hilfe mit dem Baby. Nicht wegen des Babys. Ich traute mir alles zu mit dem kleinen Wurm. Ich hatte schon vorher aufgrund meiner Ausbildung sehr viele Kinder und auch Babys betreut. Ich hatte keine Angst davor mit dem Baby irgendetwas falsch zu machen oder was anzufassen, zu wickeln etc.

Aber das Problem war: Ich konnte nicht! Körperlich nicht! Und das machte mich fertig. Weil ich dachte, ich muss doch aber! Wer soll das denn machen? Mein Mann muss arbeiten, meine Mutter wohnt weit weg und muss auch arbeiten und meine Schwiegereltern wohnen 50 Kilometer entfernt, aber haben kein Auto und wer soll sie fahren?!

Ich hatte keine Bekannten in der Nähe, die mir so nah stünden, dass ich sie gefragt hätte und ich wollte eigentlich auch eigentlich nur meine Vertrauten um mich haben.

Na ja, diese ganzen Gedanken waren mir in diesem Moment allerdings garnicht so bewusst.

Ich kämpfte mich weiter durch die Tage. Schleppte mich zur Toilette und hätte jedes Mal schreien können vor Schmerzen. Aber vorallem: Ich hatte unglaublich extreme Kreislaufprobleme. Ich konnte nicht mal aufrechtsitzen ohne, dass mir Schwarz vor Augen wurde. Aufstehen war ziemlich gefährlich. Ich dachte, das wäre wohl alles normal nach so einer Geburt. Ich habe nicht groß über meinen körperlichen Zustand gemeckert. Ich dachte, das wäre halt alles normal. Ich habe auch kaum Schmerzmittel genommen. Später stellten sich einige Dinge heraus, wie extremen Eisenmangel bzw. Anämie usw. Aber alles erst einige Wochen später, als ich selbst zum Arzt ging und auf ein großes Blutbild bestand.

In der 3. Nacht bekam ich plötzlich ein Kribbeln in der linken Hand. Ich hatte total Panik. Das Kribbeln zog sich immer weiter bis zum Kopf. Ich hatte richtig Angst zu Sterben. Die Schwester sagte, das könnte von dem Abstillmedikament kommen. Ich bekam etwas zum Schlafen. Sie sagte, ich müsse dringend mal schlafen. Dann konnte ich auch Schlafen. Das Baby kam zu den Schwestern ins Schwesternzimmer, denn mein Mann war mittlerweile auch völlig fertig.

Ich hatte gut geschlafen. Endlich. Und dann setzte am 4. Tag nach der Geburt ein, was ich auch von meiner letzten depressiven Phase schon kannte: Zuerst ganz komische negative Gedanken. Ich kann das garnicht wirklich beschreiben, WAS konkret man da denkt.

Plötzlich war da nur noch Angst

Ich habe richtig zu meinem Mann gesagt: Mir kriecht etwas den Rücken hoch. Ich kann das nicht mehr aufhalten.

Eigentlich denkt man in dem Moment nicht wirklich viel außer: Angst!

Ich habe Angst, ich weiß aber nicht wovor. Und da extreme Angst in normalen Zusammenhängen ja mit körperlichen Symptomen einhergeht (wie Zittern, Herzrasen, Schwitzen, Magengrummeln oder Übelkeit), stellten sich diese Erscheinungen natürlich auch bei mir ein. Was das Ganze nicht wirklich besser macht. Grausige Gefühle innerlich/ äußerlich. Ich war nur noch ein Wrack.

Aber eins wusste ich: Ich muss hier jetzt raus! Ich kriege in diesem Krankenhaus keine Ruhe. Ich hatte fürchterliche Angst jetzt nach Hause zu fahren ohne ärztliche Betreuung in der unmittelbaren Nähe. Aber ich hatte gleichzeitig solch eine Sehnsucht danach! Nach Ruhe, nach Geborgenheit, nach Zuhause.

Die Wochen danach waren eigentlich der pure Kampf. Ich kann das garnicht im Detail wieder geben, weil es alles so viel war.

Ich war schon am nächsten Tag/Morgen bei der psychiatrischen Ambulanz, wo ich auch vorher schon einmal in Behandlung war. Leider war natürlich meine alte Psychologin nicht mehr dort. Aber eine andere, die sich viel Mühe gab, obwohl sie selbst nicht wesentlich älter war als ich, würde ich sagen und noch keine Kinder hatte. Außerdem betreute mich aber noch ein Arzt, der auch meine Tabletten (Antidepressiva) wieder stellte und mir in den akutesten Momenten sehr gute Ratschläge gab, die einen Klinikaufenthalt wieder kippten.

Ein Klinikaufenthalt kam für mich nur in Frage, wenn ich nichts mehr auf die Reihe bekommen hätte und es keine Möglichkeit gab, dass man mir von Zuhause aus hilft. Denn ich wusste, dass mein Heimweh mich sehr, sehr fertig machen würden. Zum Glück hatte ich ein sehr verständnisvolles Umfeld und eine wirklich engagierte Schwiegermama, die immer zu Stelle war, wenn es nicht mehr ging. Sie wohnte auch tageweise bei uns, was mich sehr entlastete. Ich fühlte mich nicht mehr so einsam und einfach entlastet.

Ich habe keine Schuld. Ich bin krank. Ich bin depressiv.

Ich kämpfte sehr für mich. Ich versuchte mich liebevoll zu betrachten und anzunehmen, dass ich krank bin. Nicht mehr und nicht weniger. Dass es nicht meine Schuld ist, wie es mir geht, sondern eine Krankheit, die aus vielen, verschiedenen Gründen mich heimgesucht hatte. Auch wenn das von einigen nicht verstanden wurde, so musste ich doch (auch letztes Mal schon) feststellen, dass es immer mehr anerkannt ist. Was vor allem auch da dran liegt, dass immer mehr Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, sich zu dem Thema und der Krankheit bekennen (ganz explizit in Fall postpartale Depression, also Depression in Bezug auf die Geburt eines Kindes, zB. Hayden Panetterie). Das Thema „Depressionen“ ist in aller Munde und sobald man dazu steht, stößt man auf immer mehr Verständnis und echt gemeintes Mitleid.

Viele kennen jemanden im nahen Umfeld mit ähnlichem Leiden oder haben ähnliche Erfahrungen schon selber gemacht und sind froh, dass man mal drüber spricht.

Trotzdem ist es noch unangenehm. Es ist unangenehm, weil man das Gefühl hat, man müsste es doch steuern können, was man fühlt oder fühlen darf oder nicht fühlen darf. Man will die Kontrolle über sich behalten, man will funktionieren, man will niemanden zur Last fallen, aber vor allem hat man diese Angst vor diesen nicht lokalisierbaren Schmerzen.

Den Schmerz erkennen, akzeptieren, sich ihm ergeben.

Wenn ich so einen depressiven Schub habe, wie ich es manchmal nenne, obwohl Schub eher ein unglückliches Wort ist, weil Schub klingt so, als würde es schlimmer werden. Also sagen wir lieber, wenn ich so eine depressive Phase habe, oder Welle, dann versuche ich mich da ähnlich reinzugeben, wie wenn ich einen körperlichen Schmerz habe. Wenn ich zb. Blasenentzündung habe oder Zahnschmerzen, dann krümme ich mich, dann weine ich, dann reibe ich mir die Stelle wo es schmerzt und dann organisiere ich parallel etwas um den Schmerz zu bekämpfen: Schmerzmittel, einen Arzttermin bei dem entsprechenden Arzt. Und ähnlich VERSUCHE (ich wähle bewusst versuchen, denn ich bin da noch kein Profi) ich mich genauso in diesen Schmerz zu geben. Weinen, liegen, wütend sein.. wo auch immer einem dann grad nach ist und gleichzeitig Maßnahmen zur Bekämpfung (auch das kann bei jedem anders sein, bei mir ist es:) in den Arm genommen werden, vor allem von meinem Mann und mit ihm drüber sprechen, alles rauslassen, für Entlastung sorgen in jeglicher Form (vorallem aber in der Betreung meiner Tochter), meine Psychologin anrufen und vorallem ausruhen, da ich es meist habe, wenn es zu viel war. Aber ich kenne auch das Gegenteil von anderen, dass man bewusst wieder in Aktion treten muss, weil man zb. unterfordert war.

Diese Krankheit hat irgendwie kein Patentrezept, was bei jedem gleich funktioniert. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass es eine Krankheit ist, für die man Experte werden kann. Ein Experte für sich selbst, so sagte meine Psychologin letztens.

Und gleichzeitig hilft diese Krankheit auch sehr viel, z.B. sich selbst zu reflektieren und seine Einstellungen, aber auch alte Wunden anzuschauen und (wenn man mutig ist) sie in Angriff zu nehmen, was z.B. heißt in Kontakt mit Menschen zu gehen, die einen verletzt haben, die man selber verletzt hat und das Gespräch zu suchen. Anzuklagen und vergeben oder eine gesunde Distanz schaffen. Das Leben wird auf einmal so klein. Es werden einem so ganz andere Sachen wichtig als, „Was läuft heute Abend im TV“ oder „Wann ist endlich wieder Wochenende“ oder „Wo fahren wir als nächstes in Urlaub“ oder „Ist der Rasen ordentlich gemäht“ oder „Was hat DIE denn an?“.

Sie bringt einen an die Grenzen des Seins. Ein bisschen wie der Spruch aus der Bibel: „Lehre uns bedenken, dass wir Sterben müssen, auf dass wir klug werden.“

Aber ich will das auf keinen Fall verschönigen, denn in erster Linie ist sie eins: Schmerz! Und ich drücke gedanklich alle, die sich hier, wiederholt oder zum ersten Mal, wieder finden und sage euch: Ich weiß, was ihr durchmacht! Und: Ihr seid nicht allein! Und vorallem: Ihr seid nicht Schuld!

Für Weitere Infos zum Thema und als super Austauschplattform für Betroffene, empfehle ich diese Seite."

Einen schönen, weiteren Bericht kann man auch auf Broadly lesen.

Hier die offizielle Studie der WHO zu MATERNAL MENTAL HEALTH & CHILD HEALTH AND DEVELOPMENT

Schlagwörter: Depressionen, Eltern, Elternzeit
Kolumne