Sind wir jemals gut genug? - Eine beruhigende Antwort

Kolumne

Alles fing mit dem Experiment an, einen Monat lang vegan zu leben. Einfach, um es auszuprobieren, was es mit mir macht. Ich verzichtete auf alle Milchprodukte, Eier und schaute genauer auf Labels und Inhaltsstoffe, sowohl bei Lebensmitteln, als auch bei Kosmetik. Ich hielt den einen Monat mehr oder minder durch. Mehr oder minder meint, dass ich zwei kleine Ausrutscher hatte. Schwamm drüber, könnte man sagen, aber am Ende meines Experiments achtete ich nicht darauf, was ich alles geschafft und dazugelernt hatte, sondern fokussierte mich auf die zwei "Ausrutscher": Ich hatte einmal Käse und einmal etwas mit Ei gegessen. Ich konzentrierte mich auf meine Schwäche und hatte Schuldgefühle.

Mein Mann, großer Fan des Philosophen Richard David Precht, erzählte mir einen Abend von einem Interview zwischen Precht und Prof. Dr. Hartmut Rosa. Letzter kam zu dem Schluss, dass wir aufgrund unserer permanenten Zeitoptimierung und unseren hohen Ansprüchen an uns selbst jeden Abend schuldig zu Bett gehen. Auch wenn Rosa eher von der begrenzten Zeit als Problem sprach, lässt sich sein prägnanter Satz auf viele unserer Probleme und auch auf mein Hadern mit mir selbst anwenden.

Wir gehen jeden Abend schuldig zu Bett. (Prof. Dr. Hartmut Rosa, Zeitforscher)

Sollte uns unsere Zeitoptimierung ursprünglich einmal mehr Zeit verschaffen, versuchen wir nur noch mehr in die "freie" Zeit hineinzuquetschen. Schrieben wir früher vier Briefe zu einem bestimmten Zweck, sind es heute 100 E-Mails. Und was haben wir wirklich an Zeit gewonnen? Nichts. Stattdessen fühlen wir uns permanent schuldig, nicht mehr zu schaffen

Eigentlich können wir doch nur verlieren, oder?

Ähnlich sieht es auch aus, wenn es um unsere Lebensentscheidungen geht: Wir haben unendlich viele Optionen, können uns glutenfrei, vegan, als Fleischesser oder frutarisch ernähren. Wir können auf konventionelle Kosmetik und Reinigungsmittel zurückgreifen, oder bio und vegane Produkte kaufen. Ob Yoga-Kleidung oder Jeans, selbst Kleidung lässt sich ohne großen Aufwand nachhaltig und fair shoppen. Wir haben also immer eine Wahl.

Obwohl viele von uns versuchen, mit der Ernährungsweise einen Beitrag zum Tier- und Umweltschutz zu leisten, fühlen wir uns am Ende schuldig, weil wir es für unser Empfinden nicht konsequent genug durchziehen. Das gleiche Gefühl machte sich übrigens auch bei mir breit, als ich am Flughafen einen Kaffee to go bestellte. Im Pappbecher. Mein Facebook-Stream hatte mir doch gerade erst vorgehalten, wie grausam Pappbecher sind und man ausschließlich wiederverwendbare benutzen sollte. Dem stimme ist grundsätzlich zu, aber manchmal geht es nicht anders.

Jeder kleine Schritt ist ein Schritt in die richtige Richtung

Lange Rede, kurzer Sinn: Diese Art von Perfektionismus ist Stress und Druck pur. Nicht nur ich versuche so viel wie möglich richtig zu machen. Vielen meiner Freunde handhaben es ähnlich. Vegane Bio-Lebensmittel, Naturkosmetik, biologisch abbaubares Waschmittel, kein Plastik, Butterbrotdosen aus Metall, 5 Minute Beach-Clean-Up - ihr alle kennt die Trends.

Doch egal, wie sehr ich mich bemühe, nachhaltige Entscheidungen zu fällen, ich habe immer das Gefühl, dass es nicht genug ist. Ich alein kann nicht genug bewegen. Das, was ich beeinflussen kann, ist nur ein verschwindend winziger Teil. Die Weltmeere werden durch eine Veränderung meines Verhaltens nicht sauber. Der Druck ist enorm und wir können eigentlich nur verlieren bei diesen hohen Ansprüchen. Denn kein Mensch ist perfekt.

Aber ist die Lösung, nun doch alle Prinzipien über Bord zu schmeißen?

Nein, bestimmt nicht.

Denn jeder kleine Schritt in eine nachhaltigere Zukunft ein Schritt in die richtige Richtung ist. Ob man einmal im Jahr einen Pappbecher für seinen Kaffee nimmt, wird unsere Welt nicht ruinieren. Die Summe macht's. Ist es daher nicht deutlich gesünder für die eigene Ausgeglichenheit, auch mal Fünfe gerade sein zu lassen? Schwächen zuzulassen, selbst wenn man sonst immer bewusste Entscheidungen fällen möchte?

Daher mein Vorschlag, um ein wenig gelassener und ausgeglichener ans nachhaltige Ziel zu kommen: Lasst uns versuchen, uns weniger Druck zu machen und dennoch das Ziel einer nachhaltigeren Welt nicht aus den Augen zu verlieren. Lasst uns weiter auf dem Laufenden bleiben, wie unser Verhalten die Umwelt beeinträchtigt und unser Verhalten überdenken. Wenn man eine neue Jeans tut, sollte das faire, nachhaltige Label den Vorrang haben. Lasst uns versuchen ein gesundes Maß zu finden und dennoch unser Bestes zu geben - aber ohne die krampfartige Verbissenheit.

Wer macht mit?

Photo by Gustav Gullstrand on Unsplash

Autor: Svenja Goebel
Themen: Nachhaltigkeit

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